Große Epidemien

Das Leben in der Zeit nach SARS-CoV-2

Große Epidemien haben in der Geschichte immer bleibende Spuren hinterlassen. Die Corona-Krise dürfte da keine Ausnahme sein.

Veröffentlicht: 30.03.2020, 15:57 Uhr
Das Leben in der Zeit nach SARS-CoV-2

Viele Menschen arbeiten derzeit zu Hause. Wird es nach der Krise so weiter gehen?

© Jürgen Fälchle / stock.adobe.com

Berlin. In den Katakomben des Kölner Doms kann man sich bis heute anschauen, wie Epidemien eine Gesellschaft verändern können. Bis zu 16 Meter tief in die Erde ragen dort die Pfeilerfundamente der Kathedrale.

An einer Stelle stehen sich zwei solcher Pfeiler gegenüber. Einer ist achteckig und sehr sauber gearbeitet, der andere viel weniger sorgfältig. Der erste stammt von etwa 1330, der zweite von 1449.

azwischen lag die Pest. Sie raffte so viele Menschen hinweg, dass Löhne und Preise explodierten. Die Dombaumeister mussten sparen und stiegen auf eine einfachere Bauweise um.

Wirtschaft, Globalisierung, Rechtspopulismus, Klima...

Welche bleibenden Folgen wird Corona hinterlassen? Dass die Welt nach der Pandemie nicht mehr so aussehen wird wie vorher, darüber besteht weitgehend Einigkeit. Der „Economist“ zieht einen sehr britischen Vergleich: „Covid-19 markiert eine ebenso tiefe Zäsur in der Geschichte wie Hitlers Blitzkrieg.“

Am stärksten dürfte zunächst einmal die Wirtschaft betroffen sein.

Die durch die Corona-Krise ausgelöste Rezession könnte nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der EU-Kommission in diesem Jahr mindestens so schlimm werden wie in der Finanzkrise von 2008. Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, glaubt sogar: „Die Kosten werden voraussichtlich alles übersteigen, was aus Wirtschaftskrisen oder Naturkatastrophen der letzten Jahrzehnte in Deutschland bekannt ist.“ Wie schlimm es wird, dürfte davon abhängen, ob die Lahmlegung des öffentlichen Lebens nur einige Wochen dauert oder sich über Monate erstreckt.

Eine in diesen Tagen viel diskutierte Frage ist, ob die Krise die Globalisierung abbremsen oder gar ein Stück weit zurückdrängen wird.

So entwirft der Zukunftsforscher Matthias Horx in einem millionenfach angeklickten Text das Bild einer Post-Corona-Welt, in der sich das frühere Wirtschaftssystem „mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden“, überlebt hat.

Vermögen nicht mehr so wichtig

„In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle“, schreibt er. „Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.“ Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur konkretisiert Horx, er glaube zum Beispiel nicht, dass nach der Krise wieder so viel geflogen werde wie vorher.

Wissenschaftler reagieren skeptisch. So glaubt der Münchner Soziologe Armin Nassehi nicht, dass sich die Globalisierung abschwächen wird: „Wir leben in einer stark vernetzten Weltgesellschaft, deren Integrationsgrad auf ökonomischem, auf politischem und auf kulturellem Gebiet so hoch ist, dass man die Globalisierung nicht herunterfahren kann.“

Der Sozial- und Kulturanthropologe Hansjörg Dilger von der Freien Universität Berlin warnt: „Ich wäre sehr vorsichtig, diese möglichen Effekte schönzuzeichnen.“ Dilger befürchtet nicht nur einen großen Schaden für die Wirtschaft:

Abschottung auf allen Ebenen?

Die Corona-Zeit sei gekennzeichnet durch Abschottung auf allen Ebenen – vom individuellen Bereich bis zu den Internationalen Beziehungen.

Dabei verweist Dilger auf die Grenzschließungen und die vorrangige Konzentration auf die jeweilige nationale Wirtschaft und das eigene Gesundheitssystem. „Das kann nachhaltigen Schaden anrichten“, warnt er.

„Nationalistische und populistische Bewegungen können Auftrieb bekommen, wenn das Gefühl entsteht, jede Gesellschaft denkt nur an sich selbst. Deshalb ist es ganz wichtig, Solidarmodelle auf europäischer und globaler Ebene zu aktivieren. Wenn wir jetzt keine Schulterschlüsse hinbekommen, dann wird das einen dauerhaften negativen Effekt auf unser internationales Zusammenleben haben.“

Die Politikwissenschaftlerin Andrea Römmele wiederum kann sich vorstellen, dass der Rechtspopulismus durch die Corona-Erfahrung geschwächt wird: „Es zeigt sich jetzt, dass unsere Institutionen funktionieren, und das wird den Populisten ein Stück weit das Wasser abgraben.“

Kontrovers diskutiert wird auch die Frage, wie sich Corona auf den Klimaschutz auswirken wird.

Einer Krise mit zigtausenden Toten und schweren wirtschaftlichen Verwerfungen könne man generell nichts Positives abgewinnen, stellt der Oxfam-Klima-Experte Jan Kowalzig klar. Dass in Europa und anderswo vorübergehend die Lichter ausgingen, habe den CO2-Ausstoß kurzfristig zwar gesenkt. „Aber das ist bestenfalls eine kurze Atempause für das Weltklima.

Aus der Finanzkrise von 2008/2009 wissen wir, dass nach einer solchen Krise die Wirtschaft umso stärker wieder anspringen dürfte. Damals war der Rückgang der Emissionen in kurzer Zeit wieder ausgeglichen.“

Zu befürchten sei, dass Klimaschutz-Bremser nun ihre Chance witterten. Ihr Argument: Die Wirtschaft ist sowieso schon schwer belastet, deshalb muss der Klimaschutz jetzt erst mal zurücktreten. „Solche Attacken könnten uns weit zurückwerfen“, warnt Kowalzig. Eine Chance böten die beschlossenen Konjunkturprogramme, allerdings nur dann, wenn die Milliarden für einen klimafreundliche Umbau der Wirtschaft genutzt würden.

Ein weiterer Bereich, der durch die Krise dauerhaft verändert werden könnte, ist der Arbeitsalltag.

„Ich bin mir sicher, dass die Digitalisierung durch die veränderten Verhaltensweisen während der Corona-Krise einen Schub erfahren wird“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Peter Vorderer. Millionen Menschen haben jetzt erstmals Home Office gemacht und über Videokonferenzen mit ihren Kolleginnen und Kollegen kommuniziert. Vorderer ist sich „sehr sicher, dass sich das Zusammenarbeiten nach der Krise anders darstellen wird“.

Umarmen und Küsschen geben wird bleiben

Bei ihm an der Universität Mannheim kommunizierten Lehrende und Studierende derzeit zum Beispiel nur noch über digitale Medien. „Das ist nicht optimal, manchmal mühsam, aber es geht. Nun gehe ich nicht davon aus, dass dies auch nach dem Abflauen der Pandemie ganz genauso weitergehen wird. Aber zu dem Zustand davor werden wir wohl auch nicht wieder vollständig zurückkehren.“

Es werde aber auch eine gegenläufige Entwicklung geben: „Wenn die Menschen nicht mehr zuhause bleiben müssen, werden sie sich auch freuen, wieder zusammenzukommen, auch bei der Arbeit.“

Werden sich vielleicht sogar ganz normale Verhaltensweisen ändern?

Die Sozialpsychologin Andrea Abele-Brehm kann sich das durchaus vorstellen, etwa beim Händeschütteln: „Das ist ja kein Verhalten, das unsere inneren Emotionen ausdrückt, es ist eine Kulturtechnik. Und da bin ich mir relativ sicher, dass sich da einiges verändern wird. Da hätte ich die Hypothese, dass das auch nach der Krise nicht mehr im vollen Umfang zurückkommt.“

Vieles hänge davon ab, wie lang die Krise letztlich dauern werde. „Das Umarmen und Küsschen-Geben bei guten Freunden, das wird nach der Krise aber irgendwann zurückkehren. Wäre ja auch schlimm, wenn nicht.“(dpa)

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