Direkt zum Inhaltsbereich

Vorhofflimmern: Therapie ist kein Muss

Veröffentlicht:

BERLIN (gvg). Für Patienten mit Vorhofflimmern gibt es mittlerweile viele medikamentöse und auch invasive Therapien. Auf dem 1. Deutschen Internistentag wurde vor therapeutischem Übereifer gewarnt.

"Wir sind sehr viel zurückhaltender bei der antiarrhythmischen Therapie von Patienten mit Vorhofflimmern geworden", sagte Professor Hans Martin Hoffmeister vom Städtischen Klinikum Solingen. Das spiegelt sich auch in der aktuellen Leitlinie zum Vorhofflimmern wider. Sie wird von den beiden US-amerikanischen Fachgesellschaften ACC und AHA sowie von der Europäischen und der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie gemeinsam unterstützt.

Häufig sind Hyperthyreose und Herzklappenfehler die Ursache

Zunächst geht es bei einem Patienten mit neu diagnostiziertem Vorhofflimmern darum, die Ursachen zu finden. Vor allem Herzklappenfehler und Hyperthyreose kommen in Frage. Auch Alkoholismus, ein Phäochromozytom sowie neurologische Störungen, darunter eine Subarachnoidalblutung, können einem Vorhofflimmern zugrunde liegen.

Wurde ein sekundäres Vorhofflimmern ausgeschlossen, sprechen die Kardiologen von "lone atrial fibrillation", also "alleinigem" Vorhofflimmern. Hier sei die entscheidende Frage, ob das Vorhofflimmern dem Patienten Beschwerden bereite oder nicht, berichtete Hoffmeister.

Ist das nicht der Fall, dann gebe es in der Regel keine Indikation für eine spezifisch antiarrhythmische Therapie. Symptome, die bei paroxysmalem Vorhofflimmern eine Therapie erforderlich machen können, sind vor allem Blutdruckabfälle, Angina pectoris-Beschwerden oder Zeichen von Herzinsuffizienz.

Bei anhaltendem Vorhofflimmern kann der Versuch, medikamentös oder per elektrischer Kardioversion einen Sinusrhythmus zu erreichen, gerechtfertigt sein. Ein Muss sei dieser Schritt aber nicht, sagte Hoffmeister. Denn auch hier sind die Symptome entscheidend. Patienten profitieren umso mehr von einem Sinusrhythmus, je mehr Symptome sie haben.

Gelingt die Kardioversion nicht und bestehen Symptome, bei denen eine spezifische Therapie angezeigt ist, dann sind die Begleiterkrankungen für die Auswahl der Therapie entscheidend. Wer keine oder nur eine minimale Herzerkrankung hat, sollte zuerst Klasse-I-Antiarrhythmika wie Flecainid, Propafenon oder Sotalol erhalten, sagte Hoffmeister. Erst wenn diese Behandlung erfolglos verlaufe, kommt das weniger gut verträgliche Amiodaron ins Spiel.

Besteht dagegen ein Bluthochdruck, muss genauer hingesehen werden. Zeigt sich in der Echokardiographie keine deutliche linksventrikuläre Hypertrophie, ist dasselbe Schema ratsam wie bei Herzgesunden.

"Liegt jedoch eine deutliche Hypertrophie vor, sollte auf Klasse-I-Substanzen zugunsten von Amiodaron verzichtet werden", so Hoffmeister. Ähnliches gelte bei koronarer Herzerkrankung, wobei hier noch der Zwischenschritt über den Betablocker Sotalol eine Option sei.

Eindeutig ist die Behandlung bei eingeschränkter kardialer Pumpfunktion. Hier ist Amiodaron die medikamentöse Therapie der ersten Wahl.

Differenziert beurteilte Hoffmeister die invasive Therapie bei Vorhofflimmern, die Katheterablation: "Das ist ein hervorragendes Verfahren für hoch symptomatische Patienten mit anfallsweisen Beschwerden", sagte der Experte. In allen anderen Kon-stellationen plädierte er für Zurückhaltung.

Die Erfolgsraten der Ablation mit Katheter sind anfechtbar

Bei der Interpretation der Erfolgsraten bei der Katheterablation riet er zur Vorsicht. Nicht selten hätten die Patienten nach einer Ablation plötzlich andere Arten von Vorhoftachykardien. Diese Patienten tauchten allerdings in den Statistiken oft nicht auf, weil sie rhythmologisch gesehen als erfolgreich therapiert bewertet würden.

Und auch bei jenen Patienten, die beschwerdefrei sind, sei keineswegs gewährleistet, das zwischendurch nicht doch wieder Episoden von Vorhofflimmern aufträten, sagte Hoffmeister.

STICHWORT

Katheterablation

Bei der Katheterablation wird das Vorhofflimmern durch die Applikation von Hochfrequenzstrom im linken Vorhof unterbunden. Die besten Ergebnisse erzielt nach Auffassung der meisten Experten die ringförmige Isolation der Pulmonalvenen, die der Kardiologe Carlo Pappone aus Mailand bekannt gemacht hat. Weil der Strom dabei auf dem Vorhofmyokard und nicht in der Pulmonalvenenmündung appliziert wird, kommt es bei diesem Verfahren nicht zu Pulmonalvenenstenosen.

Die Erfolgsquoten bei paroxysmalem Vorhofflimmern werden mit 70 bis 85 Prozent angegeben. Es gibt aber erhebliche Unterschiede zwischen den Zentren. (gvg)

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Progression bremsen

Rhythmuskontrolle bei Vorhofflimmern: Wann initiieren?

ENRICH-AF-Studie

Vorhofflimmern: Antikoagulation nach Hirnblutung bleibt heikel

Signifikante Assoziation

Begünstigen Gichtanfälle tachykarde Arrhythmien?

Das könnte Sie auch interessieren
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: MATTERHORN-Regime beim GC/GEJC: ereignisfreies Überleben (EFS)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [10]

Perioperativ behandeln – kurativ denken

Durvalumab-basierte Therapie bei drei Tumorentitäten

Sonderbericht | Beauftragt und finanziert durch: AstraZeneca GmbH, Hamburg
Abb. 1: Impfstoffeffektivität gegen Post COVID-Beschwerden

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [14]

Jährliche COVID-19-Impfung

Empfohlen für ein breites Risikokollektiv

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: BioNTech Europe GmbH, Mainz

Opioid-induzierte Obstipation

Paradigmenwechsel in der Behandlung: Vom Stuhl zum Nervensystem

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Grünenthal GmbH, Aachen
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Allgemeinmediziner gibt Tipps

Ohne MFA läuft wenig: Was beim Impfmanagement wichtig ist

Lesetipps
Ein Bild einer Niere mit Amyloidose, Längsschnitt.

© CNRI / Science Photo Library

Seltene Erkrankungen

Geht an die Nieren: AA-Amyloidose