Fuchsbandwurm in Städten

Wachsendes Risiko für Leib und Leber

Früher galten vor allem Landwirte und Jäger als gefährdet, doch heute wächst auch in den Städten das Risiko für einen Fuchsbandwurm-Befall, der tödlich enden kann. Vor allem eine Region Deutschlands gilt als "Epizentrum".

Veröffentlicht: 10.11.2015, 05:03 Uhr
Wachsendes Risiko für Leib und Leber

Echinokokkose: In der Leber wuchern Larven des Fuchsbandwurms und bilden einen alveolären Tumor.

© Uniklinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie

ULM. Wer Waldpilze sammelt oder mit Haustieren kuschelt, kann Fuchsbandwurmeier aufnehmen. In Deutschland gelten Ulm und Umgebung als "Epizentrum" der seltenen Parasitenerkrankung: Bis zu 70 Prozent der Füchse in der Region tragen den Erreger in sich.

Daher werden auch an der Universitätsklinik Ulm bundesweit die meisten Patienten mit alveolärer Echinokokkose der Leber behandelt. "Auch für Betroffene mit weit fortgeschrittener Infektion kann dabei eine gute Lebensqualität erreicht werden", betont Professorin Doris Henne-Bruns, Ärztliche Direktorin der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, in einer Mitteilung der Ulmer Klinik.

Die Echinokokkosen werden durch Larven des Fuchsbandwurms ausgelöst. Bis August wurden bundesweit 96 Erkrankungen an das Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet, mit 22 traf knapp jede vierte Erkrankung einen Menschen in Baden-Württemberg. Der Befall wurde früher hauptsächlich bei Landwirten oder Jägern diagnostiziert.

Doch zunehmend sind auch Städter betroffen: Als Kulturfolger passt sich der Fuchs dem Stadtleben an. Kot der Tiere mit Bandwurmeiern findet sich daher auch oft in Sandkästen oder auf Gemüsebeeten und bleibt monatelang ansteckend.

Werden die Eier aufgenommen, gelangen sie vermutlich über den Zwölffingerdarm in die Leber. Nicht jeder Mensch erkrankt allerdings, das Risiko hierfür scheint genetisch bedingt zu sein.

Potenziell tödliche Krankheit

Nach der Ansteckung breitet sich die potenziell tödliche Krankheit zunächst schleichend aus: Ohne Therapie wird die Leber zerstört - in seltenen Fällen sind auch Lunge und Gehirn betroffen. Oft wird die Diagnose erst nach Jahren gestellt. Patienten haben etwa Oberbauchschmerzen, Gelbsucht oder bei ärztlichen Untersuchungen wird eine Raumforderung in der Leber festgestellt.

Viele Personen mit Verdacht auf alveoläre Echinokokkose stellen sich in der Sektion Infektiologie und Klinischen Immunologie bei Dr. Beate Grüner vor. Bei 30 von ihnen wurde im vergangenen Jahr tatsächlich die Parasitose diagnostiziert.

"Ich kann meine Patienten mit der Aussage beruhigen, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht an einer Fuchsbandwurmerkrankung sterben werden", so die Internistin in der Mitteilung.

Bei der Diagnostik spielen bildgebende Verfahren, besonders die Sonografie, eine entscheidende Rolle. Zur Bestätigung der Primärdiagnose wird zusätzlich im Blut der Patienten nach Antikörpern gesucht. "Allerdings stellt ein positiver Bluttest ohne Leberveränderungen keine Erkrankung dar", betonen die Ärzte der Echinokokkose-Spezialambulanz in der Mitteilung.

Derzeit behandelt das interdisziplinäre Team aus Internisten, Chirurgen, Radiologen, Nuklearmedizinern, Mikrobiologen und Pathologen rund 400 Patienten. "In einem Drittel der Fälle können wir den befallenen Teil der Leber chirurgisch entfernen und die Krankheit so heilen", erklärt die Chirurgin Henne-Bruns.

Die Operation am weichen und stark durchbluteten Organ erfordert allerdings viel Routine, weshalb Patienten aus ganz Deutschland nach Ulm kommen. Bei den meisten Erkrankten ist die Leber schon so stark befallen, dass eine Op nicht mehr möglich ist.

Medikamente wie Albendazol können trotzdem zu einer normalen Lebenserwartung verhelfen. In jedem Fall ist die Nachsorge sehr wichtig: Mit bildgebenden Verfahren muss sichergestellt werden, dass die Krankheit nicht wieder aufflammt. Betroffene nehmen oft jahrelang Arzneimittel ein.

Nationales Echinokokkose-Register

Um den Therapieerfolg zu verbessern, haben Forscher aus Ulm eine Ultraschall- und eine CT-Klassifikation der Leberveränderungen entwickelt. Sie untersuchen zudem, ob es Zusammenhänge zwischen Befallsmustern in der Bildgebung und dem klinischen Verlauf der Erkrankung gibt.

Ein weiteres besonders wichtiges Ergebnis für die Diagnostik und Therapie: Eine immunhistochemische Methode, die der Ulmer Pathologe Professor Thomas Barth entwickelt hat, ermöglicht die Unterscheidung von Fuchs- und Hundebandwurmerkrankungen.

Schon jetzt verfügt das interdisziplinäre Ärzteteam an der Universitätsklinik über eine der größten Datenbanken zu Fuchsbandwurmerkrankungen europaweit, die noch weiter ausgebaut werden soll. In Kooperation mit dem Robert Koch-Institut erarbeiten die Spezialisten der Ulmer Uniklinik aktuell ein nationales Echinokokkose-Register.

Naturfreunde und Hobbygärtner sollten sich jedoch nicht verunsichern lassen, betonen die Ärzte: Die alveoläre Echinokokkose der Leber ist eine seltene Erkrankung und zur Infektion muss es erst gar nicht kommen: "Generell sollte man bodennahes Obst und Gemüse vor dem Verzehr waschen.

Außer der Beachtung gängiger Hygieneregeln ist es sinnvoll, Hunde und Katzen alle drei Monate zu entwurmen." Und mit einem gängigen Vorurteil können sie aufräumen: Waldbeeren sind keineswegs besonders stark mit Bandwurmeiern belastet. (eb/eis)

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