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Neues Verfahren

Radar statt Stethoskop für Herztonmessung?

Ein neues Radargerät überzeugte im ersten Test: Herztöne ließen sich damit zuverlässig detektieren. Die Methode könnte eine berührungslose und automatische Überwachung der Vitalfunktionen möglich machen – und hat Gemeinsamkeiten mit der Tempomessung auf der Straße.

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Radargerät statt EKG: Bei der Diagnose des ersten Herztons erreichten die Forscher eine Übereinstimmung von 92 Prozent mit dem EKG.

Radargerät statt EKG: Bei der Diagnose des ersten Herztons erreichten die Forscher eine Übereinstimmung von 92 Prozent mit dem EKG.

© FAU / Kilin Shi

ERLANGEN. Erlanger Forscher haben eine Methode entwickelt, die das Stethoskop eines Tages ablösen könnte: Mittels eines sogenannten Sechstor-Dauerstrich-Radarsystems messen sie Vibrationen der Haut, die durch den Herzschlag verursacht werden, heißt es in einer Mitteilung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Herztöne ließen sich so zuverlässig detektieren.

"Wir bedienen uns im Grunde einer ähnlichen Methode, die auch bei der Geschwindigkeitsmessung im Straßenverkehr zum Einsatz kommt", wird Christoph Will, Doktorand am Lehrstuhl für Technische Elektronik der FAU zitiert. "Dabei wird eine Radarwelle auf die Oberfläche eines Objektes gerichtet und reflektiert. Bewegt sich das Objekt, ändert sich die Phase der reflektierten Welle. Daraus errechnen wir dann die Stärke und Frequenz der Bewegung, in unserem Fall des Brustkorbes.

 Im Unterschied zum Verkehrsüberwachungsradar ist das biomedizinische Radarsystem in der Lage, Bewegungsänderungen im Bereich weniger Mikrometer zu erfassen – eine wichtige Voraussetzung dafür, selbst kleinste Anomalien zu diagnostizieren.

Hohe Übereinstimmung mit EKG

Die ersten Testversuche verliefen erfolgreich: Die Probanden wurden in verschiedenen Aktivierungszuständen – in Ruhe, nach dem Sport – untersucht und ihre Herztöne detektiert. Der direkte Abgleich des Radarsystems mit herkömmlichen Standardinstrumenten – einem digitalen Stethoskop und einem Elektrokardiografen – zeigte eine sehr hohe Korrelation (Sci Rep 2018; online 26. Juli).

Kilin Shi, ebenfalls Doktorand am LTE: "Bei der Diagnose des S1, des ersten Herztons, beispielsweise erreichen wir eine Übereinstimmung von 92 Prozent mit dem EKG. Im direkten Vergleich der Signalformen mit dem digitalen Stethoskop liegt die Korrelation bei 83 Prozent. Das ist absolut zuverlässig."

Die geringen Abweichungen erklären die Forscher damit, dass die gleichzeitigen Messungen von Radar- und Referenzwerten nicht an exakt derselben Stelle des Körpers vorgenommen werden können. Außerdem erfasst das Radarsystem im Unterschied zum Stethoskop eine Fläche und nicht einen einzelnen Punkt – auch das ein Grund für unterschiedliche Messwerte.

Automatische Messung im Wartezimmer möglich?

Die Wissenschaftler sind optimistisch, dass mobile Radarsysteme in naher Zukunft die klassischen Stethoskope bei der Diagnose der Herzfunktion ersetzen könnten. Ein großer Vorteil des Radars liege darin, dass die Werte digital erfasst und somit objektiviert werden – der Mensch als Fehlerquelle bei der Diagnose von Anomalien oder Krankheiten kann so zunehmend ausgeschlossen werden.

Vorstellbar wäre auch, biomedizinische Radarsysteme eines Tages für automatisierte prophylaktische Untersuchungen beispielsweise in Wartezimmern von Arztpraxen, in Arbeitsumgebungen oder auch zuhause einzusetzen.

In einem weiteren Projekt arbeiten die Forscher daran, die Vitalfunktionen von schwerkranken Patienten mittels stationärer Radarsysteme zu überwachen – rund um die Uhr und ohne störende Verkabelungen. "Ein berührungsloses und somit belastungsfreies Erfassen von Vitalparametern wie den Herztönen hat das Potenzial, die klinische Versorgung und die Forschung beispielsweise im Bereich der Palliativmedizin zu revolutionieren", erklärt Professor Christoph Ostgathe, Mitautor der Studie, in der Mitteilung.

Ostgathe weiter: "Zum Beispiel könnten wir Angehörige bei Beginn der Sterbephase deutlich schneller informieren, weil Änderungen des Gesundheitszustandes vom Radar sofort erkannt werden. Auch das Erfassen leidvoller Symptome bei Patienten, die sich nicht äußern können, wird möglich." (eb)

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