Rückblick

Außergewöhnlich: der DRK-Einsatz „Mission Menschlichkeit“

Da Deutschland nicht am Vietmankrieg teilnehmen wollte, entsandt man das Hospitalschiff „Helgoland“ für Schwerverletzte im Vietnamkrieg. Ein Blick zurück auf einen außergewöhnlichen DRK-Einsatz.

Von Christoph Fuhr Veröffentlicht:
Anlaufstelle für 12.000 Menschen in Saigon und Da Nang: das Hospitalschiff Helgoland.

Anlaufstelle für 12.000 Menschen in Saigon und Da Nang: das Hospitalschiff Helgoland.

© Manfred Blum / DRK

Ärger im Weißen Haus über Deutschland: Das hat es nicht nur zu Zeiten Donald Trumps gegeben. Im Dezember 1965 setzt US-Präsident Lyndon B. Johnson den damaligen Bundeskanzler Ludwig Erhardt in Washington massiv unter Druck. Deutschland müsse sich am Krieg in Vietnam beteiligen, fordert Johnson. US-Alliierte wie Südkorea, Australien oder Thailand seien längst vor Ort präsent. Eine Verweigerung der Deutschen sei nicht länger zu rechtfertigen.

In der Bundesrepublik ist ein Auslandseinsatz der Bundeswehr aber 20 Jahre nach Kriegsende innenpolitisch nicht durchsetzbar. Die Bundesregierung muss handeln und findet einen Ausweg. Das Seebäderschiff „Helgoland“ wird zum Hospitalschiff umgerüstet und zunächst nach Saigon entsendet „Mission Menschlichkeit“ wird das Hilfsprojekt genannt. Mit dem humanitären Einsatz der „Helgoland“ beginnt eine der größten und längsten Einzelmissionen in der Geschichte des Roten Kreuzes überhaupt.

Ausflugsdampfer umgebaut

In nur sechs Monaten wird die „Helgoland“ vom Ausflugsdampfer zum Hospitalschiff mit 150 Betten, drei Operationssälen und vier Fachabteilungen (Chirurgie, Innere Medizin, Gynäkologie, Radiologie) umgebaut. Das DRK übernimmt die Trägerschaft und stellt auch die Krankenschwestern, die bereit sind, sich dieser besonderen Herausforderung stellen – ein Einsatz auf einer schwimmenden Festung der Humanität mitten im Inferno des Vietnamkriegs.

Am 14. September läuft die Helgoland in den Saigon-Fluss ein, eskortiert von Kampfhubschraubern und Schnellbooten, die auf jedes Bündel Treibholz feuern, da der Vietcong häufig Minen in schwimmenden Inseln versteckt. Das Schiff selbst wird von den Freischärlern nicht beschossen, wohl aber die es begleitenden Hubschrauber. Kurz danach beginnt die Arbeit für die Besatzung des Schiffes.

„Es wurde nicht gefragt, ob Freund oder Feind. Allen Bedürftigen wurde geholfen. Die Besatzung setzte damit ein Zeichen für die Menschlichkeit – und das inmitten des grausamen Vietnamkrieges“. erinnerte sich Rudolf Seiters, Ex-DRK-Präsident, der 1970 bei einer Studienreise als Abgeordneter das Schiff in Vietnam besuchte.

Ein Mädchen mit zerrissener Leber

Häufig sehen die Helfer sich mit Verletzungen konfrontiert, die sonst nur Kriegschirurgen zu sehen bekommen. Da ist der Junge, der mit einer Handgranate gespielt hat, dort das Mädchen, dem ein Querschläger die Leber zerrissen hat. Eine von Geschossen schwer verletzte schwangere Frau bringt ihr Baby zur Welt und stirbt.

Nach der Arbeit in Saigon wird das Schiff nach Da Nang verlegt, etwa in der Mitte des gespaltenen Landes. Die damals 350.000 Einwohner zählende Stadt ist einer der wichtigsten Stützpunkte der US-Amerikaner, verfügt jedoch lediglich über 500 Krankenbetten für die Bevölkerung.
Einsatz auf dem Hospitalschiff: Ein Junge mit Splitterverletzungen wird auf dem Arm von DRK-Krankenschwester Irma Totzki betreut.

Einsatz auf dem Hospitalschiff: Ein Junge mit Splitterverletzungen wird auf dem Arm von DRK-Krankenschwester Irma Totzki betreut.

© DRK

Der medizinische und Hygienestandard in Vietnam war desaströs, für 17.000 Menschen gab es lediglich einen Arzt. Entsprechend groß war der Andrang von Verletzten und Kranken auf dem „schwimmenden Krankenhaus“.

„Behandelt wurde jeder, der unbewaffnet war. In den Betten lagen Anhänger der Vietcong neben denen der vietnamesischen Armee“, erinnert sich Jahrzehnte später eine DRK- Krankenschwester, die damals auf dem „weißen Schiff der Hoffnung“ im Einsatz war: „Im Nachhinein“, sagt sie, „bin ich dankbar, dass ich diese Arbeit machen durfte.“

Die DRK-Bilanz am Ende des Einsatzes ist aus heutiger Sicht beeindruckend: Im Laufe des Einsatzes arbeiteten 122 DRK-Schwestern im Hospitaldienst und in der Ambulanz, etliche davon mehrmals. Rechnet man Ärzte, Verwaltungskräfte und medizinisch-technische Assistenten hinzu, waren 272 deutsche Mitarbeiter für das DRK im Einsatz.

11.000 Menschen werden operiert

In der Regel waren acht Ärzte, achtzehn Schwestern, vier MTA und vier Verwaltungskräfte an Bord. Ungefähr 12.000 Menschen wurden stationär behandelt, es gab 11.000 Operationen, 70.000 Erst- und 130.000 Mehrfachkonsultationen. Die Röntgengeräte waren im Dauereinsatz, es wurden 56.000 Aufnahmen gemacht. Die seemännische Besatzung umfasste annähernd dreißig Mann und wurde vom Schiffseigner gestellt.

Historiker weisen darauf hin, dass die Mission der „Helgoland“ in der deutschen Öffentlichkeit nicht infrage gestellt wurde, auch nicht von der Anti-Vietnamkriegsbewegung. „Es war ein ganz besonderer Einsatz“, so DRK-Vizepräsident Dr. Volkmar Schön im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung.“ Das deutsche DRK habe nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit diesem Vietnam-Einsatz auch mit Blick auf das Ansehen bei den Schwestergesellschaften in anderen Ländern ein Zeichen setzen können. Die Botschaft: „Wir sind als DRK auch international in der Lage, unseren humanitären Verpflichtungen gerecht zu werden“.

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