Ausstellung

Vergessen bedeutet Fluch und Segen zugleich

Manches vergessen wir schnell wieder, anderes behalten wir im Gedächtnis: Wozu das jeweils gut ist, zeigt eine Ausstellung im Historischen Museum Frankfurt.

Von Pete Smith Veröffentlicht: 10.06.2019, 05:04 Uhr
Vergessen bedeutet Fluch und Segen zugleich

„Liebespaare ohne Köpfe“: Der Künstler Hans-Peter Feldmann macht das Vergessen von Menschen transparent, indem er auf Fotos die Gesichter herausschneidet.

© (c) Pete Smith

FRANKFURT/MAIN. Es fühle sich an, als ob sie mit einer Videokamera auf ihrer Schulter herumliefe, die jede einzelne Minute ihres Lebens aufzeichne, sagt Jill Price. „Und später kann ich mir auf einem Bildschirm in meinem Kopf die Videos von jedem beliebigen Tag ansehen.“

Die US-Amerikanerin, 1965 in New Jersey geboren, ist eine von weltweit sechs Menschen, bei denen das hyperthymestische Syndrom diagnostiziert worden ist. „Ab dem 5. Februar 1980 erinnere ich mich an alles. Das war ein Dienstag.“

Tatsächlich kann Jill Price seit dieser Zeit jeden x-beliebigen Tag ihres Lebens abrufen und in allen Einzelheiten wiedergeben: was sie gesehen, wen sie getroffen, was sie erlebt und wie sie sich dabei gefühlt hat. Das ist keine Gnade, sondern meist ein Fluch.

Denn jede Enttäuschung, jeder Schmerz und jedes Ärgernis ist für Jill Price heute noch genauso präsent wie vor Jahrzehnten. Mit ihrem Erinnerungszwang setzt Jill Price gleichsam den Kontrapunkt der Sonderausstellung „Vergessen – Warum wir nicht alles erinnern“, die derzeit im Historischen Museum Frankfurt am Main zu sehen ist.

Die interdisziplinäre Perspektive der Schau beleuchtet die vielfältigen Dimensionen des Vergessens (und Erinnerns) und vereint dabei Erkenntnisse aus Neurowissenschaft, Psychoanalyse, Sozialwissenschaft, Kulturgeschichte und Kunst.

Damm gegen das Vergessen

Das Gedächtnis scheidet das Bedeutende vom Belanglosen, das Notwendige vom Beliebigen. Wenn sich Menschen erinnern, fügen sie Vergangenes in einen Rahmen und weisen ihm eine Bedeutung zu. Was ihnen Anerkennung bringt, erzählen sie weiter, was dem Selbstbildnis widerspricht, wird vergessen und verschwiegen.

Jill Price ist diese Fähigkeit abhandengekommen. Ihr episodisches Gedächtnis ist viel stärker ausgeprägt als bei anderen Menschen. Um die Flut ihrer Erinnerungen zu ordnen und zu verarbeiten, schreibt sie Tagebuch und sammelt Erinnerungsstücke wie selbst gebastelte Figuren aus Pappmaché, Fotos, Briefe, Kleidungsstücke oder Handtaschen, von denen die Frankfurter Ausstellung einige zeigt.

Auch Ulrich Fritz bewahrt Erinnerungen auf – im Unterschied zu Jill Price geht es dem 1939 in Essen geborenen Rentner jedoch darum, einen Damm gegen das Vergessen zu errichten und seine Vergangenheit gleichsam zu konservieren.

Sein „Lebens-Erinnerungs-Konvolut“, das zu Teilen in der Frankfurter Schau zu bestaunen ist, besteht aus Tagebüchern, Taschen- und Tischkalendern, privater und geschäftlicher Post, Fotografien, Einladungen zu Vernissagen, Informationen über Kunstausstellungen und Filme, Unterlagen von Reisen, Verpackungen, Werbedrucksachen und vielem mehr.

Generationen-Gedächtnis wird zum Leben erweckt

Fritz hat eigenen Aussagen zufolge im Alter von zehn Jahren damit begonnen, seine Post aufzubewahren und mit 58 Jahren angefangen, das im Laufe der Jahrzehnte angesammelte Material zu ordnen und zu archivieren, indem er alle Dokumente in säurefreie Kartons verpackte, welche er fein säuberlich datierte.

Warum er sein Leben auf diese Weise sammelt? „Um das beruhigende Gefühl zu haben, ich könnte so in meine Vergangenheit wieder einsteigen – wenn ich wollte.“

Neben den sehr persönlichen Erinnerungen gibt es auch solche, die wir mit vielen anderen teilen. Die Zeit, in der wir aufwachsen, die Gesellschaft, in die wir hineingeboren werden, unsere Familie, unsere Kultur und unsere Nation bieten unserer Erinnerung Orientierung, sie bestimmen aber auch, welche Inhalte erwünscht und welche ausgeschlossen sind.

Das Historische Museum Frankfurt erweckt das Generationen-Gedächtnis zum Leben, indem es zeittypische Exponate zusammenträgt, bei deren Anblick Ausstellungsbesucher mit einem Mal zu lächeln beginnen, in Erinnerungen schwelgen oder ins Erzählen geraten.

Zu diesen Ausstellungsstücken gehören beispielsweise ein 1953 von der Firma Steiff gefertigter Meckie, eine sieben Jahre später entstandene Barbiepuppe von Mattel, ein Playmobil-Ritter von 1974, ein Zauberwürfel der Firma Ideal Toy & Rubik von 1980, ein Commodore C64 von 1982, ein Game Boy Classic von 1990, ein 1998 produzierter iMac von Apple sowie ein DDR-Retro-Eierbecher von 2017.

Eine aus einem 1927 erbauten Haus des Architekten Ernst May stammende Schlafzimmertür haben zwei Geschwister in den 1980er Jahren komplett mit Symbolen der Friedens- und Umweltbewegung beklebt – auch das eine Reise in eine bewegte Zeit.

Ein Herz für Nippes

Ob Spielzeuge, Alltags- oder Gebrauchsgegenstände – sie alle wecken Erinnerungen in uns, weshalb wir unser Herz an Nippes hängen und Dingen einen Wert beimessen, den sie objektiv nicht haben. Bevor die Massenproduktion unserer Tage Gebrauchsutensilien zu Wegwerfartikeln verkommen ließ, besaßen viele Alltagsgegenstände wirklich einen Wert.

Kaum jemand gäbe heute eine Anzeige für ein Paar verlorener Kinderschuhe auf! Im Unterschied dazu wird auf einer von 1843 stammenden Fundsachenliste en détail ein Taschentuch beschrieben, damit es zum Eigentümer zurückfinde.

Um diesen Bewusstseinswandel transparent zu machen, hat das Ausstellungsteam Gebrauchsartikel früherer Tage zusammengetragen, die ihre Besitzer einst tatsächlich geschätzt haben – Fingerhandschuhe von 1838, bestickt mit dem Monogramm „K.W.“, einen Schlüssel mit Hängeschloss aus dem 18. Jahrhundert, einen roten Regenschirm von 1840 und Kinderschuhe von 1835 aus Saffianleder und Seide.

Auf einem sogenannten Intelligenzblatt vom 1. Januar 1874 künden Anzeigen davon, was die einen vermissen und andere irgendwo fanden.

Ablenkungen des Alltags

Solche Anzeigen sind aus unserer Lebenswirklichkeit nahezu vollständig verschwunden. Dabei wird heutzutage so viel vergessen, verloren oder liegen gelassen wie niemals zuvor.

Das hat nicht zuletzt mit den vielfältigen Ablenkungen unseres Alltags zu tun sowie der Tatsache, dass unsere Aufmerksamkeit ungeachtet der oft besungenen Multitasking-Heroen allzu begrenzt ist.

In der Hektik geht buchstäblich vieles verloren. Nirgendwo zeigt sich das so eindrücklich wie am Frankfurter Flughafen, der im vergangenen Jahr mehr als 69 Millionen Passagiere zählte. Was sie vergessen, landet im Fundbüro der Betreibergesellschaft des Flughafens, beispielsweise zehn bis 15 Laptops pro Tag.

Die Sonderschau im Historischen Museum zeigt „1,5 Kubikmeter Fundsachen“ der Fraport AG – Taschen, Koffer, Schuhe, Kosmetikbeutel, Ketten, Brillen, Schals, Kinderbücher, Smartphones, Laptops, Ladekabel.

Mit der Industrialisierung begann um 1800 die Beschleunigung unseres Lebens, was sich in unserer Fortbewegung und Kommunikation ebenso manifestiert wie in unserer Arbeitswelt und unserer Freizeit. Die Fotografie, einst als Medium der Erinnerung entwickelt, ist ebenso Medium des Vergessens.

Denn während die Kamera das eine Motiv fokussiert, blendet sie notwendigerweise ein anderes aus. Fotos dokumentierten lange Zeit die schönsten Augenblicke und wichtigsten Ereignisse im Leben einer Familie; heute kämpfen wir uns täglich durch eine digitale Flut von Bildern, die jegliche Bedeutung verloren haben.

Während wir früher aus den Bruchstücken unserer Erinnerung unser Selbstbild zusammengesetzt haben, knipsen wir heute ein cooles Selfie und ersetzen es im nächsten Moment durch ein anderes, das uns noch cooler erscheinen lässt.

Kollektives Mahnmal

„Vergessen – Warum wir nicht alles erinnern“

  • Sonderausstellung im Historischen Museum Frankfurt, Saalhof 1, 60311 Frankfurt am Main, Telefon (069) 21 23 51 54 (Besucherservice), E-Mail: besucherservice@historisches-museum-frankfurt.de.
  • Öffnungszeiten: dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs von 10 bis 21 Uhr, samstags und sonntags von 11 bis 19 Uhr. Eintritt: 10 Euro, ermäßigt 5 Euro. Die Ausstellung ist bis zum 14. Juli 2019 zu sehen.

Im digitalen Zeitalter ist es nahezu unmöglich geworden, ein Andenken zu löschen. Mit dieser als Damnatio memoriae, Verdammung des Andenkens, bekannten Praxis versuchen Despoten seit jeher, missliebige Personen oder Gruppen aus dem kollektiven Gedächtnis zu tilgen, darunter ägyptische Pharaonen, römische Kaiser und zeitgenössische Diktatoren wie Josef Stalin oder Kim Jong-un.

Wohl am eindrucksvollsten zeigte sich dies im tschechischen Lidice, wo deutsche Polizisten im Auftrag der SS am 10. Juni 1942 und in den Tagen danach alle männlichen Bewohner ermordeten, die Frauen ins KZ transportierten, die Kinder zur Adoption freigaben, das Dorf niederbrannten, die verkohlten Ruinen sprengten, das Gelände einebneten, meterhoch Mutterboden aufschütteten, Bäume und Sträucher pflanzten und den Lauf eines Flusses veränderten – damit fortan nichts mehr an Lidice erinnere.

 Heute ist es das Nichts, das an den Ort erinnert, eine Blöße, die zum kollektiven Mahnmal gerann.

„Am Ende meines Lebens werde ich mich an alles erinnern“, erklärte der 2016 gestorbene italienische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Umberto Eco in einem Interview und zeigte sich überzeugt davon, dass er im Alter auch den Dialekt seiner Jugend wieder würde sprechen können.

Eco hat sich zeit seines Lebens mit der Erinnerung und dem Vergessen befasst und dazu seine eigenen Theorien entwickelte. Für Reaktionäre, meinte er, sei die „statische Form der Erinnerung“ typisch, Revolutionäre dagegen versuchten, Erinnerungen auszulöschen.

Solche und weitere Weisheiten äußerte Eco in einem Gespräch („Sulla Memoria“), das Davide Ferrario für den Italienischen Pavillon der Biennale Arte de Venezia ein Jahr vor dem Tod des italienischen Autors aufgezeichnet hat und das sich Besucher der Frankfurter Ausstellung ansehen können.

Erinnerungen beim Blick auf Alltagsgegenstände

In Deutschland sind derzeit 1,7 Millionen Menschen an einer Demenz erkrankt, die meisten davon an Alzheimer. Schätzungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft zufolge kommen jährlich 300.000 Neuerkrankungen hinzu, sodass im Jahr 2050 voraussichtlich drei Millionen Bundesbürger mit einer Demenz leben.

In der Vorbereitung zur aktuellen Ausstellung „Vergessen“ organisierten das Historische Museum und das Bürgerinstitut Treffen von Menschen mit leichter Demenz in kleinen Gruppen. Vorbilder hierfür waren das House of Memories in Liverpool und das Huis van Alijn im belgischen Gent. Dort geben Objekte und Bilder aus den Museumssammlungen Anlass für autobiografisches Erzählen.

Alltagsgegenstände des 20. Jahrhunderts aus der Sammlung des Historischen Museums boten den Beteiligten Anknüpfungspunkte für Erinnerungen und das Erzählen ihrer eigenen Geschichte.

Daraus entstand das sogenannte Reminiszenz-Projekt, das aktuelle in einem Teil der Sonderausstellung „Vergessen“ präsentiert wird. Über Kopfhörer kann man den Erzählungen einiger Teilnehmer lauschen.

Herr W. beispielsweise spricht über seine Erinnerungen an Eintracht Frankfurt und die Bedeutung, die dieser Verein für seine gesamte Familie hat. Herr R. erinnert sich an den Tag, als sein Vater die Bohnenschnibbelmaschine motorisierte, und erklärt die Funktion eines Henkelmanns. Herr B.-Z. schließlich ließ sich durch einen Bonbon-Automaten und eine Van-Melle-Dose in seine Kindheit versetzen. Dadurch erinnerte er sich beispielsweise an die Einkäufe beim ortsansässigen Lebensmittelhändler in den 1950er Jahren. (smi)

Lesen Sie dazu auch: Ausstellung: Auf der Suche nach neuem und altem Hirn

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