Unbemerkte Infektionen

Tödliche Enzephalitiden durch Bornaviren aus Spitzmäusen

Mehrere tödliche Enzephalitiden in Süddeutschland wurden in den vergangenen Jahren offenbar unbemerkt durch ein von Feldspitzmäusen übertragenes Virus verursacht, berichten Forscher. Sie gehen von weiteren Fällen aus.

Von Wolfgang Geissel Veröffentlicht:
Die Feldspitzmaus (Crocidura leucodon) ist das einzige bei uns bekannte Reservoir des „Borna Disease Virus 1“ (BoDV-1).

Die Feldspitzmaus (Crocidura leucodon) ist das einzige bei uns bekannte Reservoir des „Borna Disease Virus 1“ (BoDV-1).

© Rudmer Zwerver / Alamy / mauritius images

Regensburg. Ein beträchtlicher Anteil schwerer bis tödlicher Meningoenzephalitiden in Süddeutschland könnte durch das „Borna Disease Virus 1“ (BoDV-1) verursacht werden. Das berichten Forscher um Dr. Hans Helmut Niller vom Institut für Klinische Mikrobiologie und Hygiene der Universität Regensburg (Lancet 2020; online 8. Januar).

Das Virus ist Veterinären als Verursacher der Borna-Krankheit bekannt, einer meist tödlichen neurologischen Störung von Pferden, Schafen und anderen Haustieren. Die Tierkrankheit tritt vor allem in Bayern, Thüringen, Sachsen-Anhalt und angrenzenden Bundesländern auf sowie in Österreich, Liechtenstein und der Schweiz. Einziges tierisches Reservoir ist die Feldspitzmaus (Crocidura leucodon).

Retrospektiv Gewebe untersucht

Vor zwei Jahren war BoDV-1 erstmals als Auslöser von schweren Enzephalitiden beim Menschen identifiziert worden. Betroffen waren drei Empfänger von Spenderorganen desselben post-mortalen Organspenders; zwei davon starben im weiteren Verlauf. Nach einigen weiteren Fällen haben die Regensburger Forscher nun Proben von Hirngewebe auf den Erreger untersucht.

Diese stammten von 56 Enzephalitis-Patienten aus Süddeutschland, die zwischen 1998 und 2018 mit Verdacht auf eine unbekannte Virusinfektion gestorben waren. Bei sechs der Patienten fanden sich Hinweise auf eine BoDV-1-Infektion, zwei weitere labordiagnostisch bestätigte Fälle wurden in die Analyse einbezogen. Alle acht Betroffenen waren binnen 16 bis 57 Tagen nach Symptombeginn gestorben.

„Hierdurch hat sich die Zahl der belegten tödlichen Borna-Fälle bei Menschen in Süddeutschland auf mindestens 14 erhöht“, wird Mitautor Professor Martin Beer vom Friedrich-Loeffler-Institut in einer Mitteilung des Fachblatts „Lancet“ zitiert. Die Krankheit ist damit zwar noch relativ selten, doch könnte ein größerer Anteil bisher unerklärbarer schwerer bis tödlicher Enzephalitis-Fälle dahinterstecken.

Auch müsse erforscht werden, ob nicht auch leichtere Fälle von Enzephalitis durch BoDV-1 verursacht werden könnten. Der Analyse zufolge beginnt die Krankheit mit Fieber, Kopfweh und Verwirrtheit. Es folgen neurologische Symptome wie schwankender Gang, Erinnerungsverlust und fortschreitende Bewusstseinstrübung. Laut Erfahrungen verschlechtern sich die Symptome rapide und es kommt zu tiefem Koma und frühem Tod.

Bornavirus-Zoonosen in Deutschland

Wie das Virus von den Tieren auf den Menschen übertragen wird, ist bisher unklar, betonen die Forscher. Die meisten Betroffenen hatten in einem ländlich geprägten Umfeld gelebt, zum Teil in der Landwirtschaft gearbeitet oder auch viel Freizeit in der Natur verbracht.

Bei sieben Patienten war ein enger Kontakt mit Katzen belegt. Diese könnten getötete Spitzmäuse nach Hause gebracht und so in Kontakt mit den Betroffenen gebracht haben, vermuten die Forscher.

Forscher fordern mehr Tests

Analysen von Virusgenen bei acht Patienten ergaben unterschiedliche Sequenzen, die mit Viren von Spitzmäusen und Haustieren aus dem Umfeld der einzelnen Opfer übereinstimmten. Die Wissenschaftler gehen daher von unabhängigen Übertragungen von Tieren auf den Menschen aus.

Weil sich 2016 drei Patienten durch Spenderorgane infiziert hatten, wurde auch dieser mögliche Übertragungsweg abgeklärt. Zwei der aktuell untersuchten Patienten waren ebenfalls mit Immunsuppressiva behandelte Transplantationspatienten. Allerdings stammten die Organe diesmal von verschiedenen Spendern. Weitere Organe dieser Spender hatten andere Empfänger nicht infiziert.

Um das wahre Ausmaß der Infektionen und die Übertragungswege abzuklären, appellieren die Forscher an Ärzte, bei Enzephalitis-Patienten in Endemieregionen auch auf BoDV-1 testen zu lassen. Bei Enzephalitis-Fällen mit Bornaviren besteht zudem eine Arzt- und Labor-Meldepflicht nach Infektionsschutzgesetz.

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