Medikalisierung
Überversorgung im Praxisalltag: Was treibt sie an und was können Hausärzte dagegen tun?
Zu Überversorgung und Medikalisierung kommt es im Praxisalltag häufig. Woran das liegen könnte, diskutierten Kolleginnen und Kollegen beim Kongress – und überlegten, wie Hausärzte gegensteuern können.
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Medikamentöse Therapie ohne Krankheit?
© Alexander Raths / Stock.adobe.com
„Machen wir unsere Patientinnen und Patienten krank?“ Diese Frage stand im Workshop zur Medikalisierung beim Kongress „Gesundheit gestalten“ der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) in Göttingen im Raum.
Medikalisierung, was ist das eigentlich?
Medikalisierung – oder auch Medizinalisierung – ist ein Prozess, durch den nicht-medizinische Probleme als medizinische Probleme definiert und behandelt werden, meist in Begriffen von Krankheit oder Störung.
Wie kann das aussehen?
- unterschiedliche Definitionen einer Krankkeit (zum Beispiel Hypertonie)
- Medikalisierung von Erfahrungen und Lebensphasen: Wann werden Trauer, Angst oder Neurodiversität zur Störung?
- Monitoring des Alltags, zum Beispiel mit Smartwatches
So häufig kommt es zu Überversorgung
Überversorgung und Medikalisierung sei ein häufiges Thema im Praxis- und Klinikalltag, sagte Hausarzt Professor Stefan Wilm, einer der Leiter des Workshops. Er berichtete von einer Befragung der Initiative „Gemeinsam Klug Entscheiden“. Darin gaben 44,5 Prozent der Internistinnen und Internisten aus Praxis und Klinik an, dass es bei ihnen mehrmals pro Woche zu Überversorgung komme. Bei 28,5 Prozent der Teilnehmenden sogar täglich.
Und das, obwohl die Befragten auch angaben, durchaus die Gefahr für negative Folgen von Überversorgung zu sehen. 93,2 Prozent antworteten in der Befragung, dass dadurch Gesundheitsausgaben steigen, 67,2 Prozent stimmten zu, dass Patienten potenziell verunsichert werden, und 63,4 Prozent bejahten sogar die Aussage, dass Patienten potenziell Schaden zugefügt wird. Zudem habe Überversorgung auch Folgen für das Image der Ärzte allgemein, sagten 44,9 Prozent der Teilnehmenden.
Ärztinnen und Ärzte im Zwiespalt
Die „medizinische Rahmung“ von Symptomen/Erfahrungen könne Leid sichtbar machen, Sicherheit geben und Zugang zu einer wirksamen Therapie geben, sagte Dr. Juan Franco, Hausarzt und ebenfalls Leiter des Workshops. Aber sie könne auch normale Variationen pathologisieren und so Übertherapie und Überdiagnostik begünstigen.
Medikalisierung erschaffe ein verzerrtes Selbstbildnis der Patienten – „Ich bin krank“ –, verunsichere und mache Angst. Möglich sei eine „unnötige Fokussierung auf ein nicht vorhandenes Problem“, gab ein Kollege zu bedenken.
Hinzu kämen natürlich erhöhte Kosten, ein erhöhter zeitlicher Aufwand für die Ärztinnen und Ärzte und das Risiko für mögliche Nebenwirkungen und Schäden durch eine (womöglich unnötige) Therapie.
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Was treibt die Medikalisierung an?
Doch warum kommt es dann in unserem Gesundheitswesen offenbar so häufig zu Medikalisierung und Überversorgung? Letztlich, betonte Hausarzt Stefan Wilm, seien alle an der Medikalisierung beteiligt: Ärztinnen und Ärzte, Patientinnen und Patienten, die Krankenkassen, die Gesellschaft, die Politik. Einen „Schwarzen Peter“ wolle er niemanden zuschieben.
Diese Treiber der Medikalisierung identifizierten die Kolleginnen und Kollegen vor Ort:
- Auf Seiten der Patienten: Druck aus der Gesellschaft, Wunsch nach der besten Versorgung
- Auf Seiten der Ärzte: wirtschaftliches Arbeiten (Leistungen abrechnen, Chronikerpauschale, Diagnosen stellen, ...), Angst vor Behandlungsfehlern, eigene Unsicherheit, Wortwahl im Patientengespräch („mögliches Karzinom“ statt „Hautveränderung“), der Wille, Patienten keine Leistungen vorzuenthalten, der Wille, die Patienten mit ihren Anliegen „zu sehen“
- Auf Seiten der Krankenkassen: Konkurrenz zwischen den Kassen, großes Angebot für Versicherte anbieten
Wie können Hausärzte die Folgen mindern?
Medikalisierung und Überversorgung zu reduzieren sei daher für Kolleginnen und Kollegen in der Praxis schwierig, aufgrund der vielen Rahmenbedingungen.
Wichtig sei es, das eigene Handeln zu reflektieren, waren sich die Kongressbesucher im Workshop einig. Man müsse sich bewusst machen, was das Label „Krankheit“ für einen Patienten bedeute und dieses Label nicht vorschnell vergeben. Auch sei es relevant, sich seiner Machtposition in der Arzt-Patienten-Beziehung bewusst zu sein.




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