Studie

Paracetamol bei Senioren wohl sicherer als gedacht

Paracetamol ist "ein sicheres Schmerzmittel erster Wahl" bei älteren Patienten, so französische Forscher in der lange währenden Diskussion um das Schmerzmittel. Ausnahme: Senioren mit Diabetes.

Von Robert BublakRobert Bublak Veröffentlicht:
Paracetamol im Altenheim: In der Studie lag die Dosis im Mittel bei 2400 mg pro Tag.

Paracetamol im Altenheim: In der Studie lag die Dosis im Mittel bei 2400 mg pro Tag.

© Yuri Arcurs / Fotolia

TOULOUSE. Paracetamol könnte entgegen früherer Befürchtungen auch für ältere Patienten ein sicheres Arzneimittel sein. Darauf deuten jedenfalls Daten einer Forschergruppe aus Toulouse. (J Am Geriatr Soc 2019; online 26. März)

Immer wieder hat es in den vergangenen Jahren negative Meldungen zur Therapie mit Paracetamol gegeben. Die Frage nach der Sicherheit stellt sich besonders bei geriatrischen Patienten. Die Situation wird kompliziert durch die im Alter veränderte Physiologie, die sich auf Pharmakokinetik und -dynamik auswirkt, sowie durch Begleitkrankheiten und dafür nötige weitere Medikamente.

Die Studie aus Toulouse könnte die Diskussion etwas beruhigen: „Im Ganzen gesehen ist Paracetamol für die meisten Patienten in Altenheimen ein sicheres Schmerzmittel erster Wahl“, konstatieren die Forscher um Dr. Philippe Girard. Eine Einschränkung gibt es bei Diabetes-Patienten: Das Risiko für einen Schlaganfall war in der Studie bei Altenheimbewohnern mit Diabetes bei täglicher Einnahme von Paracetamol um das Dreifache erhöht.

Wie sah das Studiendesign aus?

Die Forscher analysierten Daten von 5429 Bewohner aus 175 Heimen in Frankreich. Sie waren im Mittel 86 Jahr alt. Der Beobachtungszeitraum umfasste eineinhalb Jahre. Die Frage der Geriater lautete: Wie wirkt sich die Analgesie mit Paracetamol auf die Mortalität sowie auf die Herzinfarkt- und Schlaganfallraten von Altenheimbewohnern aus?

2239 Altenheimbewohner nahmen täglich Paracetamol ein, die mittlere Dosis betrug 2400 mg. Im Vergleich zu Heimbewohnern, die kein Paracetamol einnahmen, war weder ein Einfluss auf die Mortalität erkennbar – sie lag in beiden Gruppen bei rund 22 Prozent –, noch lag die Herzinfarktrate höher. Das galt auch unter Abgleich gegen Faktoren, die eine Paracetamoleinnahme wahrscheinlicher machen.

Bei Diabikern traten Schlaganfälle unter Paracetamol jedoch in einem der sechs durchgerechneten Modelle (und zwar in jenem, das nach Faktoren abgeglichen war, die mit der Einnahme assoziiert waren, etwa Stürze, Frakturen, Schmerzstärke) signifikant häufiger auf. Die Rate war im Mittel auf das Dreifache erhöht.

Was sind die Einschränkungen der Studie?

Die Forscher weisen darauf hin, dass ihre Daten einer Beobachtungsstudie entstammen; die Einnahme von Paracetamol wurde zudem nur zu Beginn der Studie erfasst, Verordnungen davor und danach blieben unberücksichtigt. Um die analgetische Therapie älterer Diabetiker zu verbessern, seien daher weitere Studien nötig, so das Team um Girard.

Lange Zeit galt die Einnahme von Paracetamol in empfohlener Dosierung ja als unbedenklich. Andererseits nimmt Paracetamol auch bei den überdosierten Medikamenten einen Spitzenplatz ein, ebenso bei den Ursachen für medikamenteninduziertes Leberversagen.

Der angekratzte Ruf von Paracetamol wurde nicht besser, nachdem Berichte über erhöhtes Asthmarisiko, Nierentoxizität, häufigere Frakturen und hämatologische Malignome nach Paracetamoleinnahme die Runde gemacht hatten. Hinzu kamen Meldungen über unerwünschte Wechselwirkungen mit anderen Substanzen, etwa Cumarinen.

Eine Überblicksarbeit nährte zudem den Verdacht, die Einnahme von Paracetamol könnte mit einer höheren Rate von kardiovaskulären Ereignissen assoziiert sein. Inzwischen sehen Wissenschaftler das Analgetikum daher kritischer und raten zur Vorsicht bei seinem Gebrauch.

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