Rocaglamid

Pflanzlicher Schutz vor Chemotherapeutika

Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) haben entdeckt, dass der pflanzliche Wirkstoff Rocaglamid gesunde Zellen vor der toxischen Wirkung von Chemotherapeutika schützt. Diese Erkenntnis könnte die Krebstherapie in Zukunft möglicherweise verträglicher machen.

Veröffentlicht:

HEIDELBERG. Die meisten Chemotherapeutika schädigen die DNA von sich schnell teilenden Zellen. Dazu gehören nicht nur Krebszellen, sondern auch gesunde Zellen wie Blut-, Haarfollikelzellen oder die Schleimhautzellen in Magen und Darm.

Bislang gibt es nur wenige Medikamente, die die Nebenwirkungen auf gesundes Gewebe direkt verhindern können, heißt es in einer Mitteilung des DKFZ.

Ob durch einige dieser Medikamente auch die Krebszellen selbst vor den Chemotherapeutika geschützt werden, ist noch nicht geklärt. Deshalb suchen Wissenschaftler um Dr. Min Li-Weber vom DKFZ nach neuen Wirkstoffen. "

Rocaglamid war einer von vielen pflanzlichen Substanzen, die wir getestet haben", wird Studienleiterin Li-Weber in der Mitteilung zitiert. "Der Wirkstoff wird aus Kräutern gewonnen und seit vielen Jahren in der chinesischen Medizin beispielsweise gegen Entzündungen eingesetzt" (Cell Death Dis. 2014, online 16. Januar).

Rocaglamid an weißen Blutkörperchen getestet

Um herauszufinden, ob Rocaglamid gesunde Zellen vor den Chemotherapeutika schützt, haben die Forscher weiße Blutkörperchen von gesunden Spendern mit verschiedenen Chemotherapeutika behandelt und unterschiedliche Konzentrationen an Rocaglamid zugesetzt.

Das Ergebnis: "Je höher die Menge an Rocaglamid war, desto mehr weiße Blutkörperchen haben überlebt", berichtet Min Li-Weber. Auf die Überlebensrate der im Versuch verwendeten Krebszelllinien hatte der Wirkstoff dagegen keinen Einfluss.

Und wie genau wirkt Rocaglamid? Kann es die DNA-Schäden in gesunden Zellen sogar verhindern? Die Wissenschaftler verglichen dafür den Zustand der DNA nach der Gabe eines Chemotherapeutikums entweder mit oder ohne Rocaglamid. "Die Schäden waren nahezu identisch", sagt Erstautor Michael Becker. "Das bedeutet zum einen, dass Rocaglamid die Wirkung der Chemotherapeutika nicht direkt verhindert. Zum anderen heißt es aber auch, dass der Wirkstoff selbst keine DNA-Schäden verursacht."

Wirkstoff blockiert Produktion des Proteins p53

In weiteren Tests fanden die Wissenschaftler heraus, dass Rocaglamid die Produktion des Proteins p53 blockiert. Dieses Protein, auch "Wächter des Genoms" genannt, wird von Zellen mit DNA-Schäden gebildet. Dabei hat p53 folgende Aufgabe: Es aktiviert ab einem bestimmten Schwellenwert den sogenannten programmierten Zelltod und sorgt so dafür, dass die fehlerhafte Zelle abstirbt.

"Rocaglamid verhindert also, dass gesunde Zellen nach Kontakt mit einem Chemotherapeutikum das Protein p53 bilden und so den programmierten Zelltod aktivieren", erläutert Becker. "Und weil p53 bei etwa der Hälfte aller Krebsarten in den Krebszellen fehlt oder defekt ist, hatte Rocaglamid in unseren Tests keinen Einfluss auf die Krebszellen."

Patienten mit Tumoren, die kein p53 haben, könnten also möglicherweise von Rocaglamid profitieren, denn der Wirkstoff schützt in diesem Fall ausschließlich die gesunden Zellen vor den Chemotherapeutika.

Kein erhöhtes Krebsrisiko durch kurzfristiges Blocken

Doch was ist die Konsequenz, wenn Zellen mit DNA-Schäden nicht sofort absterben? Entstehen so möglicherweise neue Krebszellen? "Zahlreiche Versuche in anderen Laboren haben ergeben, dass ein kurzfristiges Blocken von p53 zu keinem erhöhten Krebsrisiko führt", berichtet Becker. "Ob das auch für Rocaglamid gilt, wollen wir als nächstes herausfinden."

Eine Vermutung, warum p53-Blocker das Krebsrisiko nicht erhöhen, hat der Forscher bereits: "Es könnte sein, dass die Zellen so mehr Zeit haben, ihre DNA-Schäden zu reparieren." Doch das ist nur eine Hypothese, die es ebenfalls zu überprüfen gilt. (eb)

Mehr zum Thema

Fortgeschrittenes HR+/HER2- Mammakarzinom

Endokrinbasierte Kombinationstherapie mit Ribociclib verlängert Gesamtüberleben

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg

Kongressankündigung

Schnittstellen im Fokus beim Deutschen Krebskongress 2022

Schlagworte
Das könnte Sie auch interessieren
Management tumorassoziierter VTE

© Leo Pharma GmbH

CME-Fortbildung

Management tumorassoziierter VTE

Anzeige | Leo Pharma GmbH
CAT bei „3G“-Tumoren richtig managen

© Leo Pharma GmbH

Empfehlungen

CAT bei „3G“-Tumoren richtig managen

Anzeige | Leo Pharma GmbH
Die Ära der Immunonkologie: bessere Chancen für Krebspatienten

© Bristol-Myers Squibb

Immunonkologie mit dem Schwerpunkt Biomarker

Die Ära der Immunonkologie: bessere Chancen für Krebspatienten

Anzeige | Bristol-Myers Squibb GmbH & Co. KGaA
Prädiktion in der Immunonkologie mit Biomarkern

© Alpha Tauri 3D Graphics / shutterstock

Immunonkologie mit dem Schwerpunkt Biomarker

Prädiktion in der Immunonkologie mit Biomarkern

Anzeige | Bristol-Myers Squibb GmbH & Co. KGaA
OH-Ton – Trifft den Ton in der Onkologie & Hämatologie

© Bristol-Myers Squibb GmbH & Co. KGaA

CAR-T-Zelltherapie

OH-Ton – Trifft den Ton in der Onkologie & Hämatologie

Anzeige | Bristol-Myers Squibb GmbH & Co. KGaA
Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Bei aggressiven Patienten hilft nur Deeskalation: Dabei sollten die MFA ruhig, aber bestimmt Grenzen setzen.

© LIGHTFIELD STUDIOS / stock.adobe.com

Tipps

Die richtige Kommunikation mit schwierigen Patienten

Die Gesundheitsministerkonferenz will mehr Gelegenheiten für das Corona-Impfen schaffen – so auch in Apotheken.

© ABDA

GMK-Beschluss

Gesundheitsminister wollen Corona-Impfungen in Apotheken

Trauer über den Verlust des Babys: 0,62 Prozent der Klinikgebärenden ohne COVID-19 hatten in den USA von März 2020 bis September 2021 eine Totgeburt. Bei Gebärenden mit COVID waren es 1,26 Prozent. (Symbolbild mit Fotomodell)

© thodonal / stock.adobe.com

Corona-Studien-Splitter

Was CureVacs Corona-Impfstoff von BioNTechs unterscheidet