Notfallpatienten

Entlastung von Notarzt und Rettungswagen: Bayern testet Rettungseinsatzfahrzeuge

Zwei Rettungseinsatzfahrzeuge sind im Raum Regensburg seit Monatsbeginn im Einsatz. Getestet werden soll, ob dadurch Rettungswagen und Notaufnahmen entlastet werden können.

Michaela SchneiderVon Michaela Schneider Veröffentlicht:
Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann stellte die zwei Modelle des neuen Rettungseinsatzfahrzeuges „REF“ vor.

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann stellte die zwei Modelle des neuen Rettungseinsatzfahrzeuges „REF“ vor.

© Nicolas Armer/dpa

Regensburg. Zur Entlastung von Notarzt und Rettungswagen werden in Bayern derzeit sogenannte Rettungseinsatzfahrzeuge (REF) für „weniger schwerwiegende Einsätze“ getestet. „Wir stehen bei echten Notfällen oft nicht so schnell zur Verfügung, weil wir durch Bagatellen aufgehalten werden“, sagt Josef Pemmerl, Leiter Rettungsdienst Bayern des Malteser Rettungsdienstes. Auch erhofft er sich vom Pilotprojekt, dass Patienten dadurch auf möglichst direktem Weg dort landen, wo sie tatsächlich hingehören. „Ein Patient kann beim Hausarzt deutlich besser aufgehoben sein als in einer Notaufnahme, in der er erstmal sitzt und aufgrund fehlender Dringlichkeit wartet“, so Pemmerl.

Und so läuft das Projekt in der Praxis ab: Wird die Integrierte Leitstelle (ILS) in Regensburg kontaktiert, entscheidet der Mitarbeiter, der den Einsatz aufnimmt, ob es sich um einen Notfall fürs Krankenhaus oder aber um einen Einsatz fürs REF handelt.

„Bislang hatten wir nur die Möglichkeit, einen Rettungswagen zu schicken oder nicht. Diese Lücke wollen wir schließen“, sagt Pemmerl zur Ärzte Zeitung. Die Rettungseinsatzfahrzeuge sind mit Blaulicht und Martinshorn ausgestattet und mit einem Notfallsanitäter besetzt. Dieser soll in der Regel vor Ort helfen können - oder bei Bedarf Rettungswagen oder Notarzt nachalarmieren. Bis dahin ist der Patient vor Ort gut versorgt, denn im Einsatz ist ein ausgebildeter Notfallsanitäter mit mindestens fünf Jahren Berufserfahrung sowie verschiedenen spezifischen Schulungen dabei.

Software unterstützt bei Anamnese

Er entscheidet, inwieweit medizinischer, vielleicht aber auch pflegerischer oder sonstiger Handlungsbedarf besteht. Zur Einschätzung herangezogen wird vor Ort auch die Software SmED, die Abkürzung steht für „Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland“. Durch gezielte und strukturierte Fragen ist diese in der Lage, eine Empfehlung hinsichtlich der Behandlungsdringlichkeit und des angemessenen Behandlungsortes zu ermitteln. Bei keiner notfallmedizinischen Dringlichkeit, aber medizinischem Handlungsbedarf werde in der Regel zunächst versucht, den Hausarzt zu erreichen, eventuell werde an eine Bereitschaftspraxis vermittelt, sagt Pemmerl.

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Zwei Pilotfahrzeuge, die zudem auch First Responder Einsätze fahren können, sind seit 1. April im Raum Regensburg im Einsatz, das eine betreuen die Malteser, das zweite das Bayerische Rote Kreuz. Der Test soll bis voraussichtlich Dezember 2024 laufen, bei Erfolg soll eine bayernweite Einführung geprüft werden. Die Kosten für die beiden Fahrzeuge in Höhe von rund 122.000 Euro werden von den Sozialversicherungsträgern übernommen.

Leichte Fälle binden wichtige Kapazitäten

In Regensburg stellte Bayerns Innenminister Joachim Hermann die beiden Pilotfahrzeuge vor. „Oftmals binden leichte Fälle, wie beispielsweise Unfälle mit nur leichten Blessuren oder unspezifische Beschwerden ohne vitale Bedrohung, den Rettungswagen und Notarzt und damit wichtige Kapazitäten“, so der CSU-Politiker. Diese Fälle könne das REF sehr gut abdecken, ohne dass die Patienten Abstriche bei ihrer Versorgung machen müssen.

Damit reagiert Bayern darauf, dass die Einsatzzahlen des Rettungsdienstes in Bayern deutlich gestiegen sind - laut Ministerium von 2011 bis 2020 von rund zwei Millionen auf rund zweieinhalb Millionen Einsätze im Jahr. Herrmann sprach von zunehmend weniger schwerwiegenden Einsätzen, die das Rettungssystem unnötig belasteten und das Leben von Notfallpatienten gefährdeten. Als Gründe dafür, dass die 112 allzu oft angerufen werde, auch wenn keine echten Notfälle vorlägen, nennt Pemmerl ein entsprechendes Anspruchsdenken der Patienten, Sprachbarrieren und häufig auch Unwissenheit.

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