Buchtipp

"Im Denken und Fühlen bin ich wie mit 30"

Über die großen Fragen ihres Lebens schreibt die 93-jährige Margarete Mitscherlich in einem Buch.

Veröffentlicht:

Margarete Mitscherlich: Die Radikalität des Alters. Einsichten einer Psychoanalytikerin. S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main 2010. 267 Seiten. 18,95 Euro.

FRANKFURT/MAIN (Smi). Sie ist die Grande Dame der deutschen Psychoanalyse und eine herausragende Persönlichkeit der Frauenbewegung in Deutschland. 93-Jährig wendet sich Margarete Mitscherlich nun noch einmal den großen Themen ihres Lebens zu: "Die Radikalität des Alters" lautet der Titel.

Warum verfielen ausgerechnet so viele Ärzte dem Nationalsozialismus und dem Rassenwahn während der Hitler-Diktatur? War es der Machtrausch der Ärzte-Elite oder ein eliminatorischer Antisemitismus, wie Daniel Jonah Goldhagen in seinem Buch "Hitlers willige Vollstrecker" befand? Margarete Mitscherlich mag sich auf keine monokausalen Erklärungsmuster festlegen.

Möglichen Antworten nähert sie sich mit Hilfe psychoanalytischer Deutungsversuche. "In der autoritätsgläubigen deutschen Gesellschaft mit ihrem Gehorsamkeitsideal war Erniedrigung an der Tagesordnung", schreibt sie.

Im Antisemitismus sieht sie eine Folge der untergründigen Aggression, die jeder Zwang zum Gehorsam in sich berge, eine "gesellschaftliche Vorurteilskrankheit", die es schon vor Hitler gegeben habe.

Juden wurden zu Sündenböcken gestempelt, die die "Reinheit" der arischen Herrenrasse beschmutzten. Mitscherlich: "Damit rechtfertigten auch Nazi-Ärzte ihre qualvollen und meist tödlichen Menschenversuche."

Das Vergessen und Verdrängen, die Unfähigkeit zu trauern, die Befreiung von Denkblockaden, Vorurteilen und Ideologien, kurz die Emanzipation des Individuums innerhalb der Gesellschaft - das sind Themen, mit denen sich Margarete Mitscherlich in ihrem neuen Buch befasst.

Das Alter, so sagt sie selbst, habe sie körperlich mitgenommen; ihre klare Sprache und ihre tiefen Einsichten legen jedoch Zeugnis darüber ab, dass das Alter ihren Geist nicht trüben konnte.

"Im Denken und Fühlen bin ich heute wie damals, mit 30", antwortet sie am Ende auf eine Frage von Alice Schwarzer. "Also dieses Mehrwissenwollen und das Erkennenwollen von Wahrheit." Wer ihr Buch liest, mag daran nicht zweifeln.

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