Gesellschaft

Alleinsein – Oase oder Pein

Viele Menschen leben allein – und immer mehr fühlen sich einsam, zeigen neue Umfragen. Damit einher gehen höhere Krankheitsrisiken. Ein Schicksal, das sich abwenden lässt. Auch mithilfe von Ärzten.

Von Christian Beneker Veröffentlicht: 02.01.2020, 14:16 Uhr
Alleinsein – Oase oder Pein

Menschen über 75 Jahre sind am stärksten von Einsamkeit betroffen, ihr soziales Netz stirbt buchstäblich aus. (Symbolbild)

© GordonGrand / stock.adobe.com

Berlin. Allein zu sein ist eine Conditio humana. Wir kommen allein und wir gehen allein. Psychologen wissen, dass es zum gelingenden Leben gehört, mit diesem Umstand bejahend umzugehen. Mehr noch. Alleinsein kann sogar zur Oase werden. Allein im Wald, allein am Strand, allein in den Bergen, allein im Haus am Meer.

Doch drängt sich offenbar immer häufiger der ungeliebte Zwilling des Alleinseins in Lebenswirklichkeit von Millionen von Menschen: die „Einsamkeit“. Jede Hausärztin und jeder Hausarzt dürfte die Patienten kennen, die allein deshalb in die Sprechstunde kommen, damit ihnen jemand die Hand drückt, sie berührt und mit ihnen spricht.

Das schmerzhafte Ergebnis zerbrochener Beziehungen und verdorrter Kontakte ist offenbar relevant. Das zeigt die Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion „Einsamkeit und die Auswirkung auf die öffentliche Gesundheit“.

16 Millionen Single-Haushalte

Dabei ist es nicht so einfach, Einsamkeit überhaupt zu definieren. Dass jeder, der allein lebt, auch einsam ist in einem der 16 Millionen deutschen Single-Haushalte, wird man zu Recht bestreiten.

Die Erfahrung von Einsamkeit kann denn auch sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Ein Strandspaziergang kann als Verbundenheit mit dem Großen und Ganzen erlebt werden oder als Rahmen elender Leere. Was also ist Einsamkeit? Ist es eine individuelle Erfahrung oder ein soziales Phänomen?

„In der Psychologie sprechen wir meist von psychosozialen Problemen. Dieser Begriff macht deutlich, dass die meisten Probleme weder rein individuell noch rein sozial sind, sondern sich gegenseitig bedingen“, sagt Professor Dr. Maike Luhmann, Psychologin an der Ruhr-Universität Bochum.

So entstehe Einsamkeit zwar durch die Abwesenheit guter sozialer Beziehungen. Aber auch die persönlichen Faktoren machen es mehr oder weniger wahrscheinlich, durch fehlende Beziehungen zu vereinsamen. Klar sei nur so viel: „Einsamkeit ist das subjektive Empfinden, dass die sozialen Beziehungen und Kontakte unzureichend sind“, so Luhmann.

Einsamkeit macht krank

Und unzureichende Beziehungen können krank machen – seelisch und körperlich. Folgt man den Angaben aus dem Deutschen Alterssurvey 2017, so fühlen sich immer mehr Deutsche einsam. Im Jahr 2017 waren es 9,2 Prozent, 2008 waren es noch 8,6 Prozent. Besonders betroffen sind offenbar die 45- bis 54-Jährigen. 2008 waren 9,6 Prozent von ihnen einsam, 2017 waren es 11 Prozent.

Andere Studien verweisen darauf, dass besonders alte Menschen vereinsamen. Am stärksten von Einsamkeit betroffen seien ältere Senioren ab 75 Jahren, schreibt Luhmann. Kein Wunder. Ihr soziales Netz stirbt buchstäblich aus, Krankheiten und Immobilität tun ein Übriges.

Auch jüngere Erwachsene sind nach Erkenntnissen von Luhmann häufig einsam. Warum, „konnten wir mit den traditionellen Einsamkeitsfaktoren nicht erklären.“

Die dänische Forscherin Julianne Holt-Lundstad hat in einer großen Studie festgestellt, dass einsame Menschen ein höheres Risiko haben für chronischen Stress, Herz-Kreislauf Erkrankungen, Demenz oder Depressionen und schließlich – für einen vorzeitigen Tod. Einsamkeit sei sogar in Bezug auf die Gesamtmortalität so schädlich wie Rauchen oder Adipositas, so die Ergebnisse aus dem Nachbarland.

Depressionen, Ängste, Suizide

Besonders die Alten leiden, wenn sie von Kontakten und Gemeinschaften abgeschnitten sind, so die Bundesregierung. Das Gefühl der Einsamkeit könne bei ihnen Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach sich ziehen, Depressionen, Ängste oder gar Suizide.

Sogar Pflegebedürftigkeit tritt bei einsamen Menschen früher ein, so eine Studie. Wie groß aber die Probleme der gesundheitlichen Folgen durch die Einsamkeit in Deutschland tatsächlich sind, hat Wissens der Bundesregierung noch niemand erforscht.

In ihrer Antwort verweist die Bundesregierung auf die Möglichkeiten der Politik: Mehrgenerationenhäuser fördern, zum Beispiel. In den Jahren 2017 bis 2020 sollen hierfür 17,5 Millionen Euro fließen. Oder das Projekt „MonAge“. Es soll auch Hochaltrige in das Einsamkeits-Monitoring des Robert Koch-Instituts einbinden. Oder Pflegeleistungen, die auch Mobilisierung und Anleitung zur Selbstversorgung umfassen, seien Mittel gegen die Einsamkeit.

Der Wettbewerb „Einsam? Zweisam? Gemeinsam!“ kürt besonders gelungene Initiativen gegen die Einsamkeit. Mehrere Projekte erheben den Status quo zur Sache. Und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) plant ein Expertengespräch zum Thema „Ältere allein lebenden Männer.“

„Einsamkeitsministerin“ ernannt

Alleinsein – Oase oder Pein

Viele Menschen müssen erst (wieder) lernen, nicht jedes Alleinsein sofort als Verlassenheit und Einsamkeit zu erleben.

© Daniel Coulmann - Fotolia

Auch darauf verweist die Bundesregierung in ihrer Antwort auf die FDP-Anfrage. Was das alles nützt, ist unklar. Andere Länder gehen jedenfalls weiter. England zum Beispiel hat für Tracey Crouch, einst Staatssekretärin für Sport und zivile Angelegenheiten, im Januar einen neuen Ministerinnenposten geschaffen – Crouch ist jetzt auf der Insel die „Einsamkeitsministerin“.

Politik kann Rahmenbedingungen für gelebte Gemeinschaft erkunden und organisieren. Allerdings wurde die Wirksamkeit von Gemeinschaftsinitiativen bisher kaum wissenschaftlich untersucht, wendet Luhmann ein. Anders der individualisierte Zugang.

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„Unbestritten ist die Wirksamkeit einer Psychotherapie (zum Beispiel kognitive Verhaltenstherapie), bei der die Betroffenen lernen, ihre verzerrte Wahrnehmung anderer Menschen zu korrigieren und so der Negativspirale der Einsamkeit zu entfliehen“, sagt die Bochumer Professorin.

Das dürfte auch die Psychologin Ruth Belzner unterschreiben. „Gemeinschaft ist nicht das universale Heilmittel“, sagt sie. Sie weiß, wovon sie spricht. Belzner ist seit 23 Jahren Leiterin der Telefon-Seelsorge in Würzburg. Fast kein Anruf, bei dem es nicht auch um Einsamkeit gehe.

„60 Prozent der Anrufenden leben allein. Aber wir stellen immer wieder fest: Auch Menschen, die in Familien leben, in Pflegeeinrichtungen oder Wohngemeinschaften können einsam sein.“

Das Gegenmittel der Telefon-Seelsorge ist vor allem das aufmerksame, aktive Zuhören, und es wird gebraucht. An die 700 000 Gespräche in 105 Stellen führt die Telefon-Seelsorge bundesweit im Jahr.

„Anker im Meer der Einsamkeit“

Viele Klienten rufen regelmäßig an. „Sie berichten Alltägliches: Wie sie geschlafen haben, worüber sie sich geärgert oder auch gefreut haben. Denn sie haben sonst niemanden“, berichtet Belzner. Die Dauergäste der Telefon-Seelsorge klagen zwar nicht ständig über Einsamkeit. Aber dass sie immer wieder anrufen, zeige: Die Telefon-Seelsorger sind Ersatz für die fehlenden Beziehungen. „Ein Anker im Meer der Einsamkeit“, sagt Belzner.

Aus ihrer Erfahrung mit den Einsamen am Telefon rät die Psychologin, sich rechtzeitig um das eigene soziale Netz zu kümmern und nicht ausschließlich auf die Familie zu setzen. Denn die Ehen sind brüchiger geworden und die Kinder haben ihre Lebensmittelpunkte oft weit entfernt von den Elternhäusern gefunden.

„Wer sich nur auf seine Familie verlässt, läuft Gefahr, nach dem Tod des Partners oder nach einer Scheidung allein und ohne Rüstzeug für soziale Beziehungen dazustehen“, so Belzner. „Vorausschauende Menschen verlassen sich im Alter nicht auf ihre Kinder.“

Es liegt auch an der Haltung der Betroffenen

Und es liegt nicht nur an den Umständen, die Menschen einsam machen, an einer fehlenden Gemeinschaft. Sondern es liegt auch an der Haltung der Betroffenen selbst, hat die Telefonseelsorgerin festgestellt.

„Viele Einsame glauben, andere würden sich nicht für sie interessieren“, sagt Belzner. „Dabei interessieren sie sich oft selber nicht für andere und treten ihnen vielmehr mit einer großen Erwartungshaltung entgegen.“ So entstehe die Abwärtsspirale.

Um ihr zu entkommen, müssten Betroffenen lernen, sich wieder Ziele zu setzen, sich zu interessieren und ihren Bedürfnissen zu folgen. „Einsamkeit ist kein unabwendbares Schicksal“, betont Belzner.

Auch Hausärzte können die Einsamen unter ihren Patienten etwa auf Anlaufstellen hinweisen, sagt Maike Luhmann.

„Angebote, die gegen Einsamkeit helfen sollen, haben oft damit zu kämpfen, dass einsame Menschen nicht einfach zu identifizieren sind und – als Folge ihrer Einsamkeit – auch häufig solche Angebote nicht von selbst aktiv aufsuchen. Hier können Hausärzte gerade bei älteren Menschen eine wichtige Vermittlerrolle spielen.“

So könnten die Einsamen auch langsam lernen, nicht jedes Alleinsein sofort als Verlassenheit und Einsamkeit zu erleben.

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