HINTERGRUND

"Wenn ein Patient eine Herzkatheter-Untersuchung in Deutschland benötigt, dann ist sie auch möglich!"

Immer mal wieder kommt der Vorwurf, in Deutschland wird unnötig viel mit Herzkathetern untersucht - viel mehr als in anderen Ländern. Doch im Gegensatz zu anderen Ländern erhalten Patienten in Deutschland sofort eine Katheter-Untersuchung, wenn sie nötig ist, und sterben nicht, während sie auf eine solche Untersuchung warten, gibt der Kardiologe Professor Erland Erdmann zu bedenken. Und: Wird bei einer Untersuchung eine Stenose entdeckt, erhält der Patient oft in derselben Sitzung einen Stent.

Von Erland Erdmann Veröffentlicht: 02.02.2006, 08:00 Uhr

Gelegentlich kann man sich beim Lesen einer Tageszeitung über den medizinischen Sachverstand von Journalisten wundern. Unter dem Titel "Ruf nach den falschen Rezepten" berichtete vor kurzem eine große deutsche Tageszeitung: "In kaum einem Land verlegen Kardiologen so viele Herzkatheter wie hierzulande. Doch in der Schweiz, wo die Ärzte weniger Schläuche ins Herz schieben, sterben weniger Menschen an Herzinfarkt."

Nun sollte man den Journalisten nicht dafür schimpfen, daß Herzkatheter nicht "verlegt" werden. Die Beschäftigung mit der Fachsprache ist nicht jedermanns Sache. Der Autor impliziert aber mit seinen beiden Sätzen einen Zusammenhang der mir so vorkommt wie die berühmte Geschichte mit der sinkenden Geburtenrate und der abnehmenden Anzahl von Störchen.

Gerade vor ein paar Tagen kam ein 56jähriger Mann in unsere Notfall-ambulanz mit Druck hinter dem Brustbein und Oberbauchbeschwerden. Nach dem Aufwachen hätte er auch Schmerzen im Kinnbereich gehabt. Der Patient nahm an, wohl etwas Falsches gegessen zu haben. Der hinzugezogene Kardiologe veranlaßte bei normalen Blutwerten und normalem Ruhe-EKG eine sofortige Ergometrie, die bei 75 Watt deutliche Brustschmerzen zur Folge hatte. Daraufhin wurde der Patient sofort koronarangiographiert und in gleicher Sitzung mit einem Stent versorgt.

Ein derartiger schneller und zielgerichteter Service ist im Augenblick wohl nur in Deutschland und eventuell in den USA möglich. Dem Patienten wurde damit höchstwahrscheinlich ein Hinterwandinfarkt erspart. In vielen anderen Ländern hätte man zuerst einen medikamentösen Therapieversuch gemacht, da dort die Wartezeit auf die einzig diagnostisch und auch therapeutisch vernünftige Maßnahme mit Monaten zu beziffern wäre.

Ich bin überzeugt, daß der von mir sehr geschätzte Journalist, der ja die weitverbreitete Laienmeinung ausdrückt, im Falle eigener derartiger Beschwerden sehr froh über die Möglichkeit wäre, die wir (noch) in Deutschland haben: Wenn ein Patient eine Herzkatheter-Untersuchung benötigt, dann ist sie auch möglich. Die Zeiten, als Koronarpatienten auf den Wartelisten verstarben, sind glücklicherweise mehr als 20 Jahre her! Natürlich kann man sich darüber unterhalten, ob unsere diagnostische Treffsicherheit verbessert werden kann.

Alle mir zugänglichen derartigen Untersuchungen zeigen, daß mit etwa 10 bis 20 Prozent Normalbefunden (also Ausschluß einer ernsten Herzerkrankung) bei den etwa 716 000 Linksherzkatheter-Untersuchungen pro Jahr in Deutschland zu rechnen ist. Bei 250 000 Patienten wird eine hochgradige Herzkranzgefäßverengung dilatiert und bei über 100 000 Patienten muß operiert werden. Bei einer relativ großen Anzahl von Kranken kann man in Kenntnis (!) des Koronarbefundes eine erfolgversprechende konservative Therapie empfehlen.

Ich kenne aber auch wiederum viele Herzkranke, die sehr froh waren, als man ihnen durch das normale Koronarogramm die Angst nehmen konnte, ihnen drohte ein baldiger Herzinfarkt oder schlimmeres. Auch das "negative" Ergebnis ist in der Regel diagnostisch und therapeutisch wichtig und erhöht die Lebensqualität der Betroffenen.

Wir alle sollten uns um differenzierte Aussagen zu komplexen gesundheitspolitisch relevanten Themen bemühen und gerade in der aktuellen Situation auch als Ärzte kritisch äußern, wenn anscheinend einfache Zusammenhänge verkürzt dargestellt werden.

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