Hochwasser 2021

Bei Schwester Karolin liefen die Fäden der Fluthilfe zusammen

Weil sie nach dem Hochwasser nicht zu ihrem Arbeitsplatz am Bundeswehrkrankenhaus Koblenz gelangen konnte, half Karolin Klawes spontan im Ahrtal. Sie hilft weiterhin – jetzt in ihrer Freizeit.

Ilse SchlingensiepenVon Ilse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Karolin Klawes koordiniert die Einsätze hilfswilliger Krankenschwestern und Ärzte in den überfluteten Gebieten.

Karolin Klawes koordiniert die Einsätze hilfswilliger Krankenschwestern und Ärzte in den überfluteten Gebieten.

© privat

Ringen. Im Ahrtal hat eine private Initiative aufsuchende Gesundheitsversorgung im wahrsten Sinne des Wortes praktiziert. In Zweier-Teams haben sich Krankenschwestern und Ärzte zu den von der Flutkatastrophe zerstörten Orten durchgekämpft und haben den Bewohnern medizinische Unterstützung angeboten.

„Zu Beginn sind die Ärzte von morgens bis abends durch die Straßen gegangen und haben geschaut, wo Hilfe benötigt wird“, berichtet Karolin Klawes. Bei der Krankenschwester sind die Fäden zusammengelaufen, sie hat die Einsätze koordiniert. „Wir haben vor Ort entschieden, was die Menschen benötigen.“ Die Helferinnen und Helfer haben sich um die Wundversorgung gekümmert, Medikamentenbestellungen aufgenommen und geimpft. Allein in den ersten beiden Wochen haben sie über 4000 Tetanusimpfungen vorgenommen.

Bei der Bestellung des Impfstoffes gab es eine zeitlang Probleme. „Unsere Ärzte konnten nur Privatrezepte ausstellen“, sagte sie. Die wollte die KV Rheinland-Pfalz zunächst nicht akzeptieren. Die Probleme sind inzwischen aber ausgeräumt.

Hilfe bei Evakuierung von Altenheimen

Klawes arbeitet im Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz. Durch das Hochwasser konnte sie drei Tage lang nicht an ihren Wohnort Sinzig zurück, weil alle Brücken gesperrt waren. „Ich saß in Ringen fest“, sagt sie. Ringen gehört zur Gemeinde Grafschaft. Als dort zwei Altenheime evakuiert werden mussten, half die 27-Jährige mit: bei der Suche nach Unterkünften für die Bewohner, bei der Verteilung von Essen.

Schnell wurde ihr klar, dass es in der Region an medizinischer Versorgung fehlte. Die hat sie dann gemeinsam mit ihren Mitstreitern auf die Beine gestellt. Unterstützung von offizieller Seite oder von Hilfsorganisationen gab es dabei nicht, sagt sie. Geholfen haben Spenden, unter anderem wurde viel Impfstoff gespendet. „Große Kliniken haben mich angerufen und ihre Lagerbestände angeboten“, freut sich Klawes über die große Hilfsbereitschaft.

Auch auf die Bundeswehr konnte das „Mobile Ärzteteam Karolin Klawes“ – so war die Initiative beim Katastrophenschutz registriert – zurückgreifen. „Sie hat dafür gesorgt, dass die Ärzte überall sicher hingekommen sind.“

Hilfe für Ärzte ohne Praxisräume

Von der Initiative haben auch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte profitiert, deren Praxen Opfer der Fluten geworden sind. „Wir haben ihnen Material und Impfstoffe zur Verfügung gestellt, sodass sie wieder praktizieren können“, erzählt die Krankenschwester. Inzwischen gibt es nach ihren Angaben in fast jedem Ort wieder einen Hausarzt oder eine Hausärztin, die Patienten versorgt.

Es sei nicht leicht gewesen, Zugang zu den oft traumatisierten Menschen zu finden, die ununterbrochen mit dem Aufräumen beschäftigt seien, sagt Klawes. Es brauche Fingerspitzengefühl, um die Leute so weit zu bringen, dass sie Hilfe annehmen. Das gelinge Leuten wie ihr, die aus der Region kommen und selbst von der Katastrophe betroffen sind, eher als Helfern von auswärts. „Man kann sich besser in die Menschen hineinversetzen.“

Zum Einsatz sind die Ärzte und Krankenschwestern auch in einem Sanitätszelt gekommen, das auf dem Gelände des Süßwarenherstellers Haribo zur Versorgung der Katastrophenhelfer aufgebaut wurde. Viele Helfer sind nach Angaben von Klawes mit Wunden von ihrem Einsatz zurückgekommen, bei vielen mussten die durch den Staub gereizten Augen gespült werden. Gab es in dem Sanitätszelt Personal- oder Materialmangel, ist die Initiative eingesprungen. „Wir haben Hand in Hand gearbeitet.“

Basislager im Bürgerhaus

Rund 14 Leute beteiligen sich an der privaten Hilfsaktion, auch einige Psychologen sind dabei. Ihr Basislager war das Bürgerhaus in Ringen. Dort haben sie sich getroffen und darüber gesprochen, was tagsüber gelaufen ist und wie der Bedarf für den nächsten Tag aussieht.

Inzwischen mussten Klawes und ihre Mitstreiter das Bürgerhaus verlassen, weil die Räumlichkeiten gebraucht wurden. „Wir haben uns alle verteilt und machen weiter“, berichtet Klawes. „An Ausruhen ist noch nicht zu denken.“ Sie selbst hilft jetzt bei dem Shuttle Service, der von der Firma Haribo aus Helfer dorthin bringt, wo sie gebraucht werden.

Die Krankenschwester ist seit Beginn der Katastrophe unermüdlich unterwegs. Zunächst hat sie ihre freien Tage nach den Diensten im Krankenhaus für den Hilfseinsatz genutzt. „Jetzt verbringe ich meine Freizeit damit.“

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