Urologen warnen

YouTube für BPH-Patienten „eher Gefahr als Hilfe“

YouTube-Videos, in denen operative Verfahren bei BPH / LUTS erklärt werden, sind für die Patienten in den meisten Fällen eher eine Gefahr als eine Hilfe, warnen Urologen.

Veröffentlicht: 05.02.2020, 14:08 Uhr

St. Gallen. Wer bei YouTube das Stichwort „benigne Prostatahyperplasie“ (BPH) eingibt, wird überrascht sein, welche Masse an Videos die Online-Plattform zu diesem Thema anbietet. Solche Kurzfilme, die im Idealfall komplexe Abläufe anschaulich erklären, werden von Patienten vor allem dann als hilfreich empfunden, wenn es um Op-Möglichkeiten im Zusammenhang mit ihrer Erkrankung geht.

Ein Urologenteam aus der Schweiz und Deutschland hat versucht herauszufinden, wie es um die fachliche Qualität solcher Videos zu Op-Verfahren bei BPH / LUTS bestellt ist (BJU Int 2019, online first, 23. Dezember).

Anlass zur Sorge

Das Ergebnis ihrer Recherche gibt Anlass zur Sorge: Die meisten der ausgewerteten Filme seien von schlechter Qualität, enthielten Fehler, seien werblich, ohne einen Interessenkonflikt deutlich zu machen, und versäumten es, auf mögliche Komplikationen infolge der Therapie hinzuweisen.

Die Gruppe um Dr. Patrick Betschart vom Kantonspital St. Gallen wertete insgesamt 159 Videos aus, wobei sie sich für jedes einzelne der insgesamt 14 erwähnten Op-Verfahren auf maximal 20 Videos (die mit der höchsten Klickzahl) beschränkten.

77 Prozent aller Filme richteten sich direkt an Patienten, der Rest an ärztliche Zielgruppen. 70 Prozent waren von Ärzten, Kliniken oder universitären Einrichtungen erstellt worden, 20 Prozent stammten von der Industrie, der Rest von Nachrichtenmedien oder anderen Gesellschaften oder Organisationen.

Nur 21 Videos ohne Falschinformationen

Mithilfe des DISCERN-Fragebogens wurde die fachliche Qualität der Informationen im jeweiligen Video beurteilt. Durchschnittlich wurden nur 2 von 5 Punkten erreicht, was einer „niedrigen“ Qualität entsprach.

Nur 21 Videos waren frei von Falschinformationen, das heißt, 87 Prozent zeigten Abweichungen von den aktuellen Leitlinien der European Association of Urology. In neun Fällen waren die Abweichungen laut Betschart und Kollegen „extrem“. Als frei von kommerziellen Interessen erwiesen sich nur 16 Prozent, und nur 1,3 Prozent (zwei Videos) enthielten Angaben zum Interessenkonflikt.

In der Regel widmeten sich die Videos einem bestimmten Verfahren; weniger als die Hälfte ging auch nur ansatzweise auf andere Behandlungsmöglichkeiten ein.

Unter den Verfahren, die in den Videos thematisiert wurden, erreichten „Injektionen in die Prostata“, „Stents“ und „Dioden“ die schlechtesten Gesamt-Scores laut DISCERN (20,5 beziehungsweise zweimal 25 von maximal 80 Punkten). Die besten Ergebnisse erzielten TURP, AquaBeam®, HoLEP und BipolEP (dreimal 34 und einmal 35,5 Punkte).

2,4 Millionen Klicks pro Video

Dass YouTube sehr häufig als Informationsquelle zum Themenkreis BPH genutzt wird, zeigen die hohen Klickzahlen von bis zu 2,4 Millionen pro Video. Wie die Forscher herausfanden, wurden gerade die schlechteren Videos besonders gut geklickt: „Zwei Drittel der Videos mit den meisten Aufrufen zu einem bestimmten Thema hatten einen unterdurchschnittlichen DISCERN-Wert“, so die Forscher. Dabei stand die schlechte inhaltliche Qualität insgesamt in keinem Verhältnis zur technischen Qualität des Videos, die in den meisten Fällen mit „sehr gut“ bewertet wurde.

Dies zeige, so die Urologen, dass „die Falschinformation nicht etwa einem Mangel an Quellen oder mangelnder Expertise geschuldet ist“. Die Forscher schließen eine gewisse Absicht seitens der Produzenten nicht aus.

Umso wichtiger sei es für den Arzt, den Patienten sorgfältig im Gespräch über die verschiedenen Therapieoptionen bei BPH aufzuklären. Als Entscheidungshilfe könne man YouTube jedenfalls nicht empfehlen: Es sei in diesem Zusammenhang „eher eine Gefahr als eine Hilfe“. (eo)

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