Depressionen

Wer depressiv wird, hat meist auch ungünstige Gene

Belastende Ereignisse münden vor allem dann in eine Depression, wenn ungünstige Genvarianten vorhanden sind.

Von Simone Reisdorf Veröffentlicht:
Wer depressiv wird, hat meist auch ungünstige Gene

© Foto: ABDA

BERLIN. Wer die falschen Gene hat, bekommt nicht automatisch eine Depression, er verkraftet belastende Ereignisse aber offenbar viel schwerer als andere Menschen und ist nach neuen Studiendaten dadurch stärker depressionsgefährdet. Ein Beispiel: Etwa ein Drittel aller Menschen hat eine charakteristische Veränderung im Gen für das Enzym Catechol-O-Methyltransferase (COMT): Statt einer Aminosäure Valin findet sich bei ihnen Methionin an einer bestimmten Stelle des Enzyms.

Genvariante beeinflusst den Dopaminhaushalt

Beim Psychiatrie-Kongress der DGPPN in Berlin erläuterte Professor Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim die Auswirkungen dieser Variation: "Das Enzym COMT ist die entscheidende Stellschraube für Dopamin im präfrontalen Kortex. Bei Menschen mit der Methionin-Variante findet man in dieser Hirnregion etwa 50 Prozent mehr Dopamin."

Das bleibt nicht ohne Folgen für die Affektverarbeitung, also für das Temperament der Betroffenen: Die Valin-Träger seien im Allgemeinen emotional stabiler und ausgeglichener. Das ändere sich auch in Stresssituationen kaum. Die Methionin-Träger dagegen seien meist erfolgreicher bei kognitiven Herausforderungen. Dafür neigten sie aber eher zu affektiven Erkrankungen wie Angst- und Zwangsstörungen sowie unipolaren oder bipolaren Depressionen. "Für den Fortbestand der Menschheit werden beide Eigenschaften gebraucht", so Institutsdirektor Meyer-Lindenberg auf einem vom Unternehmen AstraZeneca unterstützten Symposium. "Deshalb ist es entwicklungsgeschichtlich sinnvoll, dass es beide Typen von Menschen gibt."

Über ein Drittel ist genetisch anfällig für Depressionen

Indes beeinflusst nicht nur das dopaminerge System die Affektverarbeitung. Meyer-Lindenberg nannte auch ein Beispiel aus dem serotonergen System: Das Gen für den 5-HT-Transporter (5-HTT) existiert in einer Lang- und einer Kurzvariante.

Träger der Kurzvariante produzieren weniger des Serotonintransporters. Als Folge kommt es während der Gehirnentwicklung zu einem Serotoninüberschuss und dadurch zu einer Störung regulatorischer Funktionen, an denen die Amygdala teilnimmt. "Messungen haben gezeigt, dass die Amygdala als Alarmzentrum des Gehirns bei solchen Personen aktiver ist", so Meyer-Lindenberg. "Zudem funktioniert bei ihnen die Rückkopplung mit dem subgenualen Zingulum nicht so gut. Dieses wäre aber eigentlich für eine Extinktion negativer affektiver Assoziationen zuständig."

Solche Veränderungen machen Menschen mit der Kurzversion des 5-HTT-Gens anfälliger für Angst und Depressionen, erläuterte der Psychiater. Insgesamt sind 19 Prozent der Menschen in Deutschland homozygot für die Kurzvariante des 5-HTT-Gens.

Genetisch verankerte Risiken sind aber nur eine Seite der Medaille, so der Experte. "Eine Depression entwickelt sich daraus nur, wenn Umweltstressoren als Auslöser hinzukommen." Dazu präsentierte er zwei Studien, in die jeweils Träger der Kurz- und Langversion des 5-HTT-Gens eingeschlossen waren: In der ersten Studie traten Depressionen bei Probanden vermehrt auf, die in der Kindheit Misshandlungen ausgesetzt waren. In der zweiten Studie traten depressive Episoden umso häufiger auf, je mehr negative Lebensereignisse die Teilnehmer erlebt hatten. Das war genau so zu erwarten. Interessant war aber, dass diese fast lineare Beziehung - je mehr Stressereignisse, umso höher das Depressionsrisiko - nur für die Teilnehmer mit der Kurzvariante des 5-HTT-Gens galt, besonders für die homozygoten Träger. Die Studienteilnehmer mit der Langvariante dagegen verkrafteten auch mehrere negative Ereignisse oder Kindesmisshandlung, ohne eine Depression zu bekommen.

Depression als Volkskrankheit

Je nach Berechnung erkranken 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Leben an einer schweren depressiven Episode. Die Inzidenz wird auf 2 Prozent geschätzt. (mut)

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