Vorwurf an Regierung

Wurde Schleswig-Holstein durch laxe Regeln zum Corona-Hotspot?

Die Corona-Inzidenzen in Schleswig-Holstein steigen stark an, viele junge Menschen haben sich offenbar in Clubs und Diskos angesteckt. Die Opposition wirft der Landesregierung nun vor, die Lage unterschätzt zu haben.

Von Dirk SchnackDirk Schnack Veröffentlicht:
Besucher tanzen in einer Diskothek in Henstedt-Ulzburg (Kreis Segeberg). Bei mindestens drei Veranstaltungen in Schleswig-Holstein vor und an Weihnachten hat es viele Corona-Infektionen gegeben (Archivbild).

Besucher tanzen in einer Diskothek in Henstedt-Ulzburg (Kreis Segeberg). Bei mindestens drei Veranstaltungen in Schleswig-Holstein vor und an Weihnachten hat es viele Corona-Infektionen gegeben (Archivbild).

© Markus Scholz / dpa

Kiel. Schleswig-Holsteins Corona-Inzidenzzahlen sind über die Jahreswende deutlich stärker als im Bundestrend nach oben geschnellt. Viele junge Menschen haben sich in Diskotheken und Clubs mit SARS-CoV-2 angesteckt. Die Landesregierung, die diese Öffnung erlaubt hatte, steckt in Erklärungsnot.

„Durch Ihren leichtfertigen Umgang mit der Corona-Pandemie gefährden Sie die Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems, des Katastrophenschutzes und somit die Sicherheit sowie Gesundheit der schleswig-holsteinischen Bevölkerung!“ Dieser drastische Vorwurf aus einem offenen Brief des Pressesprechers des Technischen Hilfswerks Kaltenkirchen, Florian Gottschalk, ist im Tenor ähnlich wie viele Leserbriefe, die derzeit im Norden geschrieben werden. Viele Menschen dort sind sauer, weil Diskotheken und Clubs über Weihnachten geöffnet hatten.

Gesundheitsämter kommen mit der Arbeit nicht nach

Beim Besuch steckten sich so viele junge Menschen an, dass die Gesundheitsämter die Kontaktverfolgung nicht mehr leisten konnten und derzeit öffentlich einräumen, dass die tatsächlichen Zahlen die offiziellen wohl bei Weitem übersteigen.

Schon die offiziellen Zahlen zeigen, wie stark der Norden betroffen ist. Laut RKI (Stand 4. Januar) liegt die Inzidenz derzeit bei 295 und damit über Bundesdurchschnitt (239). Zuvor lag Schleswig-Holstein deutlich unter Bundesdurchschnitt.

Wie schnell sich die Lage in der Pandemie ändern kann, spürt derzeit besonders der Kreis Dithmarschen. Vor Weihnachten war Dithmarschen einer der wenigen Landkreise in Deutschland mit einer Inzidenz von unter 100, nun weist er mit 635 den bundesweit zweithöchsten Wert auf (siehe nachfolgende Karte).

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Zwar ist die Hospitalisierungsrate im Bundesvergleich in Schleswig-Holstein noch niedrig, Sorgen bereitet aber, dass die hohe Zahl an Kontaktpersonen die Infrastruktur lahmlegen könnte. „Unter den in Quarantäne Befindlichen sind auch viele ehrenamtliche Einsatzkräfte von Feuerwehr, Hilfsorganisationen und THW“, schreibt etwa Gottschalk.

Quarantäne-Ausfälle in Kliniken

Auch die Krankenhäuser verzeichnen Quarantäneausfälle. Die imland Klinik im Kreis Rendsburg-Eckernförde begründete eine Einschränkung der elektiven Behandlungen mit „der steigenden Zahl von Corona-Patienten mit der Omikron-Variante und den steigenden klinikinternen Personalausfälle durch Quarantäneauflagen.“

Das Land reagierte auf die veränderte Lage mit einer Verschärfung der Schutzregeln. Bei Veranstaltungen wird die Teilnehmerzahl auf 50 in Innen- und 100 in Außenbereichen begrenzt. Bislang galt bei halber Kapazität eine Grenze von 1000 Teilnehmern. In Diskotheken und Bars gilt weiterhin die 2G-plus-Regel, künftig aber mit einem PCR-Test, der nicht älter als 24 Stunden sein darf.

Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) versuchte zugleich, die Verantwortung auf Berlin zu lenken: „Ich fordere den Bund auf, die epidemische Lage von nationaler Tragweite festzustellen.“ Ziel müsse es sein, „alle notwendigen Instrumente im Kampf gegen die Pandemie zur Verfügung zu stellen.“ Diese Forderung hatte zuvor auch Landesgesundheitsminister Dr. Heiner Garg (FDP) erhoben.

Opposition hakt in Sondersitzung des Landtags nach

Im Kieler Landtag wird es am 10. Januar zu einer Sondersitzung kommen, die nicht ohne Schuldzuweisungen ablaufen wird. Die Opposition wirft Günther vor, „das Virus unterschätzt“ zu haben. Die SPD-Landesvorsitzende Serpil Midyatli hält die Maßnahmen der Landesregierung in der vierten Corona-Welle für „zu zaghaft und zu spät“.

Sie sagte: „Der Verweis von Ministerpräsident Günther auf den Bund ist ein reines Ablenkungsmanöver. Die Feststellung einer epidemischen Notlage von nationaler Tragweite ist keine Voraussetzung für einen effektiven Infektionsschutz. Die Landesregierung hätte strengere Maßnahmen ergreifen können. Sie hat es nicht getan.“

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