Arzt im Knast

Die Freiheit hinter Gittern

Dr. Gerhard Netzeband arbeitete viele Jahre als niedergelassener Arzt. Mit 61 entschied er sich zum radikalen Wechsel: Nun ist er Anstaltsarzt in der Justizvollzuganstalt Neumünster.

Von Dirk SchnackDirk Schnack Veröffentlicht:
Überall Gitter und Stacheldraht: Dr. Gerhard Netzeband fühlt sich dennoch in der JVA Neumünster wohl.

Überall Gitter und Stacheldraht: Dr. Gerhard Netzeband fühlt sich dennoch in der JVA Neumünster wohl.

© Schnack

NEUMÜNSTER. Ein Arzt geht ins Gefängnis und bezeichnet dies als "eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe." Dr. Gerhard Netzeband ist hauptberuflich Anstaltsarzt in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Neumünster und mit seinem Beruf heute deutlich zufriedener als vor dem Wechsel.

Netzeband war vorher 25 Jahre lang niedergelassener Arzt, hat zunächst in Heidelberg gearbeitet und danach lange Zeit in eigener Praxis in Neumünster.

Mehr therapeutische Freiheiten

2011 entschied er sich im reifen Alter von 61 Jahren, die eigene Praxis gegen die Tätigkeit als Anstaltsarzt in der JVA einzutauschen. Damit ist Netzeband heute einer von nur drei hauptamtlichen Anstaltsärzten.

Als Grund für den ungewöhnlichen Wechsel führt der Allgemeinmediziner unbefriedigende Rahmenbedingungen für die ärztliche Niederlassung in Deutschland an - Bedingungen, die ihn hinter Gittern nicht behindern. "Diese Tätigkeit begeistert mich immer noch.

Hier in der JVA kann ich ganz einfach die Medizin machen, wie ich es mir vorstelle. Eigentlich ist es ein Armutszeugnis für unsere Solidargemeinschaft, dass dies in der Praxis nicht möglich ist. Als Anstaltsarzt kann ich aber alles machen, was medizinisch geboten ist", sagt Netzeband.

Luxusmedizin kann er seinen Gefangenen allerdings nicht bieten. Auch als Anstaltsarzt ist Netzeband gehalten, wirtschaftlich zu arbeiten.

Aber im Gegensatz zu früher ist er jetzt nicht mehr budgetiert, fühlt sich heute weniger reglementiert als in eigener Praxis, hat mit weniger Bürokratie zu kämpfen als in der Niederlassung und er kann sich bei Bedarf auch mal eine halbe Stunde Zeit für ein Gespräch mit einem Patienten nehmen.

Anteil an psychisch auffälligen Patienten ist größer

Das ist allerdings auch häufiger erforderlich als "draußen". Der Anteil an psychisch auffälligen Patienten ist deutlich größer als in der Praxis eines Allgemeinmediziners. Und die Haftzeit bewirkt, dass viele Insassen Redebedarf haben und im Arzt hin und wieder eine Art Seelsorger suchen.

"Manchmal muss man einfach mal zuhören und einen Rat geben", beschreibt der Allgemeinmediziner einen wichtigen Teil seiner Tätigkeit. Netzeband verschweigt dabei aber auch nicht, dass ihm persönlich die geregelte Arbeitszeit des Amtsarztes ohne Extradienste entgegenkommt.

"Ich bin jetzt 64 Jahre alt und habe die Vorteile einer geregelten Arbeit im öffentlichen Dienst schätzen gelernt", gibt der Allgemeinmediziner offen zu.

Unvorbereitet hat er sich auf die Tätigkeit im Gefängnis nicht beworben. Einige Jahre als Vertretungsarzt neben seiner Praxis haben ihn an die Tätigkeit als Anstaltsarzt vorbereitet.

Die vorher fremde Welt im Justizbereich, der Umgang mit Staatsanwälten und die Beschäftigung mit neuen Fragen hätten ihn gereizt, sagt Netzeband.

"Ist das nicht gefährlich?"

Zu den Reaktionen in seinem persönlichen Umfeld zu der ungewöhnlichen Tätigkeit zählte auch die Frage "Ist das nicht gefährlich?" Netzeband entgegnet dann: "Es gibt kaum einen sichereren Ort als das Gefängnis." Er verweist auf die hohen Sicherheitsbestimmungen, die uniformierten Mitarbeiter im Vollzugsdienst, die Alarmknöpfe an jedem Arbeitsplatz.

"Ich habe keine Bedenken, durch eine Gruppe mit zehn Gefangenen hindurchzugehen. Ich bin noch nie in eine bedrohliche Situation geraten", sagt Netzeband.

Beschimpfungen habe es zwar gegeben, aber noch nie tätliche Angriffe. Und die meisten Patienten verhalten sich ihm gegenüber ohnehin nicht viel anders, als er es aus seiner langjährigen Erfahrung in der Praxis kennt.

Allerdings würde er die Tätigkeit im Gefängnis auch nicht jedem empfehlen. Lebens- und Berufserfahrung hält der Allgemeinmediziner schon für hilfreich, um mit den Häftlingen zurechtzukommen.

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