Gesellschaft

Dioxin-Skandal: Hausarzt stellt Strafanzeige

Im Dioxin-Skandal gibt es nun eine Anzeige von einem Hausarzt - allerdings als Verbraucher. Der Grund: Dem Arzt aus Havixbeck war es wichtig, aus ethischen Gründen ein Signal zu setzen.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Hausarzt Neumann: Zum Handeln entschlossen - als "Verbraucher, Arzt und Familienvater".

Hausarzt Neumann: Zum Handeln entschlossen - als "Verbraucher, Arzt und Familienvater".

© dpa

KÖLN. Die Nachrichten über den Vertrieb von dioxin-verseuchtem Futtermittel haben Dr. Sten Neumann keine Ruhe gelassen. Nach reiflicher Überlegung hat der Allgemeinmediziner aus Havixbeck bei Münster Strafanzeige gegen das Unternehmen Harles und Jentzsch gestellt.

Der Vorwurf: versuchte und vollendete Körperverletzung, versuchter und vollendeter Totschlag, Mord aus Habgier und versuchter Mord - jeweils in einer unbekannten Zahl von Fällen.

"Dass die Staatsanwälte nur wegen des Verstoßes gegen das Lebensmittel- und Futtermittelrecht ermitteln, ist zu wenig", sagt Neumann der "Ärzte Zeitung". Schließlich habe das Unternehmen ein toxisches Gift wissentlich in Umlauf gebracht.

Zwar seien noch keine Opfer namentlich bekannt. Nach allem, was über Dioxin bekannt ist, könne es aber gar nicht anders sein, als dass Menschen durch die Aufnahme des Stoffes zu Schaden gekommen sind.

"Ich halte es für nahezu ausgeschlossen, dass der Vorgang keine gesundheitlichen Spätfolgen haben wird." Deshalb hat er sich zum Handeln entschlossen - "als Verbraucher, Arzt und Familienvater", sagt der 48-Jährige, der Vater von drei Kindern ist.

Neumann hat bei der Staatsanwaltschaft Münster Strafanzeige gestellt, jetzt wartet er auf die Mitteilung, ob das Verfahren an die Ermittler in Itzehoe oder Oldenburg abgegeben wird. Die Firma Harles und Jentzsch hat ihren Sitz im schleswig-holsteinischen Uetersen.

Das Unternehmen habe bewusst in Kauf genommen, dass Dioxin in die Nahrungsmittelkette gelangt, betont der Arzt. Schließlich hätten die Verantwortlichen bereits seit zehn Monaten gewusst, dass die zulässigen Grenzwerte um ein Vielfaches überschritten worden seien, aber nichts unternommen.

Es könne zwar sein, dass Menschen, die einmalig ein kontaminiertes Lebensmittel essen, keine Probleme bekommen. Anders sehe es aber aus, wenn der Stoff länger konsumiert wird.

Auch die Auswirkungen auf Kinder oder chronisch Kranke und immunologisch Geschwächte seien nicht absehbar. Der Stoff stehe auch in Verdacht, Diabetes und Pankreaskarzinome zu verursachen, sagt der Allgemeinarzt.

"Dioxin ist eine hochgiftige Substanz, die Langzeitschäden auslöst", betont Neumann. Er erinnert sich aus seiner Jugend noch an die Berichte über das Unglück im italienischen Seveso.

An den Folgen des Einsatzes von Agent Orange, einem dioxinhaltigen Entlaubungsmittel, durch die US-Armee litten die Menschen noch 30 bis 40 Jahre später, nach wie vor seien Kinder missgebildet.

Völlig unverständlich findet es der Allgemeinmediziner, dass die Laboruntersuchungen bei den entsprechenden Unternehmen auf freiwilliger Basis erfolgen. Schließlich sei offenbar bekannt, dass technische Fette unter Futterfette gemischt würden.

"Ich wollte aus ethischen Gründen ein Signal setzen", sagt Neumann. Er will auch bei seinen Kollegen das Bewusstsein schärfen, wenn sie künftig auf Missbildungen oder unerklärliche Krebsfälle stoßen.

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Dr. Horst Grünwoldt

Dioxin-Skandal

Recht hat er, der Dr. Sten Neumann aus dem Münsterland, mit seiner Strafanzeige! Schließlich kann dies die Ermittlungen der zuständigen Staatsanwaltschaft nur beschleunigen. Ich selbst habe diese und meine frühere Veterinär- und Lebensmittel-Überwachung sowie die "foodwatcher" des Herrn Bode gefragt, ob sie denn auch nach dem Acrylamid- Skandälchen einmal die zu entsorgenden Alt-Frittierfette und -oele von Mac Don u.a. auf Dioxine/ Furane untersucht hätten. Schließlich ergibt die wiederholte Erhitzung (+ 300 grad C) von Kohlenwasserstoffen (pflanzlichen Speiseölen und -fetten) mit Clorid (aus den Frittierkörben von Pommes) eine gute Reaktionsmischung für Dioxine/Furane. Der Staatsanwaltschaft Itzehoe habe ich empfohlen, über die Landesgrenze hinauszuschauen in Richtung Niederlande/Belgien, insbesondere zu dem Fett-Handels-Unternehmen "OLIVET" bei Rotterdam als eine mögliche Quelle des Sammelns, Wieder-Inverkehrbringens und Vergoldens der eigentlich nur noch zur Verbrennung bestimmten Alt-Frittier-Fette. Wie europaweit bekannt ist, sind ja die Tierhalter und -mäster der Niederlande besonders "effizient", aber auch skupellos in ihren Methoden der "Wertschöpfung" (z.B.Schweinemast und Legehennenhaltung in flächenunabhängigen Hochhäusern)


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