HINTERGRUND

Von einer Gesichts-Transplantation erhoffen sich Patienten, ein normales Leben führen zu können

Von Arndt Striegler Veröffentlicht: 07.11.2006, 08:00 Uhr

Schwer entstellten Patienten, für die es keine andere Therapiemöglichkeit gibt, wollen britische Chirurgen mit einer kompletten Gesichts-Transplantation helfen. Die Chirurgen haben damit begonnen, nach einem geeigneten Patienten zu suchen, um die erste komplette Gesichts-Transplantation der Welt auszuführen.

Wie ein Sprecher des Londoner Royal Free Hospital, in dem der Eingriff vorgenommen werden soll, der "Ärzte Zeitung" bestätigte, mangele es nicht an interessierten Patienten. Allerdings habe der Ethikrat der Klinik dem operierenden Chirurgen Professor Peter Butler "enge Grenzen gesetzt", wer für den Eingriff überhaupt in Frage kommt.

Butler rechnet nach eigenen Angaben damit, "innerhalb der nächsten sechs Monate" einen geeigneten Patienten gefunden zu haben. Dabei werde es sich vermutlich um einen Patienten handeln, der bereits operiert sei, so Butler in London. "Es wird aller Wahrscheinlichkeit nach ein Patient sein, der zwischen 50 und 70 rekonstruktive Gesichtsoperationen hinter sich hat und dessen Gesichtspartie mit Narben überzogen ist."

Bei den Patienten sind alle Möglichkeiten ausgeschöpft

Butler weiter: "Bei diesen Patienten sind alle bislang existierenden Möglichkeiten der rekonstruktiven Chirurgie ausgeschöpft, und sie sind trotzdem nicht glücklich. Diese Patienten möchten einfach nur wieder normal aussehen und über die Straße gehen können, ohne daß ihre Mitmenschen auf ihr entstelltes Gesicht starren."

Der 44jährige Chirurg ist der Ansicht, daß eine komplette Gesichts-Transplantation diesen Patienten die beste Möglichkeit gebe, "ein normales Leben zu leben".

    Die Patienten brauchen eine gute psychologische Betreuung.
   

Ende Oktober hatte der Ethik-Rat des Royal Free Hospital dem Eingriff zugestimmt. Es wird berichtet, daß der Entscheidung monatelange kontroverse Debatten vorausgingen. "Zum einen birgt ein solcher Eingriff natürlich große medizinische Risiken. Aber vielleicht noch schwerer wiegen die ethischen Bedenken", so ein Klinik-Mitarbeiter zur "Ärzte Zeitung". Der Ethik-Rat hat sich seine positive Entscheidung nicht leicht gemacht."

Nach Angaben der Medizin-Ethikerin Julie Woodley von der University of the West of England werde durch eine Gesichtstransplantation "ein Hybrid-Gesicht, teils alt, teils neu" geschaffen. Die psychologischen Folgen für die Patienten seien gravierend und sie bedürften einer guten psychologischen Betreuung.

Wie das Royal Free Hospital berichtet, werde die Transplantation "tausende von Pfund" kosten. Eine genaue Summe konnte nicht genannt werden. Da das Royal Free Hospital zum staatlichen britischen Gesundheitsdienst, dem National Health Service, NHS, gehört, werden die britischen Steuerzahler für die Gesichts-Transplantation bezahlen.

Butler versprach, "die ersten Operationen kostenlos" ausführen zu wollen, um so die Etatknappheit des NHS zu umgehen. Wie viele Gesichts-Transplantationen der Chirurg genau plant, ist unklar. Allerdings hofft der 44jährige darauf, daß eine erfolgreiche erste Operation den Weg ebnen wird für viele weitere Transplantationen.

Das Royal College of Surgeons, der Berufsverband der britischen Chirurgen, äußerte sich kritisch. Man habe nach wie vor "große ethische Bedenken", hieß es in London. Der Verband mahnte zur Behutsamkeit und regte an, die Entscheidung des Ethik-Rates noch einmal "gründlich zu überdenken". Es müsse die Frage erlaubt sein, was sei, wenn der Patient mit seinem neuen Gesicht nicht zufrieden sei.

Probleme wie die Immunsuppression seien "medikamentös lösbar", so ein Kliniksprecher. Butler hielt sich mit Kommentaren zurück. Ein Sprecher sagte, der Chirurg werde sich in nächster Zeit "ganz auf seine Arbeit und die Auswahl eines passenden Patienten konzentrieren".

Hoffnung für mehrere 1000 Betroffene

Patientenorganisationen in Großbritannien reagierten überwiegend positiv. Landesweit gebe es tausende Patienten, die zum Beispiel nach einem Unfall oder als Folge von Krankheiten entstellt seien. Für diese Patienten bringe eine Gesichts-Transplantation "neue Hoffnung".

2005 hatten bereits eine 38jährige Patienten aus Frankreich (wir berichteten) sowie ein 30jähriger Patient aus China (wir berichteten) Teile eines Gesichts transplantiert bekommen. Die Londoner Chirurgen um Butler wollen jetzt einen Schritt weiter gehen, und ein komplettes Gesicht transplantieren.

Butler forscht seit Jahren zur Transplantationsmedizin. Die meisten seiner Fördergelder hat er selbst beschafft. Die von ihm gegründete Stiftung "Face Trust" wird heute auch international beachtet.

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