Schwere Hypoglykämien ohne Spätfolgen fürs Hirn

BOSTON (hbr). Können schwere Unterzuckerungen die kognitive Leistung von Typ-1-Diabetikern langfristig mindern? Eine Studie über 18 Jahre mit mehr als 1000 Patienten widerspricht dieser Annahme.

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Eine normnahe Stoffwechseleinstellung beugt bei Typ-1-Diabetes bekanntlich Folgeschäden vor. Mit sinkendem HbA1c steigt aber das Risiko für schwere Hypoglykämien. Bislang war strittig, ob die schweren Ereignisse langfristig bei den Patienten zu kognitiven Einbußen führen können.

Jetzt sind Daten der DCCT-Studie* und ihrer Anschluss-Studie EDIC** vorgelegt worden. Darin wurden Typ-1-Diabetiker 18 Jahre lang beobachtet (NEJM 356, 2007, 1842). Mit 1441 Patienten war die Studie gestartet worden. 1144 Teilnehmer haben schließlich zu Beginn und am Ende die gleichen kognitiven Tests gemacht. Geprüft wurden etwa Lernen, Gedächtnis, räumliches Denken, motorische Geschwindigkeit und Aufmerksamkeit.

Erfasst wurden während der Studie zudem 1355 Ereignisse von schweren Hypoglykämien mit hypoglykämischem Koma oder Krampfanfall. Davon fanden 896 Ereignisse bei 262 Patienten einer intensiviert behandelten Gruppe statt. In einer konventionell behandelten Gruppe waren es 459 Ereignisse bei 191 Patienten. Ausgeprägte kognitive Einbußen konnten in der Studie statistisch nicht bewiesen werden, auch nicht bei Patienten mit mehr als fünf schweren Hypoglykämien. Stattdessen scheinen gute HbA1c-Werte günstig zu sein. Bei Tests zur motorischen Geschwindigkeit schnitten Patienten mit Werten über 8,8 Prozent signifikant schlechter ab als Patienten mit Werten unter 7,4 Prozent.

Die Daten stützen die Empfehlung für normnahe Werte, um Spätschäden vorzubeugen. Trotzdem bleiben Zweifel. Zum einen sind die Hypo-glykämieraten in der Studie sehr niedrig; nicht einmal jeder zweite Patient hatte ein schweres Ereignis - in 18 Jahren. Das ist schwer vorstellbar und nur bedingt zu erklären mit der etwas schlaffen Einstellung - so lag der mittlere HbA1c bei den Teilnehmern bei 7,8 bis 7,6 Prozent.

Zum anderen schnitten die Patienten mit schweren Ereignissen in fünf der acht Prüfbereiche für kognitive Leistung schlechter ab - nicht signifikant, aber als Trend unübersehbar. Die Forscher selbst betonen, dass die Studienergebnisse keinen Freifahrtschein für schwere Hypoglykämie-Ereignisse liefert. Denn eine schwere Hypoglykämie mit Glukosewerten unter 18 mg/dl kann durchaus Neuronen im Gehirn sterben lassen.

* Diabetes Control and Complications Trial ** Epidemiology of Diabetes Interventions and Complications

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