Direkt zum Inhaltsbereich

Neue Leitlinie für Hausärzte

So lassen sich somatische Störungen aufspüren

Jeder fünfte Patient kommt mit nicht-spezifischen, funktionellen Beschwerden in die Hausarztpraxis. Die somatischen Störungen zu entdecken, fällt Ärzten oft schwer. Jetzt gibt eine Leitlinie Hilfestellung.

Von Ursula Armstrong Veröffentlicht:
Hausärzte sind bei nicht-spezifischen, funktionellen Beschwerden in Sachen Diagnostik im Vorteil: Sie kennen das Umfeld und die Arbeitssituation des Patienten und können psychosoziale Stressoren so schneller aufspüren.

Hausärzte sind bei nicht-spezifischen, funktionellen Beschwerden in Sachen Diagnostik im Vorteil: Sie kennen das Umfeld und die Arbeitssituation des Patienten und können psychosoziale Stressoren so schneller aufspüren.

© A. Raths / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Herzklopfen, Atemnot, Bauchschmerzen, Unregelmäßigkeiten beim Stuhlgang, Schmerzen beim Wasserlassen, Erschöpfung - nicht-spezifische, funktionelle und somatoforme Beschwerden sind häufig.

20 Prozent der Patienten in Hausarztpraxen seien betroffen, heißt es in der klinischen Leitlinie, die im November 2012 veröffentlicht worden ist (Schaefert R et al. Dtsch Ärztebl Int 2012; 109(47): 803-13. DOI: 10.3238/arztebl.2012.0803).

Diese psychosomatischen Störungen sind ernst zu nehmen, denn sie verlaufen häufig chronisch. Außerdem können sie die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen, sogar stärker als bei somatischen Erkrankungen, erklären die Autoren der Leitlinie.

An dem Papier haben Vertreter von 28 medizinischen und psychologischen Fachgesellschaften sowie der Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen mitgearbeitet.

Von Anfang an zweigleisig fahren

Doch es ist im Diagnosegespräch nicht immer einfach, psychosoziale Stressfaktoren aufzuspüren. Patienten haben häufig Angst, in die Psycho-Ecke abgeschoben zu werden - und eigentlich wollen sie eine möglichst schnelle Lösung für ihre Beschwerden.

Die Arzt-Patienten-Beziehung wird daher von beiden Seiten nicht selten als schwierig erlebt. Umso wichtiger ist es, eine tragfähige partnerschaftliche Arbeitsbeziehung aufzubauen. Dabei gilt es, von Anfang an sowohl die körperliche als auch die seelische Seite im Blick zu halten.

"Es geht nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein Sowohl-Als-Auch. Das ist kennzeichnend für funktionelle Beschwerden", sagt die Psychosomatikerin und Internistin Dr. Beate Gruner, stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

An erster Stelle steht natürlich die Basisdiagnostik. Gruner empfiehlt, schon während der Patient die Beschwerden schildert, nach möglichen psychosozialen Stressoren zu fragen: "Was ist sonst los in Ihrem Leben? Gibt es etwas Auffälliges? Wie geht es im Beruf?"

Aus einer konsequenten biopsychosozialen Simultandiagnostik ergeben sich dann Hinweise, in welchem psychosozialen Kontext Belastungen vorliegen, die hinter den funktionellen Beschwerden stecken könnten.

Probleme und Bedürfnisse empathisch aufgreifen

"Man muss herausfinden, wann die Beschwerden angefangen haben und ob es zu dem Zeitpunkt irgendeinen Konflikt gab", ist ein weiterer Tipp Gruners. Hinweise auf psychosoziale Probleme und Bedürfnisse, etwa in der Familie oder im Beruf, sollten empathisch aufgegriffen und als bedeutsam benannt werden, heißt es auch in der Leitlinie.

Dabei ist es wichtig, nicht imperativ zu fragen, sondern offene Fragen zu stellen wie "Kann es sein, dass …" Denn es sei entscheidend, den Patienten selbst zum Nachdenken zu bringen, erklärt Gruner. Etwa so: "Ich schreibe Sie jetzt für eine Weile krank, aber was machen Sie, wenn Sie wieder zur Arbeit müssen?"

Viele Patienten mit funktionellen Störungen lehnen den psychischen Aspekt allerdings komplett ab. Sie beharren darauf, dass sie rein körperlich krank sind. "Es ist deshalb ganz wichtig, die Beschwerden anzunehmen. Man sollte nicht versuchen, sie dem Patienten auszureden", sagt Gruner Aber man sollte erklären, woher die Beschwerden kommen.

Dass das vegetative Nervensystem auf Stressoren reagiert, und dass das eine ganz normale Reaktion ist. Vor einem Sportwettkampf zum Beispiel reagiere das Vegetativum auch auf Stress, wenn auch auf positiven, so Gruner. Aber auch das kann dazu führen, dass man Magenschmerzen bekommt.

Dieser Kommunikationsansatz funktioniert in der Regel gut. Gruner: "Ich bin immer wieder erstaunt, dass die meisten Menschen auf Fragen nach psychosozialen Belastungen unproblematisch antworten und für ein ganzheitliches Krankheitsmodell offen, mitunter sogar dankbar sind."

Keine Chance für Überdiagnostik

Die Therapie richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung. Laut Leitlinie erfordert sie die aktive Mitarbeit des Patienten und Kooperation aller Behandler, zu denen auch ein Psychotherapeut gehören kann. Koordinator der Therapie sollte der Hausarzt sein.

Dabei gilt es, psychosomatische Störungen früh zu entdecken. Denn sie chronifizieren leicht. Das führt zu immer wieder neuen diagnostischen Untersuchungen. Gruner: "Wenn man frühzeitig, ja gleichzeitig und gleichrangig, andere Ebenen erfragt, können die diagnostischen Maßnahmen besser in den notwendigen Grenzen gehalten werden. Eine Überdiagnostik und auch sich daraus ableitende, oft nicht zielführende Therapieversuche werden vermieden."

Die Internistin hält Hausärzte für genau die richtige Adresse für Patienten mit funktionellen Beschwerden. "Ein guter Hausarzt kennt seine Patienten und ihr Umfeld. Er kennt die körperliche Verfassung und den psychosozialen Kontext

 Er weiß zum Beispiel, ob der Patient Arbeit hat oder sucht und wie es ihm dabei geht. Er fragt danach. Und er kann die Beschwerden in einen Gesamtkontext einordnen. Das ist die wichtigste Voraussetzung für eine gute und effiziente Betreuung."

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Rückblick

Ein Jahr Alzheimer-Antikörper: Was sich getan hat

Springer Medizin Gala

Preisträger des Springer Medizin Charity Awards feierlich gekürt

2. Preis Charity Award 2026

Die „Grünen Damen und Herren“ – weit mehr als ein Besuchsdienst

Das könnte Sie auch interessieren
Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

© libre de droit | iStock

Update MS

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

© Yozayo | iStock

Intrathekale Entzündung

Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Ein erreichbares Ziel bei MS?

© Merck KGaA

Therapiefreie Remission

Ein erreichbares Ziel bei MS?

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Geldschein, teilweise bedeckt von Stethoskop

© photocrew / stock.adobe.com

Kostenstrukturanalyse

Privatanteil an den Einnahmen geht leicht zurück

Logo Cardisio

© oxyven

Oxyven

Intravenöse Sauerstofftherapie mit Applimed-O2 1000

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Porträts: Marc Stefan | Prof. Dr. Wolfgang Holzgreve

© Porträts: Marc Stefan | Prof. Dr. Wolfgang Holzgreve

„ÄrzteTag extra“-Podcast

Arztsuche: Was steckt hinter Empfehlungslisten?

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: BurdaVerlag Data Publishing GmbH
Interdisziplinäres Patienten-Management – ein Praxisleitfaden

© APOGEPHA Arzneimittel GmbH | Generated by AI

Überaktive Blase

Interdisziplinäres Patienten-Management – ein Praxisleitfaden

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: APOGEPHA Arzneimittel GmbH, Dresden
Abb. 1: Ofatumumab-Konzentrationen in der Muttermilchh

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [10]

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

Flexiblere Familienplanung durch kürzere Kontrazeptionszeit

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Interview

EU AI Act: Was die neuen Transparenzpflichten für Praxen bedeuten

Vergleich der Kreise

Wo MRSA-Infektionen besonders häufig sind

Kongress in Chicago

Herzkongress AHA 2026: Diese Studien könnten die Praxis verändern

Lesetipps
Blick von hinter den Kulissen auf die Springer Medizin Gala 2026.

© David Vogt

Highlights von der Gala

Galenus-Preis und Charity Award: Die Preisverleihung im Video

Ehrenamtliches Engagement beeindrucke sie nicht nur, „es berührt mich“, erklärte die einstige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt.

© David Vogt

Springer Medizin Gala

Preisträger des Springer Medizin Charity Awards feierlich gekürt

Bei der Springer Medizin Gala wurden die Preisträger des Galenus-von-Pergamon-Preises und des Charity Awards gekürt.

© Marc-Steffen Unger

Preisträger gekürt

Das sind die Gewinner des Galenus-von-Pergamon-Preises 2026