Gesellschaft

Ein Arzt und Schriftsteller, den heute kaum noch jemand kennt

Von Friedrich Hofmann Veröffentlicht: 12.09.2006, 08:00 Uhr

Auf dem Höhepunkt seines Ruhms während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte er im deutschsprachigen Raum zu den großen Fünf: Wie seine Zeitgenossen Ernst Weiss, Arthur Schnitzler, Gottfried Benn und Alfred Döblin war er Arzt und Schriftsteller zugleich, praktizierte er in den eigenen vier Wänden, aber auch in den Lazaretten der Weltkriegs-Armeen. Doch heute, 50 Jahre nach seinem Tod, ist er vielen kein Begriff mehr: Hans Carossa.

Der in Bayern großgewordene Sohn eines Arztes, dessen Praxis er später übernahm, wurde schon früh mit den arbeitsmedizinischen Belastungen konfrontiert, die die Gesundheitsberufe bis heute kennzeichnen: 1898 erkrankt der gerade 20jährige Medizinstudent aus Bad Tölz an einer Lungentuberkulose und gewinnt auf diese Weise Zeit - Zeit, die er für seine literarische Begabung nutzen kann. Bereits zwei Jahre früher hat er erste lyrische Versuche veröffentlicht, und nun entstehen, wie er sagt, "unheimliche Anatomie- und Krankheitsgedichte".

Es ist das Vorspiel zu seiner ersten bedeutenden Gedichtsammlung, die 1910 im Insel-Verlag erscheint. Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits sechs Jahre Praxisinhaber. Doch trotz der Zeitknappheit gelingt es dem jungen Arzt, immer wieder Erzählungen und Gedichte zu verfassen. So wird schließlich Hugo von Hofmannstal auf ihn aufmerksam. Der Weg in die literarische Welt wird frei, und Carossa kann sich konsequent in die "Schicksale Doktor Bürgers" hineinarbeiten, die später sein erster großer Bucherfolg werden sollen.

Dann folgt die Zäsur: Im Ersten Weltkrieg meldet sich Carossa freiwillig. 1915 rückt er ein, um zunächst an der Westfront, später in Rumänien und gegen Kriegsende schließlich wieder in Frankreich eingesetzt zu werden, wo er schwer verwundet und schließlich aus dem Militärdienst entlassen wird. Während der 20er Jahre versucht er, sich mehr und mehr dem Schreiben zu widmen. Zu seinen Bekannten und Freunden gehören Frank Wedekind und der junge Theodor Heuss, Rainer Maria Rilke, Franz Werfel, Hermann Hesse und Martin Buber.

Vom Zeitbudget her mehr Arzt als Autor, arbeitet er an seinem Roman-Hauptwerk, dem "Arzt Gion", in dem er nicht nur den heroischen Mediziner darzustellen versucht, sondern vor allem die ethischen Probleme benennt, mit denen der Arzt Tag für Tag zu kämpfen hat: vom Umgang mit Rauschgiftsüchtigen über die richtige Behandlung von Krebskranken bis hin zum Schwangerschaftsabbruch. 1931 erscheint der Roman, im selben Jahr wird Carossa der Gottfried-Keller Preis verliehen.

Dann fällt der Vorhang - Hitler kommt an die Macht. Die wichtigsten deutschen Autoren gehen ins Exil - doch Hans Carossa bleibt. Diese Erfahrungen hat Carossa 1944 bis 1950 in seinem Bericht "Ungleiche Welten" niedergeschrieben. Am 12. September 1956 stirbt der Autor in der Nähe von Passau.

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