Sexueller Missbrauch

Fonds für Opfer bald ausgeschöpft

Mehr als 5000 Menschen, die als Kinder in Deutschland sexuell missbraucht wurden, haben bisher Anträge an einen Hilfsfonds gestellt. Der wurde 2011 von der Politik versprochen - die Summe aber kam nie zusammen und der Rest wird kaum ausreichen.

Veröffentlicht:

BERLIN. Der Hilfsfonds für die Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs in Familien steht drei Jahre nach dem Start vor einer ungewissen Finanzierung.

Der mit rund 58 Millionen Euro gefüllte Fonds für zusätzliche Therapien und andere Hilfen sei fast leer, sagte der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, der Deutschen Presse-Agentur.

Bis April hätten mehr als 5000 Menschen, die in Kindheit und Jugend sexuelle Gewalt in ihrer Familie erfuhren, Anträge gestellt.

Ländern weigern sich, einzuzahlen

Außer Bayern und Mecklenburg-Vorpommern weigern sich die Bundesländer, in den Fonds einzuzahlen. Der Bund hat einen Beitrag von 50 Millionen Euro geleistet.

Ursprünglich hatte die Politik nach dem Aufdecken großer Missbrauchsskandale 2010 in Deutschland 100 Millionen Euro für diese Opferhilfe zugesagt.

Der Fonds war ein Ergebnis des Runden Tisches "Sexueller Kindesmissbrauch", der als Reaktion auf die Missbrauchsskandale an kirchlichen und staatlichen Schulen sowie anderen Einrichtungen Empfehlungen abgab. Die meisten Missbrauchsfälle ereignen sich innerhalb von Familien.

Der Fonds unterstützt Erwachsene, die noch immer unter sexuellen Übergriffen in Kindheit und Jugend leiden, aber bei ihrer Krankenkasse keinen Anspruch auf passende Therapien oder Lebenshilfen haben.

Pro Person wird dabei mit bis zu 10.000 Euro kalkuliert. Die Antragsfrist wurde im April verlängert. Allein im vierten Quartal 2015 stellten rund 500 Betroffene einen Antrag, danach stiegen die Zahlen nach bisheriger Schätzung noch weiter an.

Familienministerium ist optimistischer

Das Bundesfamilienministerium zeigt sich weniger pessimistisch als der Missbrauchsbeauftragte. "Wir gehen davon aus, dass wir die Anträge mit der bestehenden finanziellen Ausstattung weitgehend bewältigen können", sagte ein Sprecher von Ministerin Manuela Schwesig (SPD).

Falls die Summe wider Erwarten nicht ausreichen sollte, werde man gemeinsam mit dem Parlament über die weitere Finanzierung nachdenken müssen. Von 14 Bundesländern fehle nach wie vor jede Bereitschaft zur Beteiligung.

Von 2010 bis Mai 2015 riefen 56.000 Betroffene beim Hilfetelefon des Bundesbeauftragten Rörig an, fast 6000 schrieben Briefe. Der Beratungsbedarf blieb damit konstant hoch.

Noch immer fehlt es an Beratungsstellen, insbesondere für Männer, und an Therapieplätzen. Auch die langen Bearbeitungszeiten von Anträgen an den Fonds - zur Zeit rund ein Jahr - sind für viele Betroffene schwer nachvollziehbar.

Mehr als eine Million Menschen in Deutschland haben nach Schätzungen sexuellen Missbrauch erlebt. "Der Haupttatort bleibt die Familie", sagt Rörig. "Aber es gibt jetzt auch viele Taten unter Gleichaltrigen - und steigende Fallzahlen durch Chat-Bekanntschaften in den digitalen Medien." (dpa)

Mehr zum Thema

Pflege in der Corona-Krise

Viele Ärzte und Pfleger arbeiten am Limit

Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Carsten Windt

Schande auch über die Kirche

Gerade die katholische Kirche müsste erhebliche Mittel einzahlen. Was ist da bisher passiert?

Clemens M. Hürten

Optimismus des Familienministeriums fehl am Platz! - und Schande für 14 Bundesländer!

Zunächst möchte ich die Wortwahl „Missbrauch” kritisieren: Wenn es einen Missbrauch von menschen gibt, dann muss es auch einen „Gebrauch” von Menschen geben! – Ich wünsche mir, dass Gewalt als das bezeichnet wird,was sie ist: GEWALT!
Und da gibt es psychische, körperliche und sexuelle Gewalt. Die psychische Gewalt ist in der körperlichen und sexuellen immer enthalten. Die Verletzungen aus jeglicher Gewalt sind als gleich schwer zu betrachten.

Und nun zum Beitrag:
Wenn der Fonds nahezu ausgeschöpft ist und gleichzeitig eine Zunahme der Antragstellungen beobachtet wird, dann kann dies doch kein Anlass zu Optimismus sein! Es kann nur Anlass sein, den Fonds erneut aufzufüllen und die jetzige Frist zur Antragstellung (31. August 2016) um mindestens zwei weitere Jahre zu verlängern.
Es ist politisch gewollter Euphemismus und Augenwischerei, von Optimismus zu sprechen, weil die Tatsache, dass der Fonds ab Ende August trotz weiterhin zunehmenden Bedarfs ausläuft, auf diese Weise nicht mehr im Fokus der Aufmerksamkeit liegt.

Dass ausgerechnet auch „grün”-regierte Bundesländer nicht in den Fonds einzahlen oder eingezahlt haben, geichzeitig aber medial wirksam ständig von Engagement für Frauen, Gleichstellung usw. gefaselt wird, ist nur noch peinlich!

Als nächstes kritisiere ich massiv, dass die Tatsache der Existenz eines solchen Fonds, weder in der Ärzteschaft noch bei Psychotherapeuten ausreichend bekannt ist. Auch ich habe erst durch Zufall im Frühjahr 2015 davon erfahren. Während für die Bewerbung von allerlei Firlefanz des Bundesgesundheitsministeriums oder das Familienministeriums das Geld sprudelt, sehe ich betr. der Bewerbung des Fonds (im Sinne von ständiger, aktiver Information) nichts. Vielleicht will man ja gar nicht, dass die Mittel in Anspruch genommen werden?

Schließlich kritisiere ich die Halbherzigkeit, mit der der Fonds verwaltungstechnisch / organisatorisch betrieben wird! Von der Antragstellung bis zur Bewilligung vergeht etwa 1 Jahr. Die Menschen benötigen die Hilfe aber JETZT. – Das ist eine Situation wie bei der Mangelversorgung im Bereich Psychotherapie, wo mit ebenfalls bis zu einjährigen Wartezeiten auf einen Therapieplatz Chronifizierungen und Suizide von der Politik billigend in Kauf genommen werden!

Eine Klientin mit Borderline-Problematik konnte ihre Therapie in meiner Heilpraxis nicht mehr bezahlen. Der Fonds wäre die Rettung gewesen... wenn da nicht die einjährige Bearbeitungsfrist gewesen wäre.
Eine kassenfinanzierte Therapie kam für sie nicht mehr in Frage, da sie mehrere Therapie-Abbrüche hinter sich hatte, denn sie kam stets an Psychotherapeuten, die für die ambulante Therapie der Borderline-Problematik ungeeignet waren. Hier im Kreis Rottweil und angrenzenden Kreisen gibt es laut Angaben einer mir bekannten Psychotherapeutin nur eine einzige Psychotherapeutin, die derartige Probleme therapiert, aber niemanden mehr annimmt, da ihre Warteliste für 2 Jahre gefüllt ist!

Nun habe ich unter Einbeziehung des Fonds sexueller „Missbrauch” ein spezielles, kreditbasiertes Angebot entwickelt, um Klienten mit geringen finanziellen Mitteln eine qualifizierte und kurzfristige Therapie ohne Warteliste usw. zu ermöglichen:
www.therapie-gegen-gewalt.de
Kaum hatte ich es online gestellt, erfuhr ich, dass der Fonds zum 31. August 2016 ausläuft!

Ich könnte zurzeit zusammen mit zwei Klientinnen laut schreien! Denn gerade Menschen, die z.B. durch Gewalt in Kindheit und Jugend schwer eschädigt und evtl. auch traumatisiert worden sind, tragen Handicaps davon, die ihnen eine berufliche Entwicklung und den Aufbau einer materiellen Lebensgrundlage stark erschweren. Daher haben gerade diese Menschen meist nicht die Mittel z.B. alternativ verfügbare Therapiemöglichkeiten in Anspruch zu nehmen und zu finanzieren.

Noch ein Kritikpunkt: Der Fonds selbst ist meiner Ansicht nach falsch konzipiert, denn er schließt Men


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Nachmittags: das schnelle Telegramm. Am Morgen: Ihr individuell zusammengestellter Themenmix.

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Annalena Baerbock wurde im Rahmen des Parteitages von Bündnis 90/Die Grünen mit großer Mehrheit als Kanzlerkandidatin bestätigt.

Bundestagswahl 2021

So sehen die Grünen die Gesundheitsversorgung der Zukunft