Internationaler Männertag

Mann, oh Mann – was ist aus Dir geworden?

Bleibt die traditionelle Männlichkeit auf der Strecke, fragen nicht nur konservative Medien. Der Internationale Männertag am 19. November gibt Anlass, genauer hinzuschauen.

Von Christiane Oelrich Veröffentlicht: 18.11.2019, 15:36 Uhr
Was ist typisch männlich? Ein Bart vielleicht?

Was ist typisch männlich? Ein Bart vielleicht?

© mitand73 / stock.adobe.com

Zürich. Sind Männer nicht mehr zeitgemäß? So hat die Schweizer „Weltwoche“ ihre eher konservativen Leser in diesem Jahr alarmiert und der bedrohten Männlichkeit eine Titelgeschichte gewidmet. Seit vielen Jahren halte der Trend zu mehr Beteiligung der Männer an Haushalt und Familie an.

Für die Wochenzeitung bleibt da die traditionelle Männlichkeit auf der Strecke. Was muss der Mann heute sein? Mitfühlend oder machohaft, liebevoll oder hart? Brauchen die, die einst als „starkes Geschlecht“ galten, Mutmacher?

Ist Männlichkeit „toxisch“?

Am 19. November ist Internationaler Männertag, der unter anderem den Beitrag der Männer zur Gesellschaft zelebrieren soll. Das Männerbild hat sich stark gewandelt, und manchen verunsichert das. Viele Männer seien in der Krise, sagt Toni Tholen, der an der Universität Hildesheim zu Männlichkeit forscht. „Sie hören, sie sollen dies und das nicht sein, und fragen: was sonst?“

14,2 Monate beträgt die Dauer der Elternzeit von Frauen (2016). Bei Männern sind es im Schnitt 3,8 Monate.

James Bond-Darsteller Daniel Craig stand vor einem Jahr im Zentrum einer Debatte, weil er auf einem Foto mit Baby im Tragetuch vor dem Bauch zu sehen war. Ein für seine ätzenden Kommentare bekannter britischer TV-Moderator höhnte auf Twitter: „Oh, 007 ... nicht auch noch Du?“ mit dem Schlagwort #emasculatedBond (entmannter Bond).

US-Psychologen sprechen in der Forschung zum Rollenbild Mann seit ein paar Jahren von „toxischer“ oder „schädlicher Männlichkeit“. Wenn kleine Jungen mit einem Ideal aufwachsen, das von ihnen verlange, Emotionen zu unterdrücken, und dominant und aggressiv aufzutreten, sei Gewalt programmiert, so der US-Fachverband für Psychologie (APA). Manche Männer reagierten mit Gewalt, wenn sie in einer Beziehung ihre idealisierte männliche Identität bedroht sähen.

Die Vorstellung von Männern als Helden und Krieger habe ausgedient, aber ein Vakuum hinterlassen, sagt Tholen. In der Lücke seien heute Leute wie die Präsidenten der USA, Russlands, der Türkei und Brasiliens präsent. „Alphatierchen wie Trump, Putin, Erdogan und Bolsonaro erobern die Definitionsmacht, was männlich ist. Je rechter, desto mehr traditionelle Rollenglorifizierung“, so Tholen.

Verunsicherten will der kanadische Psychiater Jordan Peterson helfen. Er propagiert in seinem Bestseller „12 Rules For Life: Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt“ Thesen über ein naturgegebenes Patriarchat oder Konzepte wie „Ordnung ist männlich, Chaos ist weiblich“. Bei Vorträgen in aller Welt jubeln ihm Tausende – vor allem Männer – zu.

Der Hummer muss als Beleg dienen

Seine Anhänger nennen sich „Hummer“, weil der Kanadier in seinen hunderttausendfach angeklickten Vorträgen auf YouTube die Hummer als Beleg dafür nennt, dass männliches Dominanzverhalten von Natur gegeben sei.

Beim Rollenmodell „Ich Tarzan, Du Jane“ sei die Harmonie der Geschlechterrollen noch in Ordnung gewesen, meint der „Weltwoche“-Autor in seinem Artikel. Für die neue Rolle der Männer hat er wenig übrig: „Diese Mischmasch-Männlichkeit mit dem Ausleben der sogenannten weiblichen Seite im Mann ist in etwa so prickelnd wie alkoholfreies Bier.“ Hat sich die Rolle des Mannes in der Gesellschaft tatsächlich so stark gerändert? Unter den Erwerbstätigen mit Kindern sind 94 Prozent der Väter in Vollzeit beschäftigt, aber nur 34 Prozent der Mütter, schreibt das Statistische Bundesamt 2018.

Ein Jahr früher hieß es im Gleichstellungsbericht der Bundesregierung: Frauen verbringen im Schnitt täglich 87 Minuten mehr Zeit als Männer mit Haushalt, Kinderbetreuung, Pflege und Ehrenamt. Auch an Sonntagen leisten Frauen deutlich mehr unbezahlte Arbeit, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung feststellt. Es könne also nicht daran liegen, dass Männer wegen Vollzeitjobs weniger Zeit hätten.

Bei der Elternzeit ist der Anteil der Männer, die davon Gebrauch machen, seit Einführung des Elterngeldes 2007 von drei Prozent auf 37 Prozent (2016) gestiegen. Im Vergleich dazu nehmen aber mehr als neun von zehn Müttern Elternzeit. Zudem bleiben Frauen viel länger bei den Kleinen: Sie nahmen 2018 im Durchschnitt 14,2 Monate, Männer 3,8 Monate Elternzeit. „Väter halten sich in Sachen Elternzeit vor allem aus finanziellen Gründen zurück, zudem befürchten viele negative berufliche Konsequenzen“, so das DIW.

Warum bleiben nicht mehr Männer zu Hause und lassen die Frauen Karriere machen? „Ich glaube nicht, dass das funktioniert“, sagt Peterson in einem Interview mit der „Zeit“. „Insbesondere, weil Frauen den niedrigeren Status ihrer Männer nicht tolerieren können, der damit verbunden ist.“ Frauen werfen dem Psychiater vor, er festige bei verunsicherten Männern reaktionäre Geschlechtermodelle. Eine „Abwertung der Männlichkeit in der Gesellschaft“ will auch der Psychologe Bjørn Thorsten Leimbach ausgemacht haben. Der Mann müsse „von weiblichen Normen, Regeln und Verhaltensweisen“ befreit werden, „damit die maskuline Seele des Mannes (wieder) fliegen lernt“, heißt es auf seiner Webseite. Wie aus Männern „Herzenskrieger“ werden, zeigt Leimbach ihnen in Seminaren, 690 Euro für vier Tage.

Ein Refugium bietet auch der Schweizer Daniel Rasumowsky, Mitgründer der Messe „Man’s World“ mit Flugsimulator, Whiskey-Tasting und anderem, was Männer vermeintlich glücklich macht. Er war zuletzt im Oktober in Hamburg damit erfolgreich. Rasumowsky geht es nicht um Männlichkeitskult, wie er sagt. „Man’s World maßt sich weder an, Männlichkeit zu definieren, noch Gender-Fragen zu beantworten“, sagt er. „Es ist eine für die Zielgruppe Männer kuratierte Erlebnis- und Einkaufswelt.“

„Ich habe Sorge, dass sich Werte durchsetzen, mit denen wir ins Mittelalter zurückstürzen“, sagt Männlichkeitsforscher Tholen. Er findet, es müssten viel mehr alternative Geschlechtervorstellungen entwickelt werden: „solche, die herrschafts- und gewaltfreier sind“. Das Thema Geschlechterrollen gehöre schon in die Schule, fordert er. (dpa)

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