Schwangerschaft

Schadet "Bärendreck" dem Kind?

Vor dem Genuss von Lakritze in der Schwangerschaft warnen Wissenschaftler aus Finnland: Es bestehe die Gefahr späterer Entwicklungsstörungen beim Kind. Sie attestieren dem "Bärendreck" ein ähnliches Schadpotenzial wie dem mütterlichen Binge-Drinking.

Von Dr. Elke Oberhofer Veröffentlicht:
Schwangere, die gerne naschen, sollten einer Studie zufolge lieber die Finger von Lakritze lassen.

Schwangere, die gerne naschen, sollten einer Studie zufolge lieber die Finger von Lakritze lassen.

© underdogstudios / Fotolia.com

HELSINKI. Das Team von der Universität Helsinki hat 378 Kinder im Alter von zwölf Jahren untersucht, deren Mütter während der Schwangerschaft unterschiedliche Mengen Lakritze gegessen hatten. Verglichen wurden zwei Gruppen: In der ersten hatte der mütterliche Lakritzkonsum im Mittel bei 47 mg Glycyrrhizin pro Woche (zwischen 0 und 250 mg) gelegen, in der zweiten bei 845 mg (mindestens 500 mg, entspricht etwa 100 g Lakritze) wöchentlich (Am J Epidemiol 2017, online 3. Februar).

Bei den Kindern wurden folgende Parameter erfasst: Wachstum und körperliche Reife, Gedächtnis, Intelligenz und Lernvermögen sowie etwaige psychische Probleme.

Dr. Katri Räikkönen und ihren Kollegen zufolge schnitten die Kinder, die im Mutterleib die höheren Lakritzdosen abbekommen hatten (n = 327), in einigen Punkten deutlich schlechter ab als die Gruppe mit geringer oder fehlender Exposition (n = 51). So war ihr Intelligenzquotient durchschnittlich um sieben Punkte niedriger; ferner verfügten sie über ein schlechteres Gedächtnis und hatten ein mehr als dreimal so hohes ADHS-Risiko.

Frühere Geschlechtsreife bei Mädchen

Bei den Mädchen hatte der hohe Lakritzkonsum der Mutter offenbar dazu geführt, dass sie im Alter von zwölf Jahren im Schnitt um 3 cm größer und um 8 kg schwerer waren sowie einen um 2,2 höheren BMI aufwiesen als die weiblichen Teenies der Vergleichsgruppe. Auch war die Entwicklung bei Ersteren weiter fortgeschritten, was sich mit einer ausgeprägteren Schambehaarung und einem deutlicheren Wachstum der Brust bemerkbar machte. Unter den Töchtern der Lakritzliebhaberinnen hatte im Alter von zwölf Jahren bereits bei knapp 60 Prozent die Menstruation eingesetzt; dies war in der Vergleichsgruppe nur in 40 Prozent der Fall. Anders als bei den Mädchen ließen sich deutliche Unterschiede in der Geschlechtsreife bei den Jungen nicht feststellen.

Die Zusammenhänge zwischen dem Lakritzkonsum und dem Wachstum beziehungsweise der Entwicklung der Kinder bestanden unabhängig von anderen Faktoren. Zumindest hatten Räikkönen und Kollegen in ihren Rechenmodellen mütterliche Faktoren wie Rauchen und Stress sowie den Konsum von Alkohol, Kaffee, Kakao und Schokolade während der Schwangerschaft berücksichtigt und sichergestellt, dass die teilnehmenden Kinder der Vergleichsgruppen keine oder jeweils gleich viel Lakritze zu sich nahmen.

Über welche Mechanismen die Lakritze dem ungeborenen Kind schadet, darüber können die Wissenschaftler nur spekulieren. Der wesentliche Inhaltsstoff im "Bärendreck" ist offenbar Glycyrrhizin, eine natürlich vorkommende Substanz, die in der Lage ist, das Enzym 11ß-Hydroxysteroid-Dehydrogenase, kurz 11ß-HSD2, zu hemmen. Dieses Enzym, so die Forscher, begünstigt im mütterlichen Blut die Verstoffwechselung von aktivem Kortisol in inaktives Kortison.

Wird 11ß-HSD2 blockiert, resultiert daraus eine Überversorgung des Fetus mit Glukokortikoiden. Räikkönen und ihr Team vermuten, dass die betroffenen Kinder an einer relativ ausgedehnten Störung der Hirnaktivität leiden, wobei das limbische System, speziell der Hippocampus, wohl eine Schlüsselrolle spielen. Dieser ist ja an der Regulation verschiedener kognitiver Prozesse beteiligt, beispielsweise Emotionen und Verhalten. Es ist bekannt, dass dieser Bereich im Hirn empfindlich auf Veränderungen im Glukokortikoidhaushalt reagiert.

Vergleichbar mit Binge-Drinking

Einen Schwellenwert für riskanten Lakritzkonsum konnten die Forscher nicht ausmachen; sie vermuten, dass es sich um eine lineare Assoziation handelt. Die in der aktuell vorliegenden Studie untersuchten Kinder hatten bereits im Alter von acht Jahren an einer ähnlichen Untersuchung teilgenommen. Damals waren die Ergebnisse ähnlich ausgefallen.

In der Effektstärke sei die Lakritze mit dem Binge-Drinking während der Schwangerschaft vergleichbar. Auch hier hatten Studien erhöhte Raten von kognitiven Defiziten und Verhaltensauffälligkeiten bei im Mutterleib exponierten Kindern ergeben. Wie beim Alkohol gebe es "eindeutig mechanistische Zusammenhänge".

Dies stütze die Annahme, dass Glycyrrhizin in der Schwangerschaft schädlich sein könnte, diese Information sollte man Schwangeren nicht vorenthalten.

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