Keimschleuder Diagnosewerkzeug

Welche Bakterien sich auf Stethoskopen tummeln

Stethoskope, die Ärzte in Kliniken mit sich umhertragen, sind offenbar von Unmengen von Bakterien besiedelt. In einer US-Studie fanden sich darunter auch Erreger relevanter nosokomialer Infektionen.

Von Elke Oberhofer Veröffentlicht: 31.01.2019, 14:14 Uhr
Welche Bakterien sich auf Stethoskopen tummeln

Stethoskop: nur auf den ersten Blick blitzeblank. Bei genauerem Hinsehen finden sich Erreger wie Staphylococcus, Pseudomonas und Acinetobacter.

© Gina Sanders / stock.adobe.com

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Wie ausgeprägt ist die bakterielle Besiedelung von Stethoskopen, die auf Intensivstationen benutzt werden?

Antwort: Auf den Membranen der Stethoskope fanden sich in molekularen Analysen unzählige Bakterien verschiedenster Gattungen, insbesondere auch Spezies wie S. aureus, die als Auslöser nosokomialer Infektionen gelten.

Bedeutung: Das Umhertragen von Stethoskopen in Kliniken begünstigt möglicherweise die Übertragung relevanter Erreger.

Einschränkung: Welche Keimkonzentration auf dem Stethoskop für eine nosokomiale Infektion erforderlich ist, wurde nicht untersucht.

PHILADELPHIA. Zur bakteriellen Besiedelung von Stethoskopen existierten bislang nur Studien auf der Basis von Kulturen. Diese sind dadurch begrenzt, dass sie sich auf ganz bestimmte Erreger fokussieren. Um das ganze Spektrum von Keimen zu ermitteln, welche die Membranen von Stethoskopen bevölkern, und zwar speziell von solchen, die auf einer Intensivstation zum Einsatz kommen, hat ein Team der University of Pennsylvania nun einen anderen Ansatz gewählt: das Next-Generation-Sequencing (Infect Control Hosp Epidemiol 2018, online 12. Dezember).

Mit dieser DNA-basierten Methode wurden in zahlreichen Testreihen Abstriche von insgesamt 40 verschiedenen Stethoskopen untersucht: Dazu zählten zum einen Stethoskope, die Klinikärzte, Pfleger oder Krankenschwestern um den Hals oder in der Kitteltasche mit sich trugen, zum anderen solche, die im Zimmer des Patienten blieben.

Als Vergleich dienten einerseits unbenutzte, also frisch aus der Verpackung entnommene Einmal-Stethoskope, andererseits Blindproben, bestehend aus unbenutzten Tupfern.

Viele unterschiedliche Erreger

Wie die Autoren Vincent R. Knecht und Kollegen berichten, waren vor allem die vom Klinikpersonal umhergetragenen Stethoskope von einer Vielzahl unterschiedlichster Erreger besiedelt, die von der Haut oder aus dem Verdauungstrakt stammten; darunter, so die Experten, auch Keime, die gemeinhin für nosokomiale Infektionen verantwortlich gemacht werden.

Auf jedem der untersuchten Arzt-Stethoskope fanden die Wissenschaftler zum Beispiel Staphylococcus-Spezies. So wurde beispielsweise S. aureus auf 24 von 40 Geräten identifiziert. Deutlich mehr als die Hälfte trugen Pseudomonas und Acinetobacter und annähernd 50 Prozent Enterococcus, Stenotrophomonas und Clostridium.

Die Arzt-Stethoskope beherbergten deutlich mehr Keime als die Geräte, die im Raum des Patienten blieben, und diese wiederum deutlich mehr als unbenutzte Geräte.

Reinigung nur mäßig wirksam

Knecht und seine Kollegen untersuchten außerdem den Effekt einer Reinigung: Von zehn Arzt-Stethoskopen, die nach dem empfohlenen Standard desinfiziert worden waren (60 Sekunden mit einem wasserstoffperoxidhaltigen Reinigungstuch abreiben, anschließend trocknen lassen), ging die bakterielle Besiedelung nur in der Hälfte der Fälle auf das Niveau der unbenutzten Stethoskope zurück.

Hatte der Arzt sein Stethoskop dagegen nach eigenem Gutdünken gereinigt – etwa mit Wasserstoffperoxid, Alkohol oder Bleichlauge – betrug dieser Anteil nur 10 Prozent.

Welche bakterielle Konzentration auf der Oberfläche eines Stethoskops allerdings für eine potenzielle Übertragung relevanter Keime erforderlich ist, bleibt offen, dieser Zusammenhang wurde in der vorliegenden Studie nicht untersucht. Nicht in der Analyse erfasst wurde zudem mögliches DNA-Material von Viren oder Pilzen.

Kommentare
Dr. Andreas Rahn

Für "Keimschleudern" noch keine Evidenz

Die entscheidenden Passagen des Textes sind:

"Bedeutung: Das Umhertragen von Stethoskopen in Kliniken begünstigt MÖGLICHERWEISE die Übertragung relevanter Erreger.

Einschränkung: Welche Keimkonzentration auf dem Stethoskop für eine nosokomiale Infektion erforderlich ist, wurde nicht untersucht."

Die Arbeit ist sicher interessant, es spricht nichts gegen eine regelmäßige Desinfektion von Stethoskopen (vielleicht analog zur Händedesinfektion: also vor und nach Patientenkontakt) - aber mehr kann man daraus nicht ableiten.

Das Stethoskope "Keimschleudern" sind, das kann man jedenfalls aus der Arbeit nicht folgern. Dazu müßte nämlich nachgewiesen werden, in welchem Umfang Keime von den Stetoskopen übertragen wurden. In einem weiteren Schritt wäre zu untersuchen, wie häufig daraus Infektionen wurden...

Dr. Horst Grünwoldt

Bakteriophobie

Auskultiert wird mit dem Stethoskop normalerweise auf der unverletzten Haut im Thorax- oder Abdominal-Bereich. Dass sich dann auch eine transiente, normale Hautflora vorübergehend an der Membran des Hörgerätes befindet und bakteriologisch nachgewiesen werden kann, ist evident!
Vergleichbare Ergebnisse dürften sich an Tupferproben von Brillengestellen und -gläsern ergeben.
Dieses nichtoperative Gerät schon als "infektiös" oder ansteckend im Sinne von Hospitalinfektion bezeichnen zu wollen, wäre aber nach m.E. überspitzt. Schließlich stellt jede unverletzte Patientenhaut schon mal eine gute Abwehrarmada von individueller Keimbesiedelung dar, die den einzelnen Krankheitserregern keine Vermehrung erlaubt, wenn diese nicht alltäglich abgeschrubbt und desinfiziert wird.
Insofern ist -außerhalb des OP-Raumes- im Patientenzimmer das Abhörgerät wohl nicht als Keimschleuder zur Verbreitung von nosokomialen Infektionen anzusehen. Dass die Kunststoff-Membran im täglichen Gebrauch auch zu reinigen ist, sollte für hygienebewußtes Krankenhauspersonal so selbstverständlich sein, wie die Behandlung von PC-Tastaturen im Dienstzimmer!
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock

Dr. Thomas Georg Schätzler

Dein Stethoskop, das unerwartet "lebendige" Wesen?

Bereits die Studie unter dem Titel "Contamination of Stethoscopes and Physicians'' Hands After a Physical Examination" in den Mayo Clinic Proceedings (2014; 89(3):277-280) belegte, dass der Kontaminationsgrad des Stethoskops nach der klinischen Untersuchung eines Patienten vergleichbar mit der Kontamination von Teilen der führenden Hand des Arztes ist.

Denn es sind Ärzte/-innen selbst, die ihr eigenes Stethoskop anfassen, um es manuell den Patientenkörpern zu nähern In einem Editorial meldete sich umgehend Dennis G. Maki, MD, Infektiologe an der "University of Wisconsin in Madison"(WI/USA) mit dem Titel "Stethoscopes and Health Care-Associated Infection" dramatisierend zu Wort.

Doch würde ein professionell agierender Mediziner sein frisch gereinigtes Stethoskop in infizierte Wunden hineinhängen, um es danach bei weiteren Patienten über deren Körperöffnungen infektiös auspendeln zu lassen? Eine intakte Hautbarriere des Brustkorbs wäre doch stabil gegenüber aggressiven Keimattacken, die eher nur theoretisch von angreifenden, kontaminierten Stethoskopen ausgeführt werden könnten? Potenziell kontaminierte Stethoskope sollten nicht unnötig angefasst und nach Hautekzem- und Wundkontakt gereinigt bzw. mit alkoholfreiem Octenisept® desinfiziert werden. Keinen Alkohol nehmen! Der greift die Membranen und Kunststoff- bzw. Gummiringe an.

Aber gibt es nicht weit wichtigere Hygieneprobleme? Verschmutzte, selten gewechselte, ungewaschene oder nicht desinfizierbare Arztkittel bzw. die nicht abwaschbare Krawatte, die zu größten infektiologischen Bedenken Anlass geben können?

www.sueddeutsche.de/leben/arztkittel-vor-dem-aus-dreckschleudern-in-weiss-1.890152

www.stern.de/gesundheit/gesundheitsnews/hygiene-gefaehrliche-schlipse-556433.html

www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/krankenhaus-hygiene-schlips-am-aerztehals-kann-toedlich-sein-a-402255.html

Auch wenn sich eine schottische Infektiologin wieder für das Krawattentragen ausgesprochen hat: "Put your ties back on: scruffy doctors damage our reputation and indicate a decline in hygiene" BMJ 2013;346:f3211, könnten dann die angelsächsischen NHS-Baumängel-, Leistungs-, Wartezeiten-, Hygiene- und BREXIT-Krisen sich nicht bis zu einem Krawattenkrieg ausweiten?

Auch PC-Tastaturen, Tablets, Smartphones und Touchscreens sind für Praxis- und Klinik- Hygiene-Beauftragte bzw. Infektiologen ein "gefundenes Fressen". Vgl. www.springermedizin.de/so-wird-die-tastatur-nicht-zur-keimschleuder/4938140.html

"Der Tod lauert nicht in der Tastatur, sondern davor", sagte eine Infektionsexpertin. Trotzdem solle das PC-Zubehör im Hygieneplan von Klinik und Praxis seinen Platz haben. Denn Computer-Tastaturen hätten ständigen Kontakt mit Händen.

Aber was ist eigentlich mit den Besuchern? Krankenhäuser, Reha-Kliniken, Arztpraxen und medizinische Versorgungszentren werden von Heerscharen keimtragender Besucherinnen und Besucher bzw. Patienten heimgesucht, die oft nicht mal elementare Hygiene-Regeln beherzigen ("nach dem Klo und vor dem Essen - Händewaschen nicht vergessen"). Ungeduscht und ungewaschen bzw. nicht auf gewaschene oder ungewaschene Kleidung, kurz geschnittene Finger- bzw. Fußnägel untersucht, bevölkern sie die Klinikflure, die Cafeteria, das "Büdchen" am Klinikeingang und die Anmeldetresen der Praxen, um dann in die Kernzonen nosokomialer Infektionsrisiken vorzudringen: In die Krankenzimmer zu ihren kranken Angehörigen, in die Räume der Stationsmitarbeiter, in die Funktionsbereiche und Nasszellen auf der Suche nach Blumenvasen und in die Besuchertoiletten bzw. in die Behandlungszimmer der Haus- und Fachärzte.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Quelle:"Contamination of Stethoscopes and Physicians'' Hands After a Physical Examination" in den Mayo Clinic Proceedings 2014; 89(3):277-280 http://www.mayoclinicproceedings.org/article/S0025-6196(13)01084-7/abstract strong>


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