UN-Klimakonferenz

Klimawandel geht aufs Herz und verletzt die Menschenrechte

Am Sonntag startet die Weltklimakonferenz in Glasgow. Dabei geht es auch darum, welche Rolle die Medizin spielen kann und muss, um die Folgen des Klimawandels abzufedern. Längst geht es nicht mehr nur um Umweltschutz. Wissenschaftler verweisen auf verletzte Menschenrechte.

Von Anno FrickeAnno Fricke Veröffentlicht:
Pilgrimage groups and artists, including members of XR Faith at Glasgow Green, as they are walking to Glasgow to raise awareness of the climate crisis and demand a fair deal at COP26 for the Global South, as Glasgow prepares for the Cop26 summit

Samstag in Glasgow: Aktivisten fordern vom COP26 einen fairen Deal für den globalen Süden.

© Andrew Milligan / PA Wire / picture alliance

Berlin. Die deutsche Regierung hat sich entschieden: „Für uns steht fest, der Klimawandel ist da“, wird aus der Bundesregierung offiziell verlautbart. In vielen Regionen der Welt, vor allem im globalen Süden, aber zum Beispiel auch in Nordrussland und Grönland, sogar im trockenen Brandenburg spüren die Menschen ohnehin seit langem, dass die Temperaturen ihre Ökosysteme und damit die Lebensgrundlagen umwälzen.

Wasserknappheit und Rückgänge der landwirtschaftlichen Produktivität sind die Folgen. Für alle Menschen der Welt erwachsen daraus eine Menge gesundheitlicher Gefahren und Probleme für die medizinische Versorgung, stellen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fest.

Wetterkrisen gibt es auch in Deutschland

Zusammenhänge zwischen extremer Hitze und Todesfällen gelten auch für Deutschland als belegt. Es gebe „einen klaren Einfluss der Belastung durch Hitze“, heißt es in einem Beitrag im Bundesgesundheitsblatt von März 2019. Untersucht wurden die Todesfälle der Jahre 2001 bis 2015 (Bundesgesundheitsbl 2019; 62: 571–579).

Im Rekordsommer 2003 gab es demnach 7600 Verstorbene, bei denen Hitze als Todesursache belegbar war. Signifikant erhöhte Mortalität aufgrund von Hitze gab es auch in weiteren Jahren. 2006 waren es 6200, 2015 wurden 6100 gezählt. In zwei weiteren Jahren, 2010 und 2013, gab es demnach jeweils deutlich mehr als 3000 Hitzeopfer.

Klimawandel berührt Menschenrechte

Bei einer Veranstaltung der Royal Society of Edinburgh und der Leopoldina im Vorfeld der UN-Klimakonferenz in Glasgow haben Wissenschaftler am Freitag zudem den Zusammenhang festgestellt, dass die Folgen des menschengemachten Klimawandels, also des übermäßigen CO2-Ausstoßes und des Raubbaus an der Natur, die Menschenrechte, so wie sie die Vereinten Nationen in ihrer Erklärung von 1948 formuliert haben, einschränken. Die UN-Klimakonferenz beginnt an diesem Sonntag und tagt bis 12. November.

Jeder habe das Recht auf Leben, heißt es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Und: Niemand solle ins Exil müssen. Zudem müssten alle Staaten ihren Bevölkerungen einen Lebensstandard garantieren, der Gesundheit und Wohlbefinden einschließt sowie medizinische Versorgung garantiert. Wo Ackerflächen und Wasser knapp werden, wird das schwierig. „Der humanitäre Raum schrumpft“, kommentierte Andrew Gilmour, Vorsitzender der Berghof Foundation die Lage.

„Hitze ist die Hauptbedrohung“, stellte die Augsburger Umweltmedizinerin Professor Claudia Traidl-Hoffmann bei dem Symposium fest. Gefahren gingen aber auch von der Luftverschmutzung und immer neuen Pollen aus. Betroffen seien alle Organsysteme und die Psyche. Darauf müssten sich die Gesundheitssysteme einstellen, betonte Traidl-Hoffmann.

Hitzewellen, Trockenheit und Waldbrände reicherten Ozon und weitere Schadstoffe in der Atemluft an. Ein Ansteigen der Inzidenzen von Herz- und Schlaganfällen sei die Folge. Insgesamt müssten Ärzte vermehrt mit Hypertonie bei ihren Patienten rechnen.

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Tropenkrankheiten kommen näher

Steigende Temperaturen und extreme Wettereignisse könnten das Vordringen von Dengue-Fieber, Lyme-Borreliose und Malaria begünstigen, Asthma, Sinusitis und Pollenallergien drohten anzusteigen. Ernteausfälle, Fischsterben und Wasserknappheit ließen zudem eine Zunahme von Durchfallerkrankungen und Diabetes-Erkrankungen erwarten, sagte Traidl-Hoffmann.

Die Staaten müssten daher Strategien entwickeln, die Folgen des Klimawandels abzumildern. Um die Menschenrechte nicht weiter zu verletzen, gehöre dazu auch das Aufstellen von Gesundheitsschutzplänen. Eine Schlüsselrolle spiele dabei die Resilienz der Gesundheitssysteme. Der Gesundheitssektor müsse seinen CO2-Fußabdruck schmälern, um seiner humanitären Verantwortung gerecht zu werden.

Nicht umsonst hat der 125. Deutsche Ärztetag ab Montag das Thema weit oben auf die Agenda gesetzt.

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Die Waffe gegen Erderwärmung: Geld

Bei der UN-Klimaschutzkonferenz wollen die Industriestaaten ihr 2009 in Kopenhagen abgegebenes Versprechen erneuern, den Entwicklungsländern ab 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar an Hilfen zur Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen zur Verfügung zu stellen.

Dieses Ziel wurde bislang verfehlt. Die deutsche Regierung hat sich diese Woche beeilt, zu versichern, dass ab 2023 die Summe erreicht und ab 2024 sogar übertroffen werde. Deutschland will ab 2025 etwa sechs Milliarden Euro im Jahr beisteuern, private Beiträge in Milliardenhöhe werden ebenfalls erwartet. Im Paket enthalten sind allerdings auch beträchtliche Darlehensanteile und Exportkreditgarantien.

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