COVID-19 im Spitzensport

Mit letztem Atem: Ringer Stäbler bekämpft seine Corona-Folgen

Dank einer speziellen Atemtherapie ist Frank Stäbler nach seiner Corona-Infektion auf dem Weg zurück zu alter Stärke. Doch der dreimalige Ringer-Weltmeister ist bei Weitem nicht der einzige deutsche Spitzensportler, der mit dem Virus zu kämpfen hat.

Von Christoph Lother Veröffentlicht:
Der Ringer Frank Stäbler pustet während eines Atemtrainings eine Kerze aus.

Der Ringer Frank Stäbler pustet während eines Atemtrainings eine Kerze aus.

© Marijan Murat / picture alliance

Stuttgart. Eine kleine Kerze kostet Ringer-Weltmeister Frank Stäbler die letzte Kraft. Aus etwas mehr als einem Meter Entfernung versucht er, das Teelicht auszupusten, das Atemtrainer Yasin Seiwasser auf der ausgestreckten Hand hält.

Dreimal flackert es nur, im vierten Versuch klappt es. Es ist eine von vielen Übungen, die Stäbler in den vergangenen Wochen für sich entdeckt hat und die verdeutlichen, wie viel Geduld sein Weg zurück zu alter Stärke erfordert. Nach seiner Corona-Infektion im Oktober kämpft der 31-Jährige ums Comeback – und um seinen Traum von Olympia-Gold bei den Spielen in Tokio im Sommer.

„Wenn man es positiv sehen will, hat Corona mich noch mehr für meinen Körper sensibilisiert, mich veranlasst, mehr in ihn reinzuhören“, sagte Stäbler der Deutschen Presse-Agentur. Der Schwabe ist nicht das einzige deutsche Sport-Ass, das schon mit dem Virus zu kämpfen hatte. Handball-Weltmeister Johannes Bitter oder Fußball-Nationalspieler Ilkay Gündogan sind nur zwei von weiteren prominenten Beispielen.

20 Prozent Leistung eingebüßt

Ausnahmeringer Stäbler litt extrem unter seiner Infektion. Mehr als 20 Prozent seiner Leistungsfähigkeit habe er eingebüßt, berichtete er nach einem Test im November. Eine medikamentöse Behandlung lehnte er ab, stattdessen engagierte er seinen alten Kumpel Seiwasser als Atemtrainer. Der frühere MMA-Kämpfer stellte ihm ein Programm zusammen, dessen erste Ergebnisse durchaus bemerkenswert sind.

„Ich bin wieder fast bei 100 Prozent meiner Leistungsstärke, also wieder fast komplett hergestellt“, sagte Stäbler, nachdem er vorige Woche im Olympiastützpunkt in Heidelberg erneut auf dem Laufband stand. Die Lungenfunktionswerte seien gut, konditionell sei er sogar so stark gewesen wie zuletzt im Herbst 2018, als er in Budapest zum dritten Mal Weltmeister wurde. „Wie mein Körper die Belastung eines Wettkampfs auf der Matte verkraftet, wird man aber erst sehen“, sagte Stäbler. „Es ist schon etwas anderes, innerhalb von ein paar Stunden vier- oder fünfmal sechs Minuten lang zu ringen, statt nur zu laufen.“

Eine Stunde Atemtraining pro Tag

Doch die größten Sorgen um einen erfolgreichen Abschluss seiner Karriere ist Stäbler erstmal los. Mehr als eine Stunde Atemtraining pro Tag hat er in den vergangenen Wochen zu seinem normalen Programm im Trainingszentrum auf dem elterlichen Hof dazu gepackt. Die Übungen, durch die Lungenmuskulatur, Zwerchfell und Immunsystem gestärkt und seine Bronchien erweitert werden sollen, waren für den Kampfsportler zunächst ungewohnt. Liegestütze oder Bankdrücken mit zugeklebtem Mund gehören dazu. Oder Luftanhalten, was Stäbler anfangs nur 24 Sekunden lang schaffte, später dann aber schon zwei Minuten.

Der Ringer Frank Stäbler (verdeckt) hält während eines Atemtrainings ein Lungenfunktionsmessgerät in der Hand

Kontrolle des Atemtrainings durch ein Lungenfunktionsmessgerät. Stäbler hatte nach seiner Genesung von COVID-19 bei einem Belastungstest plötzlich um 20 Prozent schlechtere Leistungswerte.

© Marijan Murat / picture alliance

Durch die sogenannte Poweratmung, bei der Stäbler 180 Atemzüge pro Minute macht, habe er sogar zwei Kilogramm abgenommen. „Es ist, als ob du joggen gehst“, sagte Coach Seiwasser, der sich wundert, dass „spezielles Atemtraining im Hochleistungssport noch nicht allzu weit verbreitet ist“. Stäbler jedenfalls hilft es. Auch mental. „Die Atmung hat eine direkte Beziehung zur Emotion“, erklärte Seiwasser. Je ausgeglichener, desto besser. „Das Vertrauen, meine alte Stärke wieder zu erreichen oder womöglich noch stärker zu werden, ist voll da“, betonte Stäbler. Bei der EM in Polen im April will er es beweisen. Es wird sein vorletztes Turnier. Bei Olympia will er seinen erfolgreichen Kampf gegen Corona und seine Karriere dann krönen.

Etliche Spitzenathleten betroffen

Dass das Virus auch an Spitzensportlern nicht spurlos vorbeizieht, zeigten neben Stäbler andere Beispiele. Fußballer Gündogan klagte nach seiner Infektion im Herbst über Fieber, Glieder-, Hals- und Kopfschmerzen, dazu Geschmacksverlust. „Es war körperlich extrem anstrengend“, berichtete er damals. Ich hatte das Gefühl, dass mein Immunsystem komplett runterfährt.“ Doch der Mittelfeldmann von Manchester City spielt längst wieder. Genau wie Handballer Johannes Bitter. Der Torhüter vom TVB Stuttgart erkrankte vor zwei Monaten. Im Januar startete er mit dem deutschen Team bei der WM in Ägypten.

Für Aufsehen sorgte die Auswechslung des Bundesliga-Fußballers Marin Pongracic vom VfL Wolfsburg kürzlich gegen Union Berlin. „Er hatte große Probleme mit der Luft“, sagte Trainer Oliver Glasner über den Kroaten, der zu Saisonbeginn an Pfeifferschem Drüsenfieber und im November an Corona erkrankt war. Vor seiner Rückkehr in den Spiel- und Trainingsbetrieb sei Pongraic durchgecheckt worden, so Glasner. Er sei ganz offensichtlich aber eben doch nicht 100-prozentig fit.

Kontrovers diskutiert werden schon länger mögliche Corona-Langzeitfolgen für Spitzensportler. Mediziner warnen vor bleibenden Herzschäden. Eine jüngst veröffentlichte Studie aus den USA, für die mehr als 50 positiv getestete Studentenathleten untersucht wurden, kann indes als leichte Entwarnung betrachtet werden. Als Exempel für die Gefahren des Virus dienen Stäbler und Co. aber so oder so. (dpa)

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