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Terrorangst: Influenza-Forscher stoppen Studien

Ein Killervirus treibt Wissenschaftlern derzeit den Angstschweiß auf die Stirn: Entstanden ist es in Rotterdam und sorgt seit etlichen Wochen für heftigen Streit um die Sicherheit. Jetzt stoppen weltweit renommierte Forscher ihre Studien - unter anderem aus Angst vor Bio-Terroristen.

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Deutschlands erstes Labor der Schutzstufe BSL-4 in Marburg: Wissenschaftler wollen diese Labore als Voraussetzung für sensible Experimente mit Influenza-Viren.

Deutschlands erstes Labor der Schutzstufe BSL-4 in Marburg: Wissenschaftler wollen diese Labore als Voraussetzung für sensible Experimente mit Influenza-Viren.

© Frank May / dpa

NEU-ISENBURG (nös). Führende Influenza-Wissenschaftler auf der Welt haben ihre Forschungen eingestellt. Sie reagieren damit auf die öffentliche Diskussion über zwei zur Publikation eingereichte Studien, in denen über die Züchtung von mutmaßlichen "Killerviren" berichtet wird.

Parallel hatten die beiden Virologen Professor Ron Fouchier aus Rotterdam und Professor Yoshihiro Kawaoka aus Madison (Wisconsin, USA) versucht herauszufinden, wie aus einem wenig virulenten Vogelgrippevirus eine hoch ansteckende Reassortante werden kann.

Gesponsert wurden die Studien vom US-Gesundheitsinstitut NIH mit dem Ziel, die Entstehung neuer Subtypen besser zu verstehen.

Im vergangenen Jahr gelang beiden Forscher dann der Durchbruch. Bekannt wurden die Experimente durch einen Bericht von "NewScientist", das über einen Vortrag von Fouchier während einer Influenzakonferenz im September berichtete.

Frettchen als Brüter

In seinen Experimenten hatte der Rotterdamer Virologe das letale Vogelgrippevirus H5N1 mit dem viralen Schweinegrippevirus H1N1 "kombiniert".

Zunächst hatte sei Team einen neuen H5N1-Stamm mit drei Virulenzgenen konstruiert. Frettchen mussten als Versuchstiere herhalten und bekamen die Viren verabreicht.

Nach der Infektion entnahm Fouchiers Team Isolate aus der nasalen Mukosa der Tiere und verteilte die Viren auf weitere Tiere. Insgesamt zehnmal hatten sie die Prozedur wiederholt.

Resultat war ein mutiertes Virus, das sich per Tröpfcheninfektion verbreitet und drei von vier Frettchen getötet hat. Fouchier sprach gegenüber "ScienceInsider" von "einem der womöglich gefährlichsten Viren, die man herstellen kann".

Seine Forschungsergebnisse reichte er bei dem Fachblatt "Science" ein, parallel dazu erhielt das Journal "Nature" ein Manuskript von Fouchiers Kollegen Kawaoka, der über ähnliche Experimente berichtete.

Angst vor Terror und Laborunfällen

Doch noch weit vor der Publikation der Studien sorgten die ersten Berichte für Aufregung in der Wissenschaftswelt.

Bioterrorismus-Experten, wie der Chef des US-Beratergremiums für Biosicherheit (NSABB), Professor Paul Keim, warnten vor einer Veröffentlichung. Terroristen könnten mit dem Wissen die gefährlichen Viren nachbauen und für biologische Attentate verwenden.

Andere Wissenschaftler befürchteten angesichts dieser Warnungen Zensur und forderten die umfassende Publikation. Sie diene der Erforschung des Influenzavirus und könne beim Verständnis von Virulenzfaktoren helfen, so ihre Argumentation.

Ende Dezember schließlich hatten die Experten des NSABB die Studien der beiden Forscher begutachtet und empfohlen, sie nur gekürzt zu veröffentlichen.

Die Autoren Fouchier und Kawaoka sowie die Herausgeber von "Science" und "Nature" zogen die Bremse uns sahen zunächst von der Veröffentlichung ab. Bei der Publikation wollten sie Teile der Methode aus den Manuskripten streichen.

Höchte Schutzstufe gefordert

Nun ist ein Streit entbrannt, der über die beiden Studien hinausgeht. Kritiker warnen vor weiteren Experimenten mit hochgefährlichen Virusmutationen. Sie könnten durch einen Unfall aus den Laboren entweichen.

Bereits während der Schweinegrippe machte das Gerücht die Runde, das H1N1-Virus sei womöglich durch einen Laborunfall entwichen.

Im konkreten Fall monieren die Kritiker, dass Fouchiers Team in Laboren der biologischen Schutzstufe (BSL) 3 arbeitet. Die Kritiker fordern jedoch die höchste Stufe 4.

Auch die Gefahr des sogenannten "Dual use" solcher Forschungsergebnisse sorgt für Streit unter den Wissenschaftlern. Auch Erkenntnisse anderer Studien könnten von Terroristen verwendet werden.

Ins Gespräch kam daher eine "selektive" Publikation nur für ausgewählte Forscher. Ausgewählte Fachkreise könnten somit die Methoden einsehen und für ihre Forschungen nutzen.

WHO warnt vor Studienstopps

Allerdings sind diese Arbeitsweisen bislang kaum etabliert. Es fehlen Standards und Aufsichtsgremien. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte gar vor einem Stopp notwendiger Forschung und sah sich Ende Dezember genötigt, in die Debatte einzugreifen.

Nun haben Fouchier und Kawaoka gemeinsam mit 37 Kollegen, darunter dem Marburger Virologen Professor Hans-Dieter Klenk, am Freitag in einem Brief angekündigt, ihre Forschungen für 60 Tage ruhen zu lassen (Nature 2012; 481: 443 und Science 2012; online 20. Januar).

In dieser Zeit wollen sie mit Behörden und der WHO über den künftigen Umgang mit brisanten Studien diskutieren. Eine Konferenz ist offenbar für Februar geplant.

"Wir und die wissenschaftliche Community wollen die Vorteile dieser Forschung (über Virusmutationen, Anm. d. Red.) und die damit verbundenen Risiken klären", heißt es darin.

Tagung in Genf?

Vorgeschlagen wird ein internationales Forum. Sollten wichtige Fragen während des Moratoriums nicht geklärt werden können, würde die Forscher es womöglich verlängern, kündigten sie an.

Das NIH begrüßte das Moratorium. Die Wissenschaftler hätten "große Verantwortung und Flexibilität unter Beweis gestellt", schrieb Institutsdirektor Professor Francis Collins in einer Stellungnahme.

Sämtliche US-Behörden würden sich an der "Forschungspause" und der Suche nach einem Konsens beteiligen.

Die Weltgesundheitsorganisation hat sich Berichten zufolge bereits als Moderatorin angeboten. Sie will die Forscher offenbar bereits für Ende Februar zu einer Konferenz einladen nach Genf.

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Kommentare
Dr. Andreas Keibel 23.01.201210:13 Uhr

Freiwillige-Forschungs-Selbstkontrolle vorbildlich

Wenn man bedenkt, dass Atom-Forschung an Massenvernichtungswaffen zu Kriegen führen kann, und im Vergleich dazu es jedoch den Molekularbiologen selbst obliegt, ob sie in ihrem stillen Kämmerlein für die Menscheit hochletale Viren ausbrüten, dann muss man sich die Frage nach der Relativität stellen und ob hier die Politik nicht sträflich unaufmerksam ist.
Es ist kaum auszudenken, dass durch einen künstlich erzeugten Forschungsvirus Millionen Menschen durch einen "kleinen" Forschungsunfall oder einen kleinen Einbruch im Labor oder durch ein Erdbeben umkommen.
Hier müssen die gleichen Maßstäbe angelegt werden, wie in der Atomforschung, weil es mindestens genau so gefährlich ist.
Meine ich.
A.Keibel

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