Gesellschaft

Schmerz, der Gefühle von Ohnmacht auslöst

Neuropathische Schmerzen werden von Betroffenen oft als unerträglich wahrgenommen. Fotograf Alex Telfer ist es gelungen, die Schmerzwahrnehmung zu visualisieren.

Von Dirk Schnack Veröffentlicht: 29.09.2011, 05:00 Uhr
Die brennende Puppe steht als Symbol für Probleme, die die schwer schmerzkranke Ulrike hat, wenn sie ihre kleine Tochter betreut.

Die brennende Puppe steht als Symbol für Probleme, die die schwer schmerzkranke Ulrike hat, wenn sie ihre kleine Tochter betreut.

© Alex Telfer

HAMBURG. Nazaré aus Portugal musste wegen unerträglicher Schmerzen Jahre lang auf grundlegende Dinge wie Treppensteigen verzichten. Besuche von Freunden und Verwandten stellte sie ein, weil ihr schmerzendes Bein zu empfindlich geworden war.

Sie schlief in einem anderen Bett als ihr Mann, aus Angst, dass dieser im Schlaf versehentlich ihr Bein berühren könnte.

Die Schmerzen darin beschreibt sie wie die Berührung mit Glassplittern. Bei näherem Hinsehen entdeckt man in Nazarés nachdenklichem Gesicht einen Schatten, den der neuropathische Schmerz auf ihr Leben gelegt hat.

Das Leiden von Patienten mit PNP - in Bildern beschrieben

Fotograf Alex Telfer hat beides, Betroffene und ihre Schmerzwahrnehmung, visualisiert. Der Brite hat sich im Auftrag von Astellas Pharma mit Patienten aus ganz Europa getroffen, sie interviewt und ihre Geschichte fotografisch umgesetzt.

Herausgekommen ist eine Sammlung von Bildern, die das Leiden von Patienten mit PNP (peripheral neuropathic pain) beschreiben. "Das Problem war, die Betroffenen dazu zu bewegen, sich zu öffnen", sagte Teller der "Ärzte Zeitung" am Rande des Schmerzkongresses in Hamburg, wo Astellas Pharma mit seinen Fotos eine Wanderausstellung durch europäische Metropolen startete.

Der vielfach ausgezeichnete Fotokünstler zeigte sich in Hamburg beeindruckt von den Erfahrungen der Betroffenen und von ihrem Umgang mit dem Schmerz. Wie unterschiedlich ihr Empfinden ist, zeigen seine Metaphern, die mal als Schwergewicht, mal als stechende Nägel, Messer oder als Feuer erscheinen. Die Betroffenen kommen aus allen Altersstufen.

Die meisten von ihnen haben längst die Erfahrung gemacht, dass ein normales Leben mit den unsichtbaren Schmerzen kaum möglich ist. Der jungen Mutter etwa gelingt die Betreuung ihrer kleinen Tochter nur sehr schwer, seit die Schmerzen sie nach einer Sprunggelenksoperation nicht mehr losließen.

Eine brennende Puppe beschreibt ihre Wahrnehmung. Klaus dagegen fühlt sich gepeinigt wie unter Elektroschock, wenn die Schmerzen kommen.

Schwer behandelbare komplexe Störung, ein Leben lang

Die als Folge von Nervenschädigungen auftretenden Schmerzen gelten als schwer behandelbare komplexe Störung, die lebenslang bestehen bleiben und sich auch verschlimmern kann. Die Symptome sind unterschiedlich und werden etwa als brennend, stechend oder elektrisierend beschrieben.

Zu diesen Empfindungen können Parästhesie und Dysästhesie zählen, Hyperpathie, Hyperalgesie, Hyperästhesie, Anästhesie oder Allodynie, bei der Schmerzen durch einen Reiz ausgelöst werden, den andere nicht als schmerzhaft empfinden, etwa durch leichte Berührung.

Folge sind nicht selten Depressionen, Angst und Schlafstörungen, auch, weil Außenstehende das Ausmaß der Belastungen meist nicht in vollem Umfang ermessen können. Für Nazaré war der Schmerz keine Einbahnstraße. Nach einer Schmerzbehandlung kann sie heute wieder Dinge tun, die anderen normal erscheinen - an die sie unter Schmerzen aber nicht zu denken wagte.

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