Pandemiemanagement in Baden-Württemberg

Corona-Herbst: Flexibel bleiben, effizient agieren

Die baden-württembergische Landesregierung sucht Rat: Wie sollen sich Politik und Verwaltung aufstellen für den Corona-Herbst? Die Antwort von Wissenschaftlern und Praktikern fiel im Tenor einhellig aus.

Florian StaeckVon Florian Staeck Veröffentlicht:
Die Maske als bewährtes Element im Pandemiemanagement: Das baden-württembergische Sozialministerium muss seine Strategie flexibel ausrichten.

Die Maske als bewährtes Element im Pandemiemanagement: Das baden-württembergische Sozialministerium muss seine Strategie flexibel ausrichten.

© Christoph Hardt / Geisler-Fotopres / picture alliance

Stuttgart. Aus früheren Corona-Wellen lernen, vulnerable Gruppen im Blick haben, knappes Gesundheitspersonal für prioritäre Aufgaben einsetzen: Auf diesen Ansatz sollte in Baden-Württemberg nach Meinung von Sachverständigen das Pandemiemanagement für den Herbst und Winter ausgerichtet werden.

Bei einer digitalen Expertenanhörung des Sozialministeriums am Freitag skizzierte Landesgesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) die Herausforderungen. Es bleibe schwierig, den Verlauf der Pandemie präzise vorherzusagen, deshalb müsse sich das Land auf verschiedene Szenarien vorbereiten.

„Das macht unsere Planung umso anspruchsvoller“, so Lucha. Vom Bundesgesetzgeber forderte er für den Herbst ein novelliertes Infektionsschutzgesetz, das den „bewährten Instrumentenkasten“ enthalten sollte. „Das heißt dann nicht, dass wir jedes Instrument auch nutzen“.

Der Virologe Professor Hans-Georg Kräusslich von der Universität Heidelberg hält in den kommenden Wochen steigende Fallzahlen mit der BA.4- und BA.5-Variante des Coronavirus für vorhersagbar, eine Überlastung der Intensivkapazitäten in den Krankenhäusern aber zugleich für „extrem unwahrscheinlich“. Zugleich sehe er gegenwärtig auch keine Anzeichen für neue „besorgniserregende Virusvarianten“.

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Ressourcen nur für Wichtiges

In der Konsequenz verlangte Kräusslich, sich bei Schutzmaßnahmen auf die ältere Bevölkerung, vulnerable Personen und auf das Gesundheitspersonal zu konzentrieren. Bei korrekt getragener FFP2-Maske sei die Zahl der Infektionen von Klinikmitarbeitern in allen Pandemiewellen vergleichsweise gering gewesen – angesteckt hätten sich Ärzte und Pflegekräfte insbesondere zu Hause.

Ins gleiche Horn bliesen beim Expertenhearing Vertreterinnen aus Gesundheitsämtern und Öffentlichem Gesundheitsdienst. Trotz des jüngsten Personalaufwuchses hätten die Gesundheitsämter „Ressourcenprobleme und können nicht alles machen“, sagte Dr. Brigitte Joggerst, Leiterin des Gesundheitsamtes Pforzheim/Enzkreis.

Statt sich mit Qualität und Überwachung von Schnelltest-Zentren herumschlagen zu müssen, betonte Joggerst die Wichtigkeit der Kontrolle und Beratung beispielsweise von Alten- und Pflegeheimen, „und zwar regelmäßig“. Das gelte zumal für „schwierige“ Pflegeeinrichtungen, in denen beispielsweise die Pflegedienstleitung häufig wechselt.

Wenn sie oft sehe, „wie viel Nippes in Heimen auf der Fensterbank herumsteht“, dann sei klar, dass dort regelmäßiges Lüften nicht praktiziert werde, so die Leiterin des Gesundheitsamtes. Beraten werden müssten nach wie vor etwa auch Eltern, die ihre Kinder aus Angst vor einer Corona-Infektion nicht mehr in die Schule schicken. „Dafür brauchen wir unsere Ressourcen.“

Personal nicht künstlich verknappen

Ressourcenfragen treiben ebenso die Baden-Württembergische Krankenhausgesellschaft (BWKG) um. Schon gegenwärtig seien 10 bis 15 Prozent der Krankenhauskapazität nicht nutzbar, „weil wir die Leute nicht haben“, sagte Matthias Einwag, Hauptgeschäftsführer der BWKG. Er mahnte, alles zu tun, um eine weitere künstliche Verknappung des verfügbaren Gesundheitspersonals zu verhindern.

Dazu zählt für Einwag auch eine ab Oktober anstehende Änderung bei der einrichtungsbezogenen Impfpflicht: Ab dann gelten Beschäftigte nur noch dann als geimpft, wenn sie drei Impfdosen erhalten haben – bisher gilt eine Grundimmunisierung von zwei Dosen als ausreichend im Sinne des Gesetzes.

Das Monitoring durch Gesundheitsämter und Arbeitgeber müsste dann teilweise von vorne beginnen. Namens der BWKG forderte Einwag, die einrichtungsbezogene Impfpflicht aufzugeben – falls sich der Gesetzgeber nicht doch noch auf eine allgemeine Impfpflicht verständigen könne.

Aus Sicht von Dr. Johannes Fechner, Vize-Vorstand der KV Baden-Württemberg, kommt auf die Praxen niedergelassener Ärzte im Herbst eine starke Belastung zu. Die KVBW habe sich gegenüber der Landesregierung dazu verpflichtet, 800.000 Impfungen pro Woche realisieren zu können.

Fechner: Nicht zu lange mit Start der Impfkampagne warten

Das lasse sich allerdings nur bewerkstelligen, wenn die Zahl der impfenden Praxen landesweit nicht unter 5000 sinkt – in Spitzenzeiten hätten sich 5500 bis 6000 Praxen in Baden-Württemberg an der Impfkampagne beteiligt. Fechner warb dafür, mit dem Start einer Impfkampagne nicht mehr bis in den Oktober zu warten, sondern sie zeitnah zu starten. Das könnte helfen, das „Impfgeschehen zu entzerren“.

Mit Blick auf die derzeit in Australien zu beobachtende schwere Grippewelle riet der Virologe Kräusslich, sogar eine Doppelimpfkampagne zu starten: „Linker Arm Influenza-Impfung, rechter Arm Corona-Impfung.“

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