TV-Kritik

Neue Krebsmedikamente: Zu komplex für 45 Minuten im TV

Die ARD-Sendung „Markt der Hoffnung“ ging am Montagabend der Frage nach, was eigentlich über neue Krebsmedikamente bekannt ist, die besonders schnell zugelassen werden. Zuschauer ohne erhebliche gesundheitspolitische Vorkenntnisse blieben eher ratloser zurück.

Von Christoph FuhrChristoph Fuhr Veröffentlicht:
Die Dokumentation „Markt der Hoffnung“ lief am Montagabend um 20.15 Uhr in der ARD.

Die Dokumentation „Markt der Hoffnung“ lief am Montagabend um 20.15 Uhr in der ARD.

© ARD

Marion Rink leidet seit vielen Jahren an chronischer lymphatischer Leukämie (CLL). Sie hatte keinen Lebensmut mehr, alles lief schief, doch jetzt sieht sie Licht am Ende des Tunnels. Die 62-Jährige nimmt seit Kurzem ein neues Krebsmedikament. Es hilft, sie verträgt es besser als ein zunächst verordnetes Präparat, ihr Optimismus ist zurück.

„Ich habe meiner kleinen Tochter versprochen, dass ich 80 werde“, sagt sie. Um welches Medikament es sich handelt, verrät die TV-Dokumentation „Markt der Hoffnung“, mit der die ARD am Montagabend den Fokus auf neue Arzneimittel gegen Krebs richtete, leider nicht – obwohl viele Medikamentenamen in der Sendung konkret genannt werden.

Neue Krebsmedikamente sind für Patienten eine große Hoffnung, für die Pharmaindustrie ein profitabler Markt. Was können die neuen Medikamente erreichen? Und wie gut werden sie erforscht, bevor sie auf den Markt kommen?

Wer nicht konzentriert dabei bleibt, ist raus

Ein komplexes und umstrittenes Thema, journalistisch aufbereitet für ein Massenpublikum (ARD-Quote: 1,59 Millionen Zuschauer), schwer verdauliche arzneimittelpolitische Kost zu allerbester Sendezeit um 20.15 Uhr. Wer hier nicht hoch konzentriert dabei ist, der hat schnell den Überblick verloren.

In den 45 Minuten kommen Vertreter aller Organisationen zu Wort, die im Kontext dieses Themas relevante Aussagen machen können: GBA, vfa, EMA, die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), das IQWiG, das Pharmaunternehmen Janssen und Patientenvertreter. Geballte, schnell getaktete Informationen mit Playern im Versorgungsprozess, die völlig unterschiedliche Interessen haben.

Manche greifen an und sehen dringenden Handlungsbedarf, manche mahnen zur Zurückhaltung und kritischer Aufbereitung der Widersprüche, andere wiederum sehen gar keinen Anlass, Abläufe zu verändern.

Beschleunigte Zulassung: Sinnvoll oder nicht?

Ein Thema zum Beispiel: die beschleunigte Zulassung. Damit schwer oder lebensbedrohlich erkrankte Patienten möglichst rasch von neuen Therapien profitieren können, werden Arzneimittel gerade in der Onkologie beschleunigt zugelassen. Ein sinnvolles Verfahren?

Professor Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der AkdÄ, hat dazu eine klare Meinung: „Wir sind in einer Situation, dass wir immer mehr beschleunigt zugelassene Arzneimittel mit immer weniger Sicherheit hinsichtlich des tatsächlichen Nutzens haben“, sagt er. Auch Dr. Thomas Kaiser vom IQWiG meldet Zweifel an: „Da wir leider gar keine Daten dazu haben, ob die neuen Medikamente besser sind als die alten, lässt sich nicht ableiten, ob Patienten tatsächlich davon profitieren.“

Völlig anderer Meinung ist hingegen Dr. Hans-Georg Eichler, medizinischer Leiter der Europäischen Arzneimittelagentur EMA: „Das ist der richtige Weg, dass wir versuchen, Arzneimittel so rasch wie möglich für Patienten zur Verfügung zu stellen.“

Am Ende bleibt Verunsicherung

Drei hochqualifizierte Experten, viele weitere Fragestellungen, viele weitere Spezialisten, und am Ende der Sendung bleiben Zweifel: Das Thema „Neue Krebsmedikamente“ journalistisch mit kontroversen Meinungen aufzubereiten, ist aller Ehren wert und absolut legitim, aber funktioniert das gewählte Format tatsächlich? Lassen sich zwingend nötige Hintergrundinformationen bei all den hochkomplexen arzneimittelpolitischen Fragestellungen in 45 Minuten Sendezeit wirklich kompakt verpacken?

Für Experten unbedingt, für Menschen mit Interesse und ein wenig Hintergrundwissen vielleicht auch. Aber die große Masse an Zuschauern hat dieses Basiswissen nicht – und deshalb bleibt am Ende eigentlich nur Verunsicherung. Was das bedeuten kann, ist uns aktuell in Deutschland mit allen negativen Konsequenzen vertraut: der COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca lässt grüßen.

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