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INTERVIEW

"Wenn jemand hinfällt, weil er plötzlich einschläft, ist das ein sicheres Zeichen für Narkolepsie"

Bei vielen Menschen mit Narkolepsie wird die Krankheit erst sehr spät oder gar nicht erkannt. Schlafen Patienten mehrfach tagsüber ein oder fallen sie sogar hin, weil sie plötzlich einschlafen, ist das ein deutliches Zeichen für eine Narkolepsie, sagte Professor Michel Billiard aus Montpellier in Frankreich im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung." Mit dem Schlafforscher sprach unser Mitarbeiter Thomas Meißner.

Veröffentlicht:

Ärzte Zeitung: Herr Professor Billiard, Narkolepsie gilt als Rarität. Weiß man denn, wie häufig die Erkrankung wirklich vorkommt?

Billiard: Wenn Sie mit einem Neurologen oder Psychiater sprechen, werden Sie hören, daß sie noch nie einem solchen Patienten begegnet sind. Dabei ist die Narkolepsie-Prävalenz mit 25 bis 40 Patienten pro 100 000 Einwohner nur wenig geringer als die von Multipler Sklerose. Allein in Berlin müßten demnach etwa 1000 Betroffene leben. Nur ein Viertel von ihnen kennt wahrscheinlich die Diagnose. Narkolepsie wird, wie andere Schlafstörungen auch, leider vielfach noch nicht als medizinisches Problem angesehen.

Ärzte Zeitung: Wie wird man denn als Arzt auf Narkolepsie-Patienten aufmerksam?

Billiard: Klagt jemand über ständige Schläfrigkeit, ist das nicht normal, erst recht, wenn jemand drei- oder viermal am Tag einschläft. Dem sollte nachgegangen werden, diese Patienten gehören in die Hände eines Spezialisten, der sie gegebenenfalls an ein Schlaflabor überweist. Manche Patienten schlafen auch regelmäßig im Wartezimmer ein. Meine erste Frage an einen solchen Patienten würde lauten: Schnarchen Sie? Denn die obstruktive Schlafapnoe ist eine andere häufige Ursache für Tagesschläfrigkeit.

Bei Verdacht auf Narkolepsie würde ich fragen: Sind Sie schon mal hingefallen, weil sie plötzlich eingeschlafen sind? Kataplektische Anfälle, also plötzliches Nachlassen des Skelettmuskeltonus, finden Sie ausschließlich bei Narkolepsie. Diese Anfälle werden durch Emotionen wie Lachen, Ärger oder bei Erregung ausgelöst. Ich erinnere mich an einen Kunstprofessor. Der fiel bei der Besprechung einer Statue plötzlich vor den versammelten Studenten hin. Oder er fiel, wenn er ein schönes Gemälde sah. Wenn jemand kataplektische Anfälle hat, steht die Diagnose Narkolepsie fest! Da brauchen Sie keine Polysomnographie mehr.

Ärzte Zeitung: Wie oft treten diese kataplektischen Anfälle auf?

Billiard: Das ist sehr variabel. Manche meiner Patienten hatten nur drei oder vier solcher Anfälle in ihrem ganzen Leben. Manche haben drei oder vier pro Tag. Die meisten haben einen Anfall pro Woche oder pro Monat. Jeder denkt natürlich erst einmal an einen epileptischen Anfall. Narkolepsie und Epilepsie haben jedoch nichts miteinander zu tun. Ein Epilepsiekranker würde außerdem Krämpfe haben. Manchmal versuchen Narkolepsie-Patienten die Augen zu öffnen, denn sie sind während des Anfalls bei vollem Bewußtsein. Es gelingt aber nicht, weil die Lidmuskeln atonisch sind. Manche interpretieren das dann als Zeichen für Epilepsie.

Ärzte Zeitung: Was sind denn die häufigsten Fehldiagnosen bei Narkolepsie-Patienten?

Billiard: Die häufigste Fehldiagnose lautet: Sie haben gar nichts! Bei uns in Frankreich heißt es dann oft: Sie essen zuviel. Jugendliche mit Narkolepsie werden schnell als Faulpelze abgestempelt, die den ganzen Tag im Bett verbringen wollen. Bei schweren kataplektischen Anfällen wird, wie erwähnt, oft von einer Epilepsie ausgegangen.

Ärzte Zeitung: Welche Therapien gibt es derzeit für Narkolepsie-Patienten?

Billiard: Es gibt drei Hauptsymptome: die exzessive Tagesschläfrigkeit, Kataplexie und schlechter Nachtschlaf. Gegen die Tagesschläfrigkeit wird gewöhnlich Modafinil verschrieben, eine gut wirksame und verträgliche Substanz. Allerdings spricht etwa ein Drittel der Patienten auf das Medikament nicht an. Eine neue Substanz, Natriumoxybat, ist seit Mitte Oktober in der EU bei Kataplexie zugelassen. Aber ich bin sicher, es wird auch bald bei exzessiver Tagesschläfrigkeit zugelassen. Es kann mit Modafinil kombiniert werden. Gegen Kataplexie werden bislang auch Antidepressiva wie Clomipramin gegeben. Das hat aber einige unerwünschte Wirkungen, weshalb Clomipramin niedrig dosiert werden sollte. SSRI sind etwas weniger wirksam, dafür gut verträglich. Für die Verbesserung des Nachtschlafes kann man Hypnotika verwenden. Aber sie verzögern den Zeitpunkt des ersten Aufwachens nur geringfügig.

Ärzte Zeitung: Können die Patienten den Anfällen vorbeugen?

Billiard: Die Betroffenen wissen nie, wann sie der Schlafdrang überkommen wird. Wir empfehlen deshalb zur Prävention der Tagesschläfrigkeit, mehrmals pro Tag einen Kurzschlaf von etwa einer Viertelstunde einzulegen. Das verhindert Schlafattacken für drei bis vier Stunden. Das Problem für die Patienten: Wann nehme ich mir die Zeit dafür und wo kann ich das Nickerchen machen?

Ärzte Zeitung: Aber wird mit gehäuften Nickerchen tagsüber nicht die Nachtschlafphase gefährdet?

Billiard: Das wäre bei Gesunden so. Narkolepsie-Patienten haben überhaupt keine Probleme, einzuschlafen.

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