Direkt zum Inhaltsbereich

Metaanalyse

Testosteron kann Depressionen lindern

Eine Behandlung mit Testosteron kann bei depressiven Männern die Stimmung verbessern, berichten Dresdner Forscher. In einer Metaanalyse zeigt sich: Der Erfolg hängt von der Dosis ab.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Erhalten depressive Männer eine Testosteronsubstitution, lindert dies offenbar depressive Beschwerden - und das nicht nur bei älteren und hypogonadalen Männern.

Erhalten depressive Männer eine Testosteronsubstitution, lindert dies offenbar depressive Beschwerden - und das nicht nur bei älteren und hypogonadalen Männern.

© Viacheslav Iakobchuk / stock.adobe.com

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Kann eine Testosteronsubstitution Depressionen lindern?

Antwort: Eine Metaanalyse deutet auf eine dosisabhängige Reduktion depressiver Beschwerden.

Bedeutung: Testosteron könnte vor allem bei älteren depressiven Männern die Stimmung bessern.

Einschränkung: Die Studien waren sehr heterogen, es sind größere kontrollierte Untersuchungen nötig.

DRESDEN. Immer wieder wird diskutiert, ob eine Testosteronsubstitution die Stimmung älterer Männer verbessern kann und, falls ja, ob dies auch bei einer manifesten Depression der Fall ist.

Unklar ist zudem, ob nur hypogonadale Männer oder auch solche mit normalen Testosteronspiegeln von einem antidepressiven Hormonersatz profitieren.

Inzwischen gibt es zwar viele Hinweise, dass sich die Testosteronsubstitution günstig auf die Stimmung hypogonadaler Männer auswirkt, weniger klar ist die Evidenz jedoch bei Männern mit Major-Depression und Männern ohne Testosteronmangel.

Immerhin scheint Testosteron die Serotoninausschüttung und die neuronale Plastizität zu fördern, beides könnte zu einer antidepressiven Wirkung beitragen, berichten Forscher um Dr. Andreas Walther aus der Abteilung Biologische Psychologie der TU Dresden.

Moderater Effekt ab 500 mg/Woche

Wie es um den Nutzen einer Testosteronsubstitution bei Depressiven steht, haben die Dresdener Wissenschaftler anhand einer Metaanalyse eruiert.

Sie fanden 27 randomisiert-kontrollierte Studien mit zusammen knapp 1900 Männern, die unter depressiven Symptomen litten und Testosteron oder Placebo bekamen (JAMA Psychiatry 2018; online 14. November).

Über alle Studien gemittelt fanden sie mit einem Hedges g von 0,37 eine zwar signifikante, aber relativ geringe Effektstärke der Hormonbehandlung auf die depressiven Beschwerden. Wurde eine einzelne Studie ausgeschlossen, welche die Heterogenität extrem aufblähte (auf über 80 Prozent), so blieb eine Effektstärke von 0,21.

Dies entspreche einem Rückgang von rund 2,2 Punkten nach dem Becks-Depressions-Inventar, schreiben die Forscher um Walther. Der Wert liegt damit im Grenzbereich dessen, was als klinisch bedeutsam erachtet wird.

Immerhin ergaben die Studien fast durchweg einen Vorteil für die Testosteronbehandlung, nur drei zeigten eine tendenziell bessere Symptomlinderung unter Placebo.

Für sich genommen führte allerdings kaum eine Studie zu signifikanten Unterschieden zwischen einer Testosteron- und Placebotherapie – diese offenbarten sich vor allem in der Zusammenstellung.

80-Jährige profitierten mehr

Die Testosteronbehandlung schien bei 80-Jährigen etwas besser zur wirken als bei 40-Jährigen, bei hypogonadalen Männern besser als bei eugonadalen, bei schweren und subklinischen Symptomen besser als bei milder Depression – doch all diese Unterschiede erwiesen sich als nicht signifikant.

Der einzige statistisch belastbare Zusammenhang ergab sich mit der Testosterondosis – je höher, desto antidepressiver. Für eine wöchentliche Dosis von 500 mg berechneten die Forscher bereits einen moderaten Therapieeffekt (Hedges g von 0,52).

„Unsere Resultate legen zum ersten Mal nahe, dass ein besserer Therapieeffekt eine höhere Dosis erfordert“, schreiben die Forscher. Bislang sei ein Dosiseffekt für die antidepressive Wirkung von Testosteron nicht klar nachgewiesen worden.

Ein weiteres Ergebnis der Analyse: Die Abbruchrate war in den Testosterongruppen tendenziell, aber nicht signifikant geringer als unter Placebo.

Das Team um Walther verweist auf ein teilweise erhebliches Bias-Risiko der einzelnen Studien. In einem Editorial zu der Metaanalyse bemängeln Dr. Shalender Bhasin und Dr. Stuart Seidman von der Harvard Medical School in Boston zudem die hohe Heterogenität der Studienteilnehmer.

Resultate mit Vorsicht genießen

So seien Männer mit Dysthymien, depressiven Verstimmungen und klinisch manifesten Depressionen in einen Topf geworfen worden. Auch seien in den Studien sehr unterschiedliche Testosterondosierungen und -formulierungen zum Einsatz gekommen.

Die Resultate sollten daher mit Vorsicht betrachtet werden. Derzeit würden in der großen Testosteronstudie TRAVERSE mit rund 6000 hypogonadalen Männern auch die Auswirkungen eines Testosteronersatzes unter depressiven Patienten geprüft.

Bis die Resultate vorliegen, sollten Ärzte weiterhin nur bei einem Testosteronmangel und typischen Hypogonadismussymptomen eine Hormonsubstitution erwägen, raten Bhasin und Seidman.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Risikofaktoren im Blick

So spüren Sie eine Post-Stroke-Depression auf

Das könnte Sie auch interessieren
Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

© libre de droit | iStock

Update MS

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

© Yozayo | iStock

Intrathekale Entzündung

Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Ein erreichbares Ziel bei MS?

© Merck KGaA

Therapiefreie Remission

Ein erreichbares Ziel bei MS?

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Impfstoffeffektivität gegen Post COVID-Beschwerden

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [14]

Jährliche COVID-19-Impfung

Empfohlen für ein breites Risikokollektiv

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: BioNTech Europe GmbH, Mainz

Opioid-induzierte Obstipation

Paradigmenwechsel in der Behandlung: Vom Stuhl zum Nervensystem

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Grünenthal GmbH, Aachen
Abb. 1: Die kardiorenalmetabolische Organachse: ganzheitliche Versorgung durch interdisziplinäre Zusammenarbeit (Quelle: Michalopoulou E et al., J Clin Med 2025, 14:428)

© Springer Medizin Verlag

Biomarker gegen Diabetes-Folgen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Diagnostics Deutschland GmbH, Mannheim
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Robert Koch-Institut

Erster Nachweis von Sindbis-Fieber in Deutschland

Komplexe Gemengelage

COVID-Prophylaxe 2.0: Das gilt bei der Abrechnung

Lesetipps
Eine Frau sitzt mit einer brennenden Zigarette hinter dem Lenkrad ihres Autos.

© Peter Steffen/dpa

DEGAM-Kongress

Wie viele KHK-Patienten rauchen?

Viele Gespräche, sich viel Zeit nehmen – das setzt eine Suizidassistenz voraus.

© Lumos sp / stock.adobe.com

Begleitetes Sterben

Suizidassistenz gewinnt Bedeutung in deutschen Hausarztpraxen