Kommentar

Was braucht die STIKO denn noch?

Von Michael Hubert Veröffentlicht: 19.09.2011, 05:00 Uhr

Impfungen mit rein individuellem Nutzen sind selten. Eine ist die Tetanus-Impfung. Nur der Impfling profitiert, denn Tetanus ist nicht ansteckend. Meist jedoch profitieren auch Nichtgeimpfte.

Von der Pneumokokken-Impfung weiß man es schon lange: Sind Säuglinge und Kleinkinder geimpft, sinkt auch die Rate invasiver Erkrankungen durch die Bakterien bei Senioren.

Die ersten Daten hierzu kamen aus den USA. Andere Länder zogen nach. Diese Daten haben mit dazu geführt, dass die Pneumokokken-Impfung für Säuglinge auch bei uns empfohlen wurde - Jahre nach Einführung des Konjugat-Impfstoffs.

Nun gibt es wieder Zahlen aus den USA, diesmal zum indirekten Nutzen der Rotavirus-Impfung. Auch von dieser Impfung profitieren offenbar Nichtgeimpfte, in diesem Fall die 5- bis 24-Jährigen. Dass Deutschland nur selten über eigene Zahlen verfügt, mag man ja noch hinnehmen. Aber dann - und damit ist die STIKO gemeint - müssen die Daten anderer Länder genutzt werden!

Aufgabe der STIKO nach Infektionsschutzgesetz (Paragraf  20) ist es, Maßnahmen zur spezifischen Prophylaxe übertragbarer Krankheiten zu empfehlen. Im Falle der Rotaviren kommt die STIKO dieser Aufgabe noch immer nicht nach.

Lesen Sie dazu auch den Bericht: Rotavirus-Impfung nützt Nichtgeimpften

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Dr. Jan Leidel

Die STIKO braucht noch klarere Evidenzen

Wird sonst der STIKO nicht selten vorgeworfen, eine Impfempfehlung überhastet und ohne ausreichende Prüfung der vorhandenen Evidenz auszusprechen, kann es hier Herrn Hubert kaum rasch genug gehen. In einer Stellungnahme (Epidemiologisches Bulletin 33/2010) hat die STIKO ausführlich und transparent dargelegt, warum sie bislang keine generelle Empfehlung der Impfung gegen Rotaviren ausgesprochen hat. Rotaviren sind zweifellos die häufigste Ursache akuter Gastroenteritiden im Kindesalter. Glücklicherweise ist die Rotavirus-Letalität in Deutschland mit weniger als 0,01 % gering.

Die Expertenkommission der Weltgesundheitsorganisation (SAGE) hat 2009 die Aufnahme einer generellen Rotavirus-Impfung von Säuglingen in die nationalen Impfprogramme weltweit empfohlen. Sie hat aber gleichzeitig darauf hingewiesen, dass in Ländern mit einer Rotavirus-Letalität von weniger als 10 % bei unter 5-Jährigen die Entscheidung über eine generelle Impfempfehlung auch auf der Basis der zu erwartenden Reduktion der Rotavirus-Krankheitslast, der Einsparung von Gesundheitskosten und der Kosteneffektivität der Impfung getroffen werden sollte. Hierzu leistet die Arbeit von Lopmann et al. sicher einen wichtigen Beitrag. Neben diesem gesundheitsökonomischen Aspekt, dessen Bedeutung für die STIKO nicht im an erster Stelle steht, müssen auch an die Wirksamkeit, die Häufigkeit von Durchbruchserkrankungen und die Sicherheit der Impfung gegen diese häufige, glücklicherweise aber äußerst selten tödlich verlaufende bzw. schwere Folgeschäden hinterlassende Krankheit besonders hohe Anforderungen gestellt werden. Mit den Ergebnissen entsprechender Studien ist in naher Zukunft zu rechnen. Sobald diese Daten vorliegen, wird die STIKO die Impfung gegen Rotaviren erneut bewerten.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass in Europa erst wenige Staaten (Österreich, Belgien, Finnland und Luxemburg) die Impfung gegen Rotaviren öffentlich empfehlen. Die STIKO scheint nicht die einzige nationale Impfkommission in Europa zu sein, die die Daten zu dieser Impfung und deren Evidenz vor der Entscheidung über eine Empfehlung sorgfältig prüft.

Dr. Jan Leidel
Vorsitzender der STIKO


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