Drittel aller Diabetiker noch ungeschult

Problemfall Diabetes-Schulung

Obwohl Patientenschulungen als ein Bestandteil der Diabetes-DMP vorgesehen sind, wurde ein Drittel der Patienten noch nicht geschult. Das liegt auch daran, dass die Krankenkassen die Schulung zu wenig fördern, mahnen Experten. Doch es gibt Hoffnung.

Rebekka HöhlVon Rebekka Höhl Veröffentlicht:
Bei der Schulung der Diabetes-Patienten gibt es oft noch Nachholbedarf.

Bei der Schulung der Diabetes-Patienten gibt es oft noch Nachholbedarf.

© Raths/stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)

Deutschland könnte Vorreiter in Sachen Diabetesschulung sein. Denn die Voraussetzungen für das Training von Diabetespatienten sind im Vergleich zu anderen Ländern gut. Es handele sich um das einzige Land weltweit, dass durch Disease Management Programme (DMP) den Anspruch auf den Zugang und die Finanzierung der Diabetesschulung formal verankert habe, heißt es im "Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2018" der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Deutschen Diabetes Hilfe. Trotz der DMP seien aber rund ein Drittel aller Diabetiker noch nicht geschult.

Und dies ist längst nicht der einzige Kritikpunkt, den Nicola Haller vom Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland e.V. (VDBD) und Bernhard Kulzer vom Diabetes Zentrum Mergentheim in ihrem Beitrag im Diabetesbericht vorbringen. Viele Patienten würden nicht unmittelbar nach der Krankheitsmanifestation, sondern erst irgendwann im Verlauf der Erkrankung geschult. Gleichzeitig fehle eine einheitliche Struktur bei der Umsetzung: Es gebe eine große Vielfalt von Verträgen, bemängeln die beiden Experten. Dabei würden regional sehr unterschiedliche Bedingungen gelten. Moniert wird zudem, dass die Krankenkassen die Schulung zu wenig fördern würden.

Retter Innovationsfonds?

Hier versuchen zumindest einige Programme des Innovationsfonds, gegenzusteuern. Dazu zählt etwa "Dimini" (die Abkürzung steht für "Diabetes Mellitus? Ich nicht!"), bei dem dieses Jahr 5000 Patienten ein modular aufgebautes Coaching erhalten sollen (siehe auch Seite 9). Das Projekt läuft in Schleswig-Holstein und Hessen und es machen neben den Landes-AOKen gleich weitere gesetzliche Krankenkassen mit. Ein anderes Programm, das erst im Mai dieses Jahres startet, ist TeLiPro (die Abkürzung steht für "Telemedizinische Lebensstil-Interventions-Programm für Typ-2-Diabetiker"). Es soll übergewichtige Diabetespatienten durch eine individuelle telemedizinische Betreuung beziehungsweise ein Tele-Coaching hin zu einem gesünderen Lebensstil führen und gleichzeitig die Adhärenz stärken. Projektpartner sind unter anderem die AOK Rheinland/Hamburg als Konsortialführerin, das Deutsche Diabetes Zentrum, das Deutsche Institut für Telemedizin und Gesundheitsförderung (DITG) und die KV Nordrhein. Insgesamt 2000 Patienten sollen teilnehmen.

Knackpunkt Behandlungsziel

Projekte, die einiges von dem mitbringen, was Haller und Kulzer als Kriterien für eine gute Diabetesschulung nennen. Ein ganz wichtiger Punkt ist das gemeinsame Definieren individueller Behandlungsziele. Laut der Experten reicht der reine Wissenstransfer zur Erkrankung und Therapie für die so wichtige Verhaltensänderung gerade bei Typ-2-Diabetikern nicht aus. Der Patient müsse lernen, eine aktivere Rolle einzunehmen – dazu müsse er auch Fertigkeiten zur Umsetzung der Therapie im Alltag einüben. Dazu gehöre aber auch das Stärken und Trainieren sozialer Kompetenzen.

Haller und Kulzer zeichnen folgende Ziele einer "zeitgemäßen Diabetesschulung":

  • Information und Aufklärung über die Krankheit, mögliche Begleiterkrankungen und Komplikationen sowie Vermittlungen von Wissen und Fertigkeiten zur aktiven Umsetzung geeigneter Therapiemaßnahmen,
  • Hilfestellung zur Krankheitsakzeptanz, Aufbau einer adäquaten Behandlungsmotivation und Unterstützung beim eigenverantwortlichen Umgang mit der Erkrankung,
  • Förderung alltagsrelevanter therapieunterstützender Maßnahmen (Bewegung und Ernährung)
  • Vermitteln von Bewältigungsfertigkeiten und Strategien zum Erhalt der Lebensqualität,
  • Unterstützung bei der Formulierung von Behandlungszielen,
  • Vermeidung von Akut- und Folgekomplikationen des Diabetes,
  • Überprüfung der Kenntnisse und Fertigkeiten im Zusammenhang mit dem Selbstbehandlungsverhalten der Patienten
  • Hilfestellung zur Inanspruchnahme von sozialer Unterstützung (z.B. Familienangehörige, Selbsthilfegruppen)

Dabei machen die Experten drei Phasen der Schulung aus: die Basisschulung unmittelbar nach der Diagnose, die Nach- oder Wiederholungsschulung zur Auffrischung sowie die spezielle problemorientierte Schulung bei Änderungen des therapeutischen Regimes oder eben bei besonderen Problemen mit dem Diabetes.

Bevor Diabetiker geschult werden, was in den Arztpraxen durchaus in Gruppenschulungen stattfinden kann, sollte neben dem Risikoprofil des einzelnen Patienten aber auch dessen Wissensstand zur Erkrankung und seine Motivation erfasst werden. Um den richtigen Patienten in der richtigen Schulungsgruppe zu haben, sollten zudem Alter, kognitive Fähigkeiten und besondere kulturelle Voraussetzungen berücksichtigt werden. Denn in einer homogenen Gruppe fühlen sich die Patienten auch bei der Schulung wohler und nehmen mehr mit.

An Fachkräften für Schulungen dürfte es deutschlandweit nach Ansicht von Haller und Kulzer eigentlich nicht fehlen: Es stünden über 4200 Diabetesberaterinnen und 8000 Diabetesassistentinnen DDG zur Verfügung. Allerdings wird nichts über deren sonstige beruflichen Verpflichtungen oder ihre Verteilung auf einzelne Regionen gesagt.

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