Terroristenanalyse

Warum der Dschihad Kriminelle anzieht

Aus Daten des Bundesverfassungsschutzes kann man die Blaupause eines typischen islamistischenTerroristens zeichnen. Welchen Typen Mensch zieht der sogenannte Gotteskrieg magisch an?

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Gewalt zieht Manchen wohl zum Islamismus.

Gewalt zieht Manchen wohl zum Islamismus.

© Prazis / fotolia.com

BERLIN. Mit knapp 200 Hausdurchsuchungen ging die Polizei Mitte November gegen den salafistischen Verein "Die wahre Religion" vor. Der Gruppe wird vorgeworfen, verfassungsfeindliche Ideologien verbreitet und Jugendliche radikalisiert zu haben. Das Vorgehen der Polizei fand jedoch nicht nur Zustimmung. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), forderte mehr "Augenmaß" bei der Verfolgung von Islamisten und sorgte damit ihrerseits für Wirbel.

Glaubt man Daten des Bundesverfassungsschutzes und des Bundeskriminalamts, ist die salafistische Szene in der Tat maßgeblich für die Radikalisierung und Rekrutierung von Dschihadisten. Eine Befragung bei rund 250 festgenommenen "Dschihad-Reisenden" in Deutschland hatte ergeben, dass für über 70% der Kontakt zur salafistischen Szene bei der Radikalisierung relevant war, nur 6% nannten das Internet.

„Es ist der persönliche Kontakte in der Szene“, so Professor Jérôme Endrass von der Arbeitsgruppe Forensische Psychologie der Universität Konstanz. Diese sollten die Behörden daher stärker im Blick haben als das Internet (Jérôme Endrass, Zürich. Der Weg zum terroristischen Attentäter. Symposium 035 Extremistische Gewalt. Kongress der Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Berlin, 23.–26. November).

Dschihad lockt vor allem Schläger und Kriminelle an

Auffällig war auch, dass jeder Zweite, der sich dem bewaffneten Kampf im Ausland anschließen wollte, schon vor der Radikalisierung vorbestraft war, von diesen wiederum fast die Hälfte wegen Gewaltdelikten. Nach der Radikalisierung wurden ebenfalls viele wegen Gewaltstraftaten verurteilt. Der Dschihad scheint also vor allem Schläger und Kriminelle anzulocken.

Dass es vielen primär um das Ausleben ihrer Gewaltfantasien geht, wird auch in der beschleunigten Radikalisierung deutlich. Vor dem Jahr 2013 dauerte es im Mittel noch über drei Jahre vom Beginn der Radikalisierung bis zur Ausreise, heute im Schnitt nur noch ein Jahr, bei jedem Zehnten sogar nur drei Monate, sagte Endrass auf dem DGPPN-Kongress in Berlin.

Es sei daher fraglich, ob bei einer derart schnellen Radikalisierung noch viel von der Religion und Ideologie in den Köpfen hängen bleibe. Die wenigsten würden sich damit gründlich auseinandersetzen. "Sie kommen damit in Kontakt, das löst bei ihnen etwas aus, und dann geht es sehr schnell."

Auch das Alter ist gesunken: Drei Viertel sind beim Marsch in den Dschihad unter 25 Jahre alt.

Ähnliche Trends werden in anderen EU-Ländern beobachtet, dabei macht die Radikalisierung auch vor Frauen nicht halt: 40% der Dschihad-Reisenden aus den Niederlanden sind weiblich. Frauen kämpfen in der Regel aber nicht, sie heiraten die Kämpfer im Zielgebiet. "Die Kinder, die dort zur Welt kommen, werden uns noch in 20 Jahren beschäftigen", prognostizierte der Psychologe.

Meist "Home-grown-Terror"

Auch Europol stellt in einem aktuellen Bericht eine beschleunigte Radikalisierung in lokalen Terrorzellen fest. So hat sich die Zahl der minderjährigen Terrorverdächtigen in den vergangenen zwei Jahren verdreifacht, was zum großen Teil auf das Konto der Islamisten geht: In einer Untersuchung von knapp 1100 festgenommenen Verdächtigen hatten sich knapp zwei Drittel dem Dschihad verschrieben. Separatisten sowie Links- und Rechtsextremisten teilen sich das übrige Drittel. Der Terror in Europa ist folglich zum größten Teil islamistisch geprägt.

Im Zentrum stehen Großbritannien und Frankreich. Hier wurden die meisten der Verdächtigen festgenommen und hier ereigneten sich vier Fünftel der 211 Anschläge, die vergangenes Jahr in der EU registriert wurden. Der Rest geht fast komplett auf das Konto von Separatisten in Spanien.

Bei der Hälfte der Attentate setzten die Täter Schusswaffen ein. Sprengstoff wurde nur bei einem Viertel aller Anschläge verwendet. Hier sei ein klarer Trend zu beobachten, so Endrass. Schusswaffenanschläge sind einfacher auszuführen, an die Waffen gelangen Attentäter leichter als an Sprengstoff, zudem seien nach israelischen Forschungen für einen Sprengstoffanschlag im Schnitt 19 Personen nötig – der Aufwand dafür ist also wesentlich höher.

Fünf Länder im Fokus

Etwa zwei Drittel der Terrorverdächtigen sind EU-Staatsbürger, die Hälfte ist in der EU geboren. Der Terror –auch der islamistische – sei also weitgehend "home grown", erläuterte Endrass.

Trotz aller Terrorgefahr – Europa ist nicht das Hauptziel der Täter. Der Psychologe verwies auf den aktuellen Europol-Bericht, wonach im Jahr 2015 knapp 33.000 Menschen Opfer von Terrorattacken wurden – fast alle außerhalb Europas. Vier von fünf Anschlägen betrafen allein die fünf Länder Irak, Afghanistan, Syrien, Nigeria und Pakistan. Diese hätten die höchste Bürde zu tragen.

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