"Nicht Krieg bringt die meisten Opfer hervor, sondern das soziale Nahfeld"

BERLIN (af). Viele Hausärzte tun sich schwer, bei Patienten die Folgen von sexueller und häuslicher Gewalt zu erkennen. Darauf haben Vertreter der gemeinnützigen Catania-Gesellschaft hingewiesen. Oft fehle die Zeit für intensive Gespräche und die Erfahrung, um "richtig nachfassen zu können", sagten die Trauma-Experten Hilde Gött und Christian Pross in Berlin.

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Mit zertifizierten Fortbildungen für interessierte Ärzte will die Catania dieses Manko beheben helfen. Damit rennen die Catania-Macher offene Türen ein. Einer Umfrage unter etwa 700 niedergelassenen Ärzten zufolge fühlen sich 90 Prozent der Ärzte in ihrer Ausbildung ungenügend über posttraumatische Belastungsstörungen informiert. Vier Fünftel der Kollegen behandeln demnach im Quartal mindestens zehn Patienten, die Opfer von Gewalttaten sind. Dabei empfinden sie hohe diagnostische Unsicherheit. Die befragten Ärzte gehen zudem von einer hohen Dunkelziffer aus.

Das Interesse der Ärzte an den von Catania angebotenen Fortbildungsveranstaltungen nimmt von Norden nach Süden stark zu. In Schleswig-Holstein habe sich genau ein Arzt angemeldet, in Süddeutschland seien es bis zu 20 Prozent der angeschriebenen Mediziner gewesen, sagte Pross, Arzt und Mitbegründer des Berliner Zentrums für Folteropfer. Er verwies darauf, daß die Landesärztekammern für die Catania-Veranstaltungen zwölf Fortbildungspunkte vergeben.

Benefizkonzerte "Lost in the stars"

Mit der Aktion "Kleine Knochen brechen leise" wendet sich Catania jetzt erstmals an eine breite Öffentlichkeit. Auch Benefizkonzerte unter dem Titel "Lost in the stars"mit der Berliner Mezzosopranistin Friederike Meinel sollen Catania bekannt machen. Hauptsponsor von Catania ist der Berliner Generika-Hersteller CT Arzneimittel. "Ein Cent pro verkaufter Packung fließt in die Arbeit der Catania", so CT-Marketingchef Dr. Michael Klein. Das erste Projekt, das die Gesellschaft aktiv unterstützt, ist die Einrichtung von Therapieplätzen für Kinder aus sozial schwachen Familien in Berlin. Schwerpunkte sollen Kunst-, Musik- und Reittherapien in Berliner Einrichtungen sein.

Die Polizei schätzt, daß jedes fünfte Mädchen und jeder 13. Junge vergewaltigt wird. "Nicht Naturkatastrophen oder Krieg bringen die meisten Opfer hervor, sondern das soziale Nahfeld", sagt die Berliner Therapeutin Hilde Gött. Den jungen Opfern zu helfen, scheitere aber immer häufiger am Geld. Krankenkassen und Jugendämter bezahlten die Therapien in der Regel nur ein bis zwei Jahre. In diese Bresche will Catania springen.

Forsches Vorpreschen ist nicht angezeigt!

Ärzten rät Gött, sich abzusichern, wenn sie unsicher sind und die Diagnose unklar ist. Mit mißhandelten Kindern und ihren Familien müsse besonders behutsam umgegangen werden. Forsches Vorpreschen sei oft kontraproduktiv. Hinweise auf Beratungsstellen und Zufluchtsorte könnten helfen, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen. In dringenden Fällen sollten Ärzte das Jugendamt informieren.

Ähnlich sei die Situation auch bei Migrantinnen, die Opfer häuslicher Gewalt seien. Oft gälten in den entsprechenden Gemeinschaften strenge Ehrenkodizes, die keiner der Beteiligten verraten wolle. Sinnvoll sei es auch hier, die Opfer vorsichtig über Beratungsmöglichkeiten zu informieren, so Gött. Catania plant, Infobroschüren zunächst in türkischer Sprache herauszugeben.



STICHWORT

Catania

Der Name "Catania" leitet sich ab von der heiligen Agathe von Catania, der Schutzpatronin aller Menschen, die Grausames erleiden müssen. Die Catania ist eine gemeinnützige Non-Profit-Organisation. Hauptgesellschafter ist die Stiftung Überleben, die unter anderem das Zentrum für Folteropfer in Berlin finanziert. Die Ende 2004 gegründete Gesellschaft versteht sich als unterstützende Partnerin für Ärzte und Therapeuten, die in ihren Praxen mit traumatisierten Gewaltopfern konfrontiert werden.

Ziele von Catania sind Beratung und Fortbildung von Ärzten in Diagnostik und Therapie von posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD) sowie Fort- und Weiterbildung von Psychotherapeuten und Supervisoren. Catania widmet sich ferner dem Aufbau eines nationalen Therapienetzwerkes und dem Ausbau des Therapieangebotes für Opfer häuslicher und sexueller Gewalt.

Allgemeinmediziner, Praktiker und Internisten können sich bei einer Hotline kostenlos zum PTSD beraten lassen. Die Catania-Fachleute nennen dann auch Psychotraumatologen in der Nähe des Wohnorts der Patienten. Die Hotline ist montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr unter der Nummer 01 80 / 202 52 02 zu erreichen. Ein Anruf kostet zwölf Cent.

Broschüren, aus denen sich Patienten anonym informieren können, können Ärzte bestellen unter der Nummer 030 / 30 39 06 70. (af)

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