10 Jahre nach der Reaktor-Katastrophe

Fukushima: Vom „Verschworen zur Stille“ und von strahlungsmessenden Müttern

Im Nordosten Japans zerstören am 11. März 2011 ein Mega-Beben, bis zu knapp 40 Meter hohe Tsunami und eine AKW-Havarie das Leben vieler Menschen – 15.899 Tote und 2527 Vermisste sind zu beklagen. Nur scheinbar ist die Normalität 2021 zurückgekehrt. Doch die Katastrophe hat die Überlebenden geprägt – psychisch wie physisch.

Von Sonja Blaschke Veröffentlicht:
Kerzen werden in der Nähe des havarierten Kernkraftwerks Fukushima Daiichi während einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Erdbebens vom 11.03.2011 angezündet.

Zum Gedenken an die Opfer des Erdbebens vom 11.03.2011: Kerzen in der Nähe des havarierten Kernkraftwerks Fukushima Daiichi.

© dpa

Samstagnacht vor wenigen Wochen begannen Hochhäuser in Tokio zu wanken, die Gebäude ächzten und klapperten, minutenlang. Bald wurde klar, die Erschütterungen kamen von weiter her – aus dem Meer vor Fukushima. In Japans Hauptstadt, aber vor allem in den Katastrophengebieten weckte dies wenige Wochen vor dem Jahrestag Erinnerungen an das Trauma vor zehn Jahren: an das mit 9,0 stärkste in Nippon je gemessene Beben, die Tsunami und die Havarie des Meilers Fukushima Daiichi im Tohoku genannten Nordosten des Landes.

„Ein Junge, der damals fünf Jahre alt war, hat angefangen zu schreien“, erfuhr Chiho Shimura durch die Eltern vom Flashback eines Kindes. Die Leiterin der NGO „Kokoro Smile“, die in Ishinomaki (Präfektur Miyagi) traumatisierten Kindern und Eltern durch Spiel und Kunsttherapie hilft, telefonierte nach dem Beben am 13. Februar 2021 erst einmal „ihre“ Familien durch. Für viele war zunächst nicht ans Einschlafen zu denken. Zwar hatte das Wetteramt JMA eine Tsunami-Gefahr schnell ausgeschlossen, aber vor Nachbeben gewarnt. Bei fast einer Million Haushalten war der Strom ausgefallen, es kam zu Erdrutschen und Schäden an Gebäuden, über 180 Menschen wurden bei dem Beben der Stärke 7,3 verletzt, eine Person starb.

„Soro soro?“ „Mada mada!“

„Soro soro“ – heißt es auf Japanisch, wenn etwas oder jemand zum Schluss kommen soll. So langsam wären die Betroffenen doch sicher über den Berg, würden viele Nichtbetroffene denken, sagt Shimura zur „Ärzte Zeitung“. Aber die Folgen der Katastrophe ziehen sich, wie sie immer wieder in ihrer Arbeit sehe, weiter quer durch Familiensysteme, Schichten und Altersgruppen. „Mada mada“ müsse es daher heißen. Es sei eben noch nicht überstanden.

Das spiegelt auch eine Umfrage in 42 Städten und Gemeinden, davon 12 in Iwate, 15 in Miyagi und 15 in Fukushima, im Januar wider. Während Tokio viele Hilfen für die Opfer bereits hat auslaufen lassen, betrachteten laut der Befragung der Presseagentur Jiji Press nur 14 Prozent den Wiederaufbau als abgeschlossen. Für 29 Prozent sei ein Ende nicht in Sicht. Fast 90 Prozent sorgten sich, dass die Katastrophe in Vergessenheit gerät. In den Augen von 76 Prozent der Befragten beeinträchtige die Corona-Pandemie den Wiederaufbau.

Nach außen ist seit 2011 ein Anschein von Normalität zurückgekehrt. Zwei Jahre nach der Katastrophe waren in den nördlichen Präfekturen Miyagi und Iwate die Schuttberge beseitigt – im südlich davon gelegenen Fukushima dauerte es wegen der radioaktiven Strahlung länger. Danach mussten Besitzverhältnisse geklärt werden, erschwert dadurch, dass viele Unterlagen weggeschwemmt worden und Eigentümer verstorben waren. Durch das Abtragen umliegender Hügel erhöhte man den Grund um mehrere Meter, baute Straßen und Brücken neu, teilte Zonen ein. Meterhohe Schutzwälle aus Beton versperren nun den Blick aufs Meer. Viele Ortschaften gleichen einem Flickenteppich, einer unnatürlichen Mischung aus Alt und Neu. Dazwischen klaffen Lücken: NGO-Mitarbeiter in Iwate und Miyagi berichten von 40 bis 80 Prozent brachliegenden Grundstücken, weil die Leute nicht mehr zurückkommen wollten. Manchen dauerte der Wiederaufbau schlicht zu lange, sie ließen sich anderswo nieder. Andere möchten nicht mehr am Wasser wohnen, sie fürchten das Meer.

Alte Hierarchien bleiben bestehen

Vor allem junge Frauen verließen Nordostjapan, beobachtete Mio Kamitani, Leiterin der NGO Oraga Otsuchi Yume Hiroba.

Vor allem junge Frauen verließen Nordostjapan, beobachtete Mio Kamitani, Leiterin der NGO Oraga Otsuchi Yume Hiroba.

© Sonja Blaschke

Hinzu kommt, dass sich seither bestehende strukturelle Probleme verschärft haben, wie die Abwanderung und der Mangel an Infrastruktur und Jobs für junge und gut ausgebildete Menschen. Vor allem junge Frauen verließen die Region, beobachtet Mio Kamitani, Leiterin der NGO Oraga Otsuchi Yume Hiroba (Iwate). Das Fehlen dieser Gruppe gelte generell als Indikator dafür, dass ein Ort im Niedergang begriffen sei. Dazu trage auch bei, dass sich an alten Hierarchiestrukturen wenig geändert habe, sagt Kamitani: Die Entscheidungen würden weiter „alte Männer“ treffen. Deswegen sei zum Teil an den Bedürfnissen vorbei wiederaufgebaut worden: Zwar seien wegen Katastrophenschutzvorschriften viele kleine Grünflächen eingeplant worden – aber fast keine Kinderspielplätze. Erst jetzt lasse sich die Stadt erweichen, solchen Vorschlägen Gehör zu schenken.

Spielende Kinder – das war für lange Zeit ein seltener Anblick in Fukushima. Auch dort hatten viele Küstenorte schwere Verwüstungen erlitten. Im AKW Fukushima Daiichi fiel durch Tsunami der Kühlkreislauf aus und führte zu Wasserstoffexplosionen, Kernschmelzen und der Freisetzung von radioaktiven Partikeln, vor allem nordwestlich der Anlage Richtung Fukushima-Stadt. Rund 165.000 Menschen wurden evakuiert, weitere flüchteten in Eigenverantwortung.

Weil aus der havarierten Anlage fortgesetzt radioaktive Strahlung entwich, erließen Schulen, Kindergärten und Tagesstätten in Fukushima damals ein striktes Verbot für Outdoor-Aktivitäten. Auch wurde davor gewarnt, Fenster zu öffnen oder Wäsche draußen zu trocknen. Erst zum Sommer 2011 hin durften Kinder über fünf Jahre wieder bis zu drei Stunden nach draußen – dies galt noch bis Anfang 2012. Jüngere Kinder sollten in den ersten zwei Jahren maximal 30 Minuten nach draußen. Eine Situation, die dieser Tage Gedanken an die Corona-Lockdowns weckt.

Wie sich das Leben als Evakuierte, das Stigma der Strahlung, das Trauma der Tsunami-Erfahrung und das Zerbrechen des Alltags auswirken kann, untersuchte die Psychiaterin Hisako Watanabe mit Fachleuten für Kinder- und psychische Gesundheit in Tohoku und Pädiatern der Tokioter Keio-Universität über sechs Jahre im Rahmen mehrerer Projekte. Ihr Ziel war es, durch Prävention und gezielte Maßnahmen speziell bei Kindern und Müttern Anzeichen zum Beispiel für eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) früh zu entdecken und zu intervenieren.

Konzertierte Aktion für Kindeswohl

Das Team konzentrierte sich zunächst auf Koriyama im Südwesten Fukushimas, mit rund 300.000 Einwohnern damals eine der größten Städte in der Krisenregion. Deren Bevölkerung schwoll schlagartig um Tausende von Menschen an, die aus Ortschaften nahe am AKW evakuiert und monatelang in Sporthallen und Messezentren leben mussten. Watanabe und der örtliche Kinderarzt Shintaro Kikuchi besuchten drei solcher Notunterkünfte. Daraufhin regte Kikuchi Ende März 2011 das Koriyama City Post-disaster Childcare Project (KCPCP) an. Um bürokratische Hürden zu umgehen, wurden 25 Personen verschiedener Bereiche zusammengeholt, wie Beamte, Vertreter des Gesundheitswesens, Kinderärzte, Psychologen, Krankenschwestern, Erzieher, Bibliothekare, Physio- und andere Therapeuten. Einer der größten Erfolge: Dank einer Spende aus der Privatwirtschaft eröffnete Ende 2012 mit PEP Kids Koriyama der größte Indoor-Spielplatz Japans, ergänzt durch Angebote wie Kochkurse für Kinder und psychologische Beratung für Eltern. Das Projekt habe laut Watanabe landesweit Nachahmer gefunden.

2012 gründete Kikuchi die NPO Koriyama PEP Childcare Network, um eine Struktur für die Unterstützung und Ausbildung von Fachleuten zu schaffen. Vier Schwerpunkte wurden festgelegt: motorische und körperliche Entwicklung, Kindererziehung in der Gemeinschaft, mentale Gesundheit und Aufklärung über Strahlung. In dessen Rahmen wurde eine zehnjährige Studie über die motorischen Fähigkeiten von Kindern initiiert. Eine Untersuchung von 27.700 Kindern in Koriyama zwischen 6 und 15 Jahren im Sommer 2012 ergab messbare Auswirkungen nach einem Jahr mit nur wenig Outdoor-Aktivitäten: höhere Adipositas-Prävalenz, außer bei Jungs in der ersten Grundschulklasse, geringere motorische Grundfertigkeiten beim Rennen, Springen und Werfen sowie weniger Kraft als andere Kinder derselben Altersklasse.

Ein weiteres Projekt, organisiert von der Psychologin Kanae Narui, konzentrierte sich auf Kinder unter drei Jahren und deren Mütter. Bei manchen Kindern, bei denen man erst eine Entwicklungsstörung annahm, sei bald klar geworden, dass sie an PTBS litten, erläutert Watanabe. Mit Mitteln von Unicef Japan gründete Narui die Heartful Family Care Society. Eine Gruppe von Gesundheitspflegern, klinischen Psychologen und Erziehern besuchte fortan jeden Monat Dörfer in Fukushima für ein zweistündiges Interventionsprogramm, um eine sichere Bindung zwischen Kind und Mutter zu schaffen. Zwischen Juni 2011 und 2014 wurden über 14.000 Familien erreicht.

Woran es häufig fehle, schreibt Watanabe, sei ein sicherer Raum für Kinder, um schwierige Erfahrungen mit anderen zu teilen und zu verarbeiten, zumal Radioaktivität zu einem mit Scham behafteten Tabu-Thema geworden sei. Watanabe nennt dies die „Verschwörung zur Stille“. Miyuki Obara, deren Familie in Fukushima-Stadt eine private Oberschule führt, bestätigt, dass Debatten der ersten Jahre über Messungen, Grenzwerte und Dekontaminierung verstummt seien. „Die Menschen leben inzwischen wieder so, als wäre alles wie immer – wie früher.“ Anfangs habe jeder draußen eine Maske getragen und kein Leitungswasser getrunken. Aber die Berge von Plastikflaschen seien längst verschwunden – allenfalls Kleinkindern gebe man Mineralwasser. „Die Leute essen auch das im eigenen Garten angebaute Gemüse“, sagt Obara im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“. Sie selbst halte sich bei Produkten aus Fukushima, Ibaraki und Chiba weiter zurück. Ihr Viertel sei eines der letzten gewesen, wo 2020 endlich die im eigenen Garten vergrabenen schwarzen Plastiksäcke mit kontaminiertem Laub, Gras und Erdreich, das im Rahmen der Dekontaminierung abgetragen wurde, wieder ausgegraben und in ein Zwischenlager gebracht worden.

Zwar sei das Bewusstsein für Risiken durch Radioaktivität schwächer geworden – aber dafür seien auch Ängste vor Diskriminierung verschwunden: Schülerinnen und junge Frauen hatten sich damals gesorgt, wegen ihrer Herkunft aus Fukushima keine Familie gründen zu können. Doch das sei heute kein Thema mehr, sagt Obara.

Neues Museum nahe der Atomruine

Noch heute ist unklar, was genau mit dem geschmolzenen Brennstoff im AKW passierte. Weiter sind täglich mehrere tausend Arbeiter dort beschäftigt, inzwischen mit deutlich weniger Schutzkleidung. Auf dem Gelände drängen sich über 1000 Tanks mit schwach verstrahltem Wasser. Der Wunsch des Betreibers Tokyo Electric Power (Tepco), das Wasser in den Pazifik abzulassen, sorgte im In- und Ausland für heftige Kritik, eine Entscheidung dürfte in den kommenden Jahren fallen.

Die Hoffnung auf eine Abkehr Japans von der Atomkraft, wie sie die wohl größte Demonstration in Tokio mit rund 200.000 Teilnehmern im Juni 2012 nahelegte, hat sich nicht erfüllt. Ende 2012 kamen die atomkraftfreundlichen Liberaldemokraten (LDP) unter Shinzo Abe wieder an die Zentralregierung in Tokio. In dem 2020 vorgestellten Energieplan des amtierenden Ministerpräsidenten Yoshihide Suga (LDP) – Abe trat aus gesundheitlichen Gründen zurück – hat Atomkraft Bestand. Es sollen aber keine neuen Meiler mehr gebaut werden. Vor der Katastrophe bezog Japan rund ein Drittel seines Stroms aus 54 Reaktoren, heute sind vier am Netz – Stromausfälle gab es trotzdem nicht.

Die „Difficult-to-return“-Zone wurde durch Dekontaminierung im Lauf der Jahre auf 2,4 Prozent von Fukushima verkleinert. Dies bedeutet für 36.200 Menschen, dass sie weiterhin nicht zum Leben in ihre Heimat zurückkehren dürfen, nur für Besuche. Es ging zu schnell, sagen Kritiker, die die Sicherheit der Gebiete anzweifeln.

Für Stirnrunzeln sorgen auch Projekte wie das im September 2020 eröffnete Great East Japan Earthquake and Nuclear Disaster Memorial Museum in Futaba – vier Kilometer von den havarierten Reaktoren entfernt. Zielgruppe sind unter anderem Schulklassen. Dabei ist Futaba mit Ausnahme des im März 2020 eröffneten Bahnhofs überwiegend „off-limits“.

Was macht das Mothers‘ Radiation Lab Fukushima?

Zu den wenigen in Fukushima, für die das Thema Radioaktivität noch heute eine Rolle spielt, gehören die Betreiberinnen des Mothers‘ Radiation Lab Fukushima (MRLF) in Iwaki, rund 50 Kilometer südlich vom AKW. Wenige Monate nach der Katastrophe fanden sich dort Mütter über ihre geteilte Sorge wegen radioaktiv belasteter Lebensmittel zusammen und bauten ohne Vorkenntnisse ein Strahlenmesslabor auf. Dank Spenden aus dem In- und Ausland bedienen sie dort nun Geräte, über die sonst häufig nur Hochschulen verfügen. Bei einer Online-Konferenz im Februar 2020 ziehen die Mütter ein Zwischenfazit: Das Limit von 100 Becquerel (Bq) pro Kilogramm werde bei fast allen Lebensmitteln, die Bürger gegen eine geringe Gebühr messen lassen können, deutlich unterschritten, nur bei Wildprodukten fänden sich Ausreißer nach oben. Abgesehen von Hotspots in bestimmten Gegenden seien die Werte der Luft sowie in Erdreich und Sand auf Werte vergleichbar mit Städten in Europa gesunken.

Der Kinderarzt Misao Fujita, der in der angeschlossenen Praxis Ganzkörperzählermessungen und Schilddrüsenuntersuchungen durchführt, sagt, zunehmend kämen ältere Schüler ohne Begleitung vorbei. Die Eltern würden sich keine Sorgen machen, aber sie selbst wollten es doch genau wissen, höre er von den Jugendlichen. Bis das AKW in der Nachbarschaft sicher abgebaut ist, dauert es laut Schätzungen der Regierung noch mindestens bis in die 2040er Jahre. Auch das MRLF-Team macht weiter. Laborleiterin Ai Kimura sagt: „Wenn irgendwo auf der Welt ein ähnlicher AKW-Unfall passieren sollte, hoffen wir, dass unsere Daten nützlich sein werden“.

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