Geistige Betätigung

Schützt Bücherlesen vor Demenz?

Lässt sich mit Bücherlesen dem geistigen Abbau im Alter entgegenwirken? Hinweise auf einen Schutzeffekt haben Forscher in einer Kohortenstudie gefunden.

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SCOTTSDALE. Daten von 2213 Senioren der "Mayo Clinic Study of Aging" (MCSA) hat ein Team um Janina Krell-Roesch von der Mayo Clinic in Scottsdale, Arizona, analysiert. Zu Studienbeginn waren die Teilnehmer kognitiv unbeeinträchtigt. Im Abstand von jeweils 15 Monaten ließen die Forscher sie Fragebogen ausfüllen und Tests absolvieren (JAMA Neurol 2017, online 30. Januar). Von Interesse war für die Forscher insbesondere, wie oft die Teilnehmer im Vorjahr ein Buch gelesen, sich mit Handarbeiten beschäftigt oder gebastelt hatten, ins Kino oder Theater gegangen waren und am Computer gesessen oder Gesellschaftsspiele gespielt hatten.

Primärer Endpunkt war die "leichte kognitive Störung" (Mild Cognitive Impairment, MCI). Diese gilt als Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz, vor allem wenn sie von Gedächtnisstörungen begleitet ist; der Übergang zur leichten Demenz ist fließend. Um einschätzen zu können, inwieweit das Kriterium MCI zutraf, wurden neurologische Untersuchungen durchgeführt und Risikofaktoren erhoben (unter anderen mit dem Short Test of Mental Status). Zusätzlich mussten die Teilnehmer neuropsychologische Tests absolvieren, in denen Gedächtnisleistung, Sprachvermögen, räumlich-visuelles Vorstellungsvermögen und Exekutivfunktionen untersucht wurden. Nach im Mittel vier Jahren lagen vollständige Datensätze für 1929 Teilnehmer vor, die zu Studienbeginn im Mittel 77 Jahre alt waren. Davon hatten 456 eine MCI entwickelt. Unter Berücksichtigung potenzieller Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht und Bildungsgrad errechneten die Forscher folgende Risikoreduktionen: Wer oft, das heißt mindestens ein- bis zweimal pro Woche, Spiele spielte, senkte sein MCI-Risiko im Beobachtungszeitraum um 22 Prozent, bei gesellschaftlich aktiven Teilnehmern betrug die Reduktion 23 Prozent, bei handwerklich Tätigen 28 Prozent. Als Referenz galten Personen, die die jeweiligen Aktivitäten höchstens zwei- bis dreimal im Monat aufgenommen hatten. Am stärksten war die Assoziation mit der "Arbeit" am Computer: Hier betrug die Risikoreduktion 30 Prozent. Am schwächsten ausgeprägt war der Effekt beim Bücherlesen: Dies ging nur mit einer (nicht signifikanten) Reduktion des MCI-Risikos um 17 Prozent einer. Warum die Effektstärke ausgerechnet bei der Beschäftigung mit dem Computer besonders ausgeprägt war, konnten die Forscher nicht eruieren. Unklar blieb auch, wie die Teilnehmer den Computer genutzt hatten.

An den Ergebnissen änderte sich in der Gesamtauswertung nichts, wenn man Begleiterkrankungen, vor allem Depressionen, sowie eine erbliche Prädisposition für Alzheimer-Demenz (gemessen am APOE ε4-Träger-Status) in die Berechnung einbezog. In weiteren Analysen wurde versucht, die Effekte geistiger Aktivität für verschiedene Risikogruppen im Vergleich zu Kontrollpersonen zu bestimmen. Für die Subgruppe "MCI-Patienten mit Amnesie" scheiterte dieser Versuch an der zu geringen Teilnehmerzahl in der Vergleichsgruppe ohne Gedächtnisstörung. Ähnliche Probleme ergaben sich auch für den Risikofaktor APOE ε4-Genotyp. Hier war die Gruppe der APOE ε4-Träger zu klein, um eine Aussage treffen zu können. Die Forscher konnten in diesem Zusammenhang also nur Trends ermitteln. Demnach schienen diejenigen Teilnehmer das geringste MCI-Risiko zu haben, die keinen Alzheimer-Genotyp aufwiesen und sich geistig fit hielten, vor allem durch Computernutzung. Hier betrug die Risikoreduktion relative 27 Prozent. Das höchste Risiko hatten dagegen APOE ε4-Träger, die sich nicht entsprechend betätigten; hier war das MCI-Risiko um relative 74 Prozent erhöht. (eo)

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