Infektionsrate, Letalität und Co

Die Erkenntnisse aus der Coronavirus-Studie in Heinsberg

In Heinsberg wurden die ersten Zwischenergebnisse zum Forschungsprojekt „Covid-19 Case-Cluster-Study“ vorgestellt. Wissenschaftler halten Lockerungen in bestimmten Bereichen für denkbar.

Von Ilse Schlingensiepen Veröffentlicht: 09.04.2020, 15:59 Uhr
Die Erkenntnisse aus der Coronavirus-Studie in Heinsberg

Professor Hendrik Streeck (M), Direktor des Institut für Virologie an der Uniklinik in Bonn, spricht über die Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt.

© Federico Gambarini/dpa

Düsseldorf. Bonner Wissenschaftler halten es für möglich, angesichts der großen Disziplin der Bevölkerung bei der Einhaltung der Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus eine Lockerung in manchen Bereichen ins Auge zu fassen.

Voraussetzung ist aber, dass an den bisherigen Hygienemaßnahmen festgehalten wird. „Bei Einhaltung von stringenten Hygienemaßnahmen ist zu erwarten, dass die Viruskonzentration reduziert werden kann“, sagte der Virologe Professor Hendrik Streeck vor Journalisten in Düsseldorf.

Streeck leitet das Forschungsprojekt „Covid-19 Case-Cluster-Study“ im rheinischen Heinsberg, das vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet in Auftrag gegeben worden war. Gemeinsam mit dem Hygieniker Professor Martin Exner und Professor Gunther Hartmann von der Klinischen Chemie in Bonn geht er der Verbreitung von SARS-CoV-2 in der besonders von der Pandemie betroffenen Kleinstadt Gangelt nach.

Repräsentative Stichprobe

Für die Studie haben die Wissenschaftler in Gangelt eine repräsentative Stichprobe von 600 Haushalten angeschrieben, um sie für eine Teilnahme zu gewinnen. „Teilgenommen haben über 1000 Leute aus 400 Haushalten“, berichtete Streeck. Das seien viel mehr als von der Weltgesundheitsorganisation für solche Studien gefordert.

Bei den Teilnehmern aus Gangelt wurden Rachenabstriche genommen und das Blut untersucht, sie haben einen ausführlichen Fragebogen ausgefüllt. Bislang liegen die Ergebnisse von 509 Menschen vor. Auch die Verbreitungswege des Virus werden untersucht. Besondere Bedeutung hat dabei eine Karnevalssitzung in Gangelt.

Die Studie zeige konservativ gerechnet eine Infektionsrate von 15 Prozent, sagte der Virologe. „Die Letalität auf die Gesamtzahl der Infizierten beträgt 0,37 Prozent.“ Die Tatsache, dass sie damit fünf Mal niedriger liegt als die von der Johns Hopkins-Universität für Deutschland ermittelten 1,98 Prozent begründen die Wissenschaftler mit der Tatsache, dass in Gangelt die Gesamtzahl aller Infizierten einbezogen werden konnte.

Blick weg von Dunkelziffer

Bisher war man bei SARS-CoV-2 von einer Infektionsrate von fünf Prozent ausgegangen. Die 15 Prozent lassen sich nicht auf Gesamtdeutschland übertragen.

Streeck warnte davor, der Dunkelziffer bei den Infektionen eine zu große Bedeutung zuzumessen. In Regionen, in denen wie in Gangelt sehr viel getestet wird, werde die Dunkelziffer generell überschätzt, in Regionen mit wenigen Infektionen und weniger Tests dagegen unterschätzt. „Der Blickwinkel sollte sich vielmehr auf die Zahl der Intensivbetten und der Beatmungsgeräte und auf die Hygienemaßnahmen richten“, forderte er.

Eine Lockerung der strengen Quarantänisierung müsse einhergehen mit der Fortführung von Maßnahmen wie der Abstandshaltung, der Händehygiene, der Hustenetikette und der Desinfektion, erläuterte der Hygieniker Exner. „Voraussetzung ist, dass die Bevölkerung mitmacht.“

Anders sehe es aus in Bereichen mit besonders vulnerablen Personengruppen, vor allem Krankenhäusern und Pflegeheimen. „Diese Bereiche müssen wir weiterhin maximal schützen“, sagte er. Es könne sein, dass hier noch längere Zeit auf Besuche verzichtet werden müsse.

Hohe Virenlast in Hals und Mund

Der Hauptübertragungsweg des Virus sei die direkte Exposition über die Tröpfcheninfektion, in frühen Erkrankungsphasen gebe es eine hohe Virenlast in Mund und Rachen, sagte Exner. Deshalb sei die Ausstattung von Krankenhäusern und Altenheimen mit Mundschutz besonders wichtig. „Wir brauchen hohe Investitionen für die Mitarbeiter.“

Konkrete Maßnahmen zum weiteren Umgang mit der Krise könne allein die Politik treffen, betonte Streeck. Sie müsse schließlich neben den wissenschaftlichen auch andere Aspekte berücksichtigen.

„Die Studie ist ein weiterer Baustein, der uns hilft, zu einer verantwortungsvollen Entscheidung zu kommen“, sagte NRW-Ministerpräsident Laschet. Ihn überzeugt das Argument, dass die Deutschen in den vergangenen wenigen Wochen begriffen hätten, worauf es ankommt. „Das ermutigt, über die weiteren Maßnahmen nachzudenken.“

Ergebnisse nach Berlin mitnehmen

Laschet will die bisherigen Ergebnisse der Studie mitnehmen in das Spitzengespräch zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten der Bundesländer. Sie wollen am 15. April über das weitere Vorgehen in der Krise beraten.

Laschet selbst kann sich vorstellen, dass neben Bäckereien und Lebensmittelläden auch weitere kleinere Geschäfte wieder geöffnet werden könnten.

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