Kardiologie

Plötzlicher Herztod im Sport kaum vorherzusehen

Immer wieder sorgt ein plötzlicher Herzstillstand im Leistungssport für Aufsehen. In einer kanadischen Analyse ließen sich jedoch bei weniger als einem Viertel der Betroffenen Anomalien nachweisen, die in einer Untersuchung hätten auffallen können.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Immer wieder sterben Sportler eines Herztodes.

Immer wieder sterben Sportler eines Herztodes.

© massimhokuto /stockadobe.com

TORONTO. Es passiert zwar äußerst selten, aber spektakuläre Fälle wie die des ungarischen Fußballnationalspielers Miklos Feher oder des italienischen Zweitligaspielers Piermario Morosini bleiben den Fans sicher im Gedächtnis: Beide brachen auf dem Spielfeld vor laufender Kamera zusammen und starben. Solche Ereignisse werfen die Frage auf, weshalb es trotz der gründlichen kardiologischen Untersuchungen, denen sich Profisportler in der Regel unterziehen, zu einem plötzlichen Herztod kommen kann. In einer aktuellen Analyse haben Notfallmediziner um Dr. Cameron Landry von der Universität in Toronto herausgefunden, dass sich die allermeisten Fälle von plötzlichem Herzstillstand bei Sportlern in der Tat aus dem Nichts heraus ereignen. Bei mehr als drei Viertel lassen sich keine strukturellen Herzerkrankungen oder anderen Veränderungen aufspüren, die zuvor bei einer kardiologischen Untersuchung hätten auffallen müssen (N Engl J Med 2017; 377: 1943).

Nur 16 Herzstillstände auf 2,1 Millionen Sportlerjahre

Das Team um Landry hat für seine Analyse Angaben aus dem Notfallregister "Rescu Epistry" ausgewertet. Das Register umfasst alle Herzstillstände außerhalb einer Klinik, zu denen ein Rettungsteam geschickt wird und die sich in einer Region in Ontario mit rund 6,6 Millionen Einwohnern ereignen. Die Forscher beschränkten sich auf Angaben zu Herzstillständen bei Sportlern im Alter von 12 bis 45 Jahren, dabei differenzierten sie zwischen Freizeit- und Wettkampfsportlern. Als sportbedingt wurden alle plötzlichen Herzstillstände definiert, die sich während einer sportlichen Betätigung oder bis zu einer Stunde danach ereigneten. Die Ärzte um Landry bezogen sich ferner auf die Jahre 2009 bis 2014. In dieser Zeit ereigneten sich in der genannten Altersgruppe 3825 Herzstillstände außerhalb einer Klinik, nur 74 traten während des Sports oder kurz danach auf, knapp die Hälfte der Betroffenen (44 Prozent) überlebte den Herzstillstand. 16 Ereignisse wurden während sportlicher Wettkämpfe beobachtet.

In der Zielregion waren über 350.000 Menschen in Sportvereinen registriert. Bezogen auf 2,1 Millionen Sportlerjahre im Untersuchungszeitraum ergibt dies eine Inzidenz von 0,76 plötzlichen Herzstillständen auf 100.000 Wettkampfsportler und Jahr. Am häufigsten ereigneten sich die Herzstillstände bei Laufwettbewerben oder Fußballspielen; im Freizeitsport waren es vor allem Joggen und bei Gymnastikübungen.

EKG und Echokardiogramm wenig hilfreich

Für sechs der 16 Herzstillstände von Wettkampfsportlern hatten Ärzte mangels anderer Erklärungen eine primäre Arrhythmie diagnostiziert, bei drei wurde ein ischämisches Ereignis festgestellt, ebenfalls bei drei abnorme Koronarien und zwei hatten eine hypertrophe Kardiomyopathie. Einer von beiden war zuvor per EKG und Echokardiogramm untersucht worden, ohne dass sich Auffälligkeiten ergeben hatten, der andere hatte keine solchen Tests absolviert. Bei den sieben Überlebenden führten die Nachuntersuchungen mit diesen Techniken sowie einem Belastungstest ebenfalls zu normalen Befunden.

Die Ärzte um Landry gehen davon aus, dass für lediglich drei der 16 Personen unklar ist, ob eine kardiologische Voruntersuchung einen auffälligen Befund ergeben hätte – bei einem Sportler mit hypertropher Kardiomyopathie sowie den beiden Verstorbenen mit primärer Arrhythmie. Sie nehmen also an, dass eine sportmedizinische Untersuchung per EKG und Echokardiogramm bei weniger als einem Viertel der Sportler auffällig ist, die später im Wettkampf einen plötzlichen Herzstillstand erleiden. Selbst wenn Ärzte bei allen drei Sportlern ein erhöhtes Risiko für einen plötzlichen Herzstillstand hätten erkennen können, müssten immer noch mindestens 146.000 Sportler gescreent werden, um eine gefährdete Person zu identifizieren.

Zugleich räumen die Forscher mit der Vorstellung auf, wonach eine hypertrophe Kardiomyopathie zu den häufigsten Ursachen eines plötzlichen Herzstillstands zählt. Davon waren in ihrer Stichprobe nur zwei von 16 betroffenen. Es sei daher fraglich, ob die Untersuchung auf strukturelle Herzerkrankungen im Sport tatsächlich etwas nütze, geben die Ärzte um Landry zu bedenken.

Angst vor dem plötzlichen Herztod brauchen Wettkampfsportler jedenfalls nicht zu haben: In der altersadjustierten Allgemeinbevölkerung tritt ein plötzlichen Herzstillstand mit einer Inzidenz von 4,8/100.000 rund fünffach häufiger auf.

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