Infektionen

Afrikanische Schweinepest erobert die Kontinente

Etliche Millionen Schweine sind der Afrikanischen Schweinepest schon zum Opfer gefallen. Am schlimmsten grassiert die Seuche derzeit in Asien und Osteuropa – und sie breitet sich weiter aus.

Von Birgit SanderAndreas Landwehr Christoph Sator Veröffentlicht: 04.12.2019, 16:13 Uhr

Greifswald. Die Afrikanische Schweinepest (ASP) ist eine schwere Viruserkrankung, die ausschließlich Wild- und Hausschweine betrifft und für diese meist tödlich endet. Für den Menschen ist die Erkrankung dagegen ungefährlich, da das ASP-Virus weder durch den Verzehr von Schweinefleisch, noch über direkten Tierkontakt auf den Menschen übertragbar ist.

Derzeit setzt die ASP ihren tödlichen Zug um die Welt fort. „Nur die Kontinente Australien und Amerika sind noch frei“, sagt der Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) bei Greifswald, Professor Thomas Mettenleiter. Die Erforschung der ASP sei in den vergangenen Jahren zu einem Schwerpunkt der Arbeit des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit geworden. Deutschland blieb von der Seuche bisher verschont – doch Fälle in Polen nahe der Grenze zu Brandenburg verstärken die Sorge vor einer Einschleppung gerade wieder. Die Angst ist berechtigt: Einmal im Land, lässt sich das Virus nur schwer wieder tilgen. Binnen eines Jahres breitete sich der für Haus- und Wildschweine tödliche Erreger in großen Teilen Chinas und Vietnams aus. Auch Osteuropa, Russland, die Mongolei, weitere asiatische und viele afrikanische Staaten sind betroffen.

Virus löst Blutungen aus

Während in Afrika blutsaugende Lederzecken für die Verbreitung des Erregers sorgen, sind es in Europa und anderswo Blut und Körperflüssigkeiten infizierter Tiere. Das Virus greift die Blutgefäße und Immunzellen an, es kommt zu Blutungen. Manchmal schon nach 48 Stunden, oft nach etwa einer Woche sind die Schweine tot.

„Belastbare Zahlen erhalten wir nur aus der EU“, sagt Mettenleiter. Demnach zeigt sich in Osteuropa eine Zweiteilung: In den baltischen Staaten, Polen und Ungarn seien überwiegend Wildschweine erkrankt, in Rumänien und Bulgarien überwiegend Hausschweine. Der FLI-Präsident führt die hohe Zahl an Ausbrüchen auf die vielen Klein- und Kleinsthaltungen mit geringerem Seuchenschutz zurück. Eine deutliche Zunahme der Fälle in Europa registrierte das Institut seit 2018 nicht.

Mensch als Überträger

Dass die Afrikanische Schweinepest Deutschland noch nicht erreicht hat, ist nach Ansicht Mettenleiters „reines Glück“. Der Ausbruch 2018 in Belgien bei Wildschweinen hätte demnach auch hierzulande passieren können. Der Fall weit weg von anderen Seuchengebieten gilt als ein weiterer Beleg dafür, dass der Erreger vor allem durch den Menschen weitergetragen wird. „Wildschweingebunden würde sich die Seuche lediglich 15 bis 20 Kilometer pro Jahr ausbreiten“, sagt Mettenleiter.

Die größten Sorgen machen in Deutschland derzeit die Ausbrüche in Polen. Bis zum 19. November waren dort laut Friedrich-Loeffler-Institut insgesamt knapp 2000 infizierte Wildschweine erfasst, zuletzt etwa zwei Dutzend in der westpolnischen Woiwodschaft Lebus nahe der Grenze zu Brandenburg.

Für Deutschland wären die wirtschaftlichen Auswirkungen im Seuchenfall riesig. Allein für Mecklenburg-Vorpommern mit gut 200 schweinehaltenden Betrieben rechnet das Ministerium in Schwerin bei einem Ausbruch mit einem Schaden von 980 Millionen Euro pro Jahr für Handelsausfälle, Tierverluste und Entschädigungszahlungen.

In China, dem weltweit größten Produzenten und Konsumenten von Schweinefleisch, schätzen Experten den direkten wirtschaftlichen Schaden bereits auf umgerechnet rund 127 Milliarden Euro. Die Hälfte des chinesischen Schweinebestandes fiel der Seuche zum Opfer. Ende vergangenen Jahres war er noch auf 300 bis 350 Millionen Tiere geschätzt worden. Zum Vergleich: In Deutschland wurden im Mai dieses Jahres knapp 26 Millionen Schweine gehalten, wie das Statistische Bundesamt mitteilte.

Im Reich der Mitte und in Vietnam – nach Angaben des Agrarministeriums sechstgrößter Schweinefleischproduzent der Welt – entfielen auf Schweinefleisch bislang zwei Drittel des Fleischkonsums. Nun haben sich die Preise verdoppelt. Das weltweit gehandelte Schweinefleisch reicht nicht aus, um den Bedarf unvermindert zu decken. Die stark wachsende Nachfrage nach Schwein aus Deutschland und anderen Ländern hat nach Angaben der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) die Schlachtpreise steigen lassen. Auch deutsche Verbraucher müssen nun für Schnitzel, Wurst und Braten tiefer in die Tasche greifen. China wird bestenfalls fünf Jahre, schlimmstenfalls viel länger brauchen, um sich von den ASP-Ausbrüchen zu erholen, erwartet Cui Ernan von der Unternehmensberatung Gavekal Dragonomics in Peking. „Das Problem ist, dass es keinen Impfstoff gibt, die Sterblichkeitsrate sehr hoch ist und das Virus sich leicht verbreitet“, sagt die Expertin. Erforderlich wäre eine Wandlung des Sektors weg von den dominierenden Kleinbetrieben hin zu großen, scharf überwachten Anlagen. China hat bereits millionenschwere Subventionen dafür beschlossen.

Eine Schutzimpfung gegen die Afrikanische Schweinepest ist laut FLI-Präsident Mettenleiter weiter nicht in Sicht, auch wenn Wissenschaftler weltweit daran arbeiteten. „Wir haben nichts, was einen vielversprechenden Hinweis gibt.“ Das ASP-Virus unterscheidet sich demnach komplett vom Erreger der klassischen Schweinepest. Es sei der bisher einzige bekannte Vertreter einer ganzen Virusfamilie.

Dass keine verwandten Viren bekannt sind, bereitet Mettenleiter zufolge Schwierigkeiten: Die Wissenschaftler müssen mit dem hochpathogenen Erreger arbeiten, anstatt einen ähnlichen, schwächeren einzusetzen. Das Virus ist zudem sehr stabil, es hat sich seit den ersten größeren Seuchenfällen 2007 nicht verändert. Daher ließen sich Übertragungswege schlechter nachvollziehen, erklärt Mettenleiter. Zudem sei der Erreger äußerst widerstandsfähig, er könne lange in der Umwelt überleben. Selbst eingefroren kann er über Jahre infektiös bleiben.

Nur die Kontinente Australien und Amerika sind noch frei.

Thomas Mettenleiter, FLI-Präsident

Als einzigem der in Europa vom aktuellen Seuchenzug betroffenen Länder gelang es bisher Tschechien, Infektionsherde hermetisch abzuriegeln und das ASP-Virus wieder loszuwerden. Etwa ein Jahr nach einem Ausbruch im Jahr 2017 galt das Land wieder als seuchenfrei. Dänemark will seinen Schweinebestand mit einem etwa 70 Kilometer langen Zaun entlang der Grenze zu Deutschland schützen. Mecklenburg-Vorpommern hat 50 Kilometer Elektrozaun angeschafft, um im Ernstfall wie in Tschechien den Seuchenherd abzuschirmen und alle Wildschweine in dem Gebiet zu erlegen. Im Saarland wurden Hunde speziell für die Kadaversuche geschult, um an Schweinepest verendete Wildschweine im Gelände schnell finden zu können.

Auch die Ausdünnung der in einigen Bundesländern sehr großen Schwarzwildbestände gilt als ein Mittel zur Seuchenprävention. Dem Deutschen Jagdverband liegen nach Angaben seines Sprechers Torsten Reinwald die Streckenergebnisse vom Jagdjahr 2018/19 zwar noch nicht komplett vor, es sei aber mit mehr als 600 000 erlegten Wildschweinen zu rechnen. Das wäre der zweithöchste Wert nach 840 000 erlegten Schwarzkitteln im Jagdjahr 2017/18. Allerdings streift in diesem Herbst nach einem mageren Vorjahr auch besonders viel Nachwuchs umher. (dpa)

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Kommentare
Dr. Grünwoldt

Wenn das FLI die Afrikanische Schweine "Pest" (ASP) als perakute hämorhagische Infektionskrankheit -vor allem von Wildschweinen- bezeichnet, dann dürfte für unsere isoliert gehaltenen Hausschweine-Bestände keine wesentliche Ansteckungsgefahr bestehen. So wird auch in "freier Wildbahn" das vermeintlich "hochinfektiöse" Virus unter den Borstentieren sein eigenes Grab finden, sofern eine hygienische Kadaverbeseitigung erfolgt. Zu der trägt im übrigen der "Kannibale Wildschwein" selbst bei; wie auch die Rabenvögel und waldbewohnende Raubtiere.
Schließlich sind die in begrenzten Revieren lebenden Schwarzkittel- Rotten nicht als großflächig vagabundierende Immigranten zu erwarten; zumal nach Infektion. Nur so ist es auch zu erklären, dass Tchechien das Tierseuchen-Problem so rasch "in den Griff" bekommen hat.
Jedenfalls sollten nach labormäßiger Feststellung eines ASP-Virus bei einem gefallenen Wildschwein nicht "sofort und unverzüglich" alle Hausschweine in einem auf der Karte gezirkelten Sperrgebiet "vorsorglich" und massenhaft getötet werden, ohne dass bei denen der Virusnachweis positiv war, respektive Krankheitsanzeichen noch gar nicht apparent geworden sind. So entstehen bekanntlich auch die riesigen, statistischen Zahlen über die "Opfer der tierischen Seuche".
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock


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