230 Kilometer durch die Sahara

Wie ein Arzt den Marathon des Sables erlebt

Der Marathon des Sables gilt als einer der härtesten Läufe der Welt, den nur austrainierte Topläufer überstehen. Der Internist und Allgemeinmediziner Dr. Marius Gawlik aus Neumünster hat sich diesem Abenteuer gestellt.

Von Dirk SchnackDirk Schnack Veröffentlicht:
Laufen mit Gepäck durch die Wüste: Dr. Marius Gawlik hat den Marathon des Sables überstanden.

Laufen mit Gepäck durch die Wüste: Dr. Marius Gawlik hat den Marathon des Sables überstanden.

© Privat

Neumünster. Der umstrittene Marathon des Sables führt die Teilnehmer eine Woche lang durch die marokkanische Wüste. Jede der sechs Etappen bedeutet eine körperliche Anstrengung jenseits vorstellbarer Belastungsgrenzen, zugleich sind sie eine emotionale Achterbahnfahrt. Der in Neumünster niedergelassene Internist und Allgemeinmediziner Dr. Marius Gawlik hat diese Grenzerfahrung gerade hinter sich und ist froh, dass er den in jeder Hinsicht besonderen Lauf überstanden hat.

An sportlichen Herausforderungen mangelt es in der Vita des Mediziners nicht. Zahlreiche Marathonläufe über die übliche Distanz von 42 Kilometer, der 100 Kilometer Lauf von Biel, Triathlon über die Langdistanz – die Belastungen, denen sich Gawlik beim Ausdauersport aussetzt, wurden in den vergangenen Jahren immer größer. „Ich verlasse gerne meine Komfortzone“, nennt Gawlik als Erklärung für die Strapazen.

Dr. Marius Gawlik in seiner Praxis in Neumünster.

Dr. Marius Gawlik in seiner Praxis in Neumünster.

© Dirk Schnack

Mauerweglauf als Vorbereitung

Auch ein Stück aus der Berliner Mauer steht in seinem Sprechzimmer als Erinnerung an den Berliner Mauerweglauf, der ihn im August 100 Meilen an der früheren Grenze entlang führte. Für viele Menschen ist ein Lauf über 160 Kilometer kaum vorstellbar – für Gawlik war er nur Vorbereitung. Vorbereitung für 230 Kilometer quer durch die Sahara.

Der Marathon des Sables gilt als einer der härtesten Läufe der Welt, den nur austrainierte und gesunde Topläufer überstehen – und leider auch sie nicht alle. Sportmediziner Gawlik war sich des Risikos, dem er sich mit dem Lauf aussetzt, zwar bewusst. Was ihn in Marokko aber tatsächlich erwartete, darauf konnte ihn kein 100 Meilenlauf und auch nicht das Laufbandtraining in der Sauna seines Fitnessstudios vorbereiten.

„Ich bin noch nicht wieder der Alte“

„Ich bin noch nicht wieder der Alte“, sagt Gawlik wenige Tage nach seiner Rückkehr aus Marokko im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“ unter den Eindrücken des Laufs. Dies gilt besonders für den tragischen Tod eines Teilnehmers, der wenige Kilometer vor dem Ziel der zweiten Etappe kollabierte. Gawlik kam kurze Zeit später hinzu und übernahm die Reanimation. Der Mann wurde zwar noch vom Rettungshubschrauber geborgen, die Hilfe kam aber zu spät. Gawlik legte den Rest der Etappe gehend zurück und versuchte, den Vorfall zu verarbeiten.

Ich kenne mich: Wenn ich aufgeben müsste, hätte ich es erneut versucht. Das wollte ich vermeiden.

Es war ein innerer Zwiespalt: Einerseits machte der Tod des Läufers brutal eine mögliche Folge der unmenschlichen Anstrengungen deutlich. Andererseits vertraute Gawlik auf die Sicherheitsinstinkte seines eigenen Körpers. Er entschied sich fürs Weitermachen, kam im weiteren Verlauf aber immer wieder an Punkte, die ihn zweifeln ließen. Als er während einer Etappe Magenprobleme bekam, erbrechen und zwischendurch schlafen musste, glaubte er nicht mehr an ein Finish. Irgendwie erreichte er dann doch noch den Zwischenstopp innerhalb der Zeitgrenze.

Knieschmerzen und lose Zehennägel als „leichte Blessuren“ abhaken

Warum hat er nach solchen Vorfällen dennoch weitergemacht? „Ich kenne mich: Wenn ich aufgeben müsste, hätte ich es erneut versucht. Das wollte ich vermeiden.“

Knieschmerzen, Probleme mit dem Sprunggelenk, Blasen an den Füßen und lose Zehennägel musste Gawlik wie fast alle Läufer unter „leichte Blessuren“ abhaken. Was andere Teilnehmer an Schmerzen in Kauf nahmen, zeigt das Beispiel einer Frau, die sich abends im Camp alle Zehennägel zog, damit sie am nächsten Tag weiterlaufen konnte. „Was sie aushalten konnte, hat mich beeindruckt und motiviert, ebenfalls weiterzumachen“, sagt Gawlik. Die Frau bewältigte den Lauf bis zum Ende.

Zwischen Benommenheit und Bewusstlosigkeit

Mehrfach befand sich Gawlik in der Wüste in einer Grauzone zwischen Benommenheit und Bewusstlosigkeit. In den sieben Tagen des Laufs verbrauchte er mehr als 100 Liter Wasser, damit sein Körper die Hitze aushalten konnte. Entschädigt wurde er mit Eindrücken, die er nie vergessen wird: Er erlebte eine Fata Morgana, war manchmal länger als eine halbe Stunde völlig ohne Sicht zu anderen Menschen in der Weite der Wüste und musste in der Dunkelheit Felsen erklimmen.

Intensive Momente erlebte er auch, wenn er durch kleine Siedlungen mit bettelarmen, nach seinem Eindruck aber nicht unglücklichen Menschen, kam. Natürlich zehrt Gawlik auch von den Glücksgefühlen, dem Stolz und der Euphorie, die sich einstellten, als er nach Erreichen einer Bergkuppe das Ziel sehen konnte.

Zurück in Neumünster ist Gawlik sicher, dass Menschen körperliche Belastungen aushalten können, die sie sich gar nicht vorstellen können. Auch unsportlichen Menschen würde er nicht pauschal von scheinbar zu hohen sportlichen Zielen abraten – allerdings nach Anleitung und mit medizinischer Begleitung.

Neues Hobby schon in Sicht

In seiner Praxis haben ihn viele Patienten auf die Veranstaltung angesprochen. Trotz der Kritik, die immer wieder an dem Lauf geäußert wird, bekam er fast ausnahmslos Zuspruch und Motivation von ihnen. Was aber kommt nach einem solchen Lauf? Gawlik verschwendet derzeit keine Gedanken an weitere läuferische Herausforderungen. Stattdessen will er sich im kommenden Jahr einem neuen Hobby zuwenden: Beim Gleitschirmfliegen will er einfach nur genießen, ganz ohne körperliche Strapazen.

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