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Was Adolf Hitler in einem französischen Kirchenfenster verloren hat

Die Geschichte der Gabriele Thieme-Kütemeyer: Eine Ärztin, die nach dem Staatsexamen erst einmal Kirchenfenster entwirft – und später am Bodensee landet.

Von Michael Kuderna Veröffentlicht:
Die Pfarr- und Wallfahrtskirche im lothringischen Dorf Vasperviller erinnert nicht nur durch das geneigte Dach an die berühmte Le-Corbusier-Kirche in Ronchamp.

Die Pfarr- und Wallfahrtskirche im lothringischen Dorf Vasperviller erinnert nicht nur durch das geneigte Dach an die berühmte Le-Corbusier-Kirche in Ronchamp.

© Michael Kuderna

Was hat Hitler auf einem Glasfenster einer deutschen Protestantin und angehenden Ärztin in einer katholischen Kirche in Frankreich verloren? Und wie ist es möglich, dass in dem kleinen Dorf Vasperviller in den 60er Jahren ein großartiges, wenn auch immer noch weithin unbekanntes sakrales Kunstwerk entstanden ist, dessen Schöpfer kaum Spuren in Architekturführern hinterlassen hat?

„Ich lebe in Noumea und suchte die Schönheit im Pazifik, habe sie aber hier gefunden, in dieser Kirche“ – mag uns nüchternen Europäern die überschwängliche Begeisterung eines Besuchers aus dem französischen Überseegebiet Neukaledonien doch übertrieben erscheinen, so ist sie aber nicht ganz ohne Fundament.

Nähert man sich entlang der „Roten Saar“ durch eine liebliche Wald- und Hügellandschaft dem 300-Seelen-Dorf, so erblickt man zunächst einen massiven Turm, der von weitem eher einem Silo ähnelt als dem Zeichengeber einer der Heiligen Therese von Lisieux gewidmeten Pfarr- und Wallfahrtskirche.

Doch beim Näherkommen – eine Gesamtansicht aus der Ferne bleibt wegen der benachbarten Häuser und Bäume auf wenige Stellen beschränkt – überrascht ein auf zwei Seiten abgerundeter, weiß gekalkter Bau, der nicht nur durch das geneigte Dach sofort Assoziationen mit der berühmten Le-Corbusier-Kirche in Ronchamp hervorruft.

Gewollte Schlichtheit

Die eigentliche Überraschung folgt dann aber im Inneren. Ein großzügiger und trotz Lichtdämpfung durch Holzstämme heller Raum, eine klare Formensprache und eine gewollte Schlichtheit bewirkt ein Gefühl von Ruhe, Sammlung und Harmonie.

Der aus Ludwigshafen stammende Architekt Karl Litzenburger (1912 – 1997) setzte virtuos die Einsicht vieler moderner Kirchenbaumeister um, dass die Gemeinschaft der Gläubigen wie jeder lebendige Körper nur in asymmetrischen Gebilden ihren wahren Ausdruck finden könne. Gleichzeitig vermied er es, durch Verspieltheit oder Exzentrik die Konzentration auf die religiöse Funktion zu verlieren.

Litzenburger war, wie die noch lebenden Zeitzeugen unisono bestätigen, die zentrale Persönlichkeit des Neubaus, ein Laie mit großem theologischem Tiefgang und privater Bescheidenheit. Er war neben dem an moderner sakraler Kunst hochinteressierten Ortspfarrer nicht nur Ideengeber und Planer, sondern hat sich auch um jedes Ausstattungsdetail selbst gekümmert.

So entwarf er auch das Mobiliar, leitete die Handwerker an und entdeckte die künstlerischen Fähigkeiten einer jungen Frau, die gerade ihr Medizinstudium abgeschlossen hatte. Zufall? Schicksal? Auf jeden Fall ein gutes Beispiel, wie vernetzt und „klein“ die Welt manchmal ist.

Der Vater – ein rebellischer Geist

Gabriele Kütemeyer wuchs in Heidelberg auf, ihr Vater Wilhelm war Philosoph, Kierkegaard-Interpret, Schriftsteller und zeitlebens ein rebellischer Geist. Nach mehrwöchiger Nazi-Haft floh er aus Berlin, fing in Freiburg ein Medizin-Studium an, wurde Assistent von Viktor von Weizsäcker in Heidelberg, Mitbegründer der anthropologischen Medizin und trotz heftiger Anfeindungen Honorarprofessor.

Noch während des Krieges kreuzte sich in Widerstandskreisen sein Weg mit dem jungen Litzenburger, der bald nach seinem Studium nach Frankreich ging, in Metz heiratete und von Krieg und Nazi-Herrschaft zutiefst angewidert war.

Die französischen Behörden verweigerten dem jungen Diplom-Ingenieur jedoch die Anerkennung als freier Architekt. So verdiente sich Litzenburger sein Geld, in dem er als Angestellter Pläne für Wohnhäuser ausarbeitete. Doch in den 50er Jahren wurde er von einem Komitee aus dem Nachbardorf angesprochen, ob er eine Kirche bauen wolle.

Der Wunsch ging auf ein Gelübde zurück, das drei Soldaten im Schützengraben abgelegt hatten. Danach gingen noch zehn Jahre für Planungen, Bettelaktionen und Überzeugungsarbeit ins Land, bis 1967 endlich der Bau begann.

Das Gelübde dreier Soldaten

Die lange Vorlaufzeit hatte aber auch ihr Gutes: Die treibenden Kräfte hinter dem Projekt – Pfarrer, Lehrer, Bürgermeister, Baumeister, Statiker, aktive Gemeindemitglieder – studierten mehr als 100 Kirchen und verfeinerten ihre Ideen immer mehr. Kulturminister André Malraux war von dem Vorhaben so angetan, dass er Widerstände aus dem Weg räumte und für Litzenburger auch ohne französisches Diplom die volle Berufsfreiheit erwirkte.

Ein weiterer glücklicher Umstand: Das Konzil stellte mit seiner Liturgiereform 1963 die Gemeinde in den Mittelpunkt und befreite damit den Sakralbau auch theologisch von seinen bisherigen Fesseln.

In Vasperviller kann man einige Konsequenzen daraus sehen: Der Altar steht nicht mehr örtlich, sondern nur noch vom Raumgefühl her im Zentrum, es gibt keine Kanzel mehr, nichts ist überladen, alles ordnet sich dem Gesamtprogramm von Kommunikation und religiöser Sammlung unter. Und doch stechen zwei Bauteile trotz ihrer Einbindung in das harmonische Ganze besonders hervor.

Ensemble mit Strahlkraft

Betritt man die Kirche, wird man von einem angenehm milden Licht mit verschiedenen Farbtönen empfangen. Quelle sind 17 Bleiglasfenster, die in unregelmäßiger Größe die Wand durchbrechen. Schon beim ersten Hinsehen beeindruckt das Ensemble sowohl durch seine Strahlkraft als auch durch seine Motive. Roter Faden ist der Stammbaum Jesu, wobei von Abraham mit Sarah und Hagar bis zur Fußwaschung durch Maria Magdalena häufig Frauen die biblischen Geschichten vermitteln.

„Am Anfang bin ich durch Frankreich gefahren und habe mir Kirchenfenster angesehen“, erzählt Gabriele Kütemeyer. Wie ist sie als damals junge Frau zur Künstlerin auf Zeit geworden? „Ich hatte gerade Staatsexamen gemacht und keine Lust, sofort in die Klinik zu gehen“, erinnert sich die heute am Bodensee lebende Medizinerin.

Da kam das Angebot von Litzenburger gerade recht. „Solche Fenster will ich haben“ – so seine spontane Reaktion, als er bei einem seiner Besuche in ihrem Elternhaus einen Holzschnitt von ihr gesehen hatte. Zwar hatten sie und ihre Schwester Malunterricht bei der Bauhaus-Schülerin Margit Téry-Buschmann, doch hielt sie sich selbst nicht für so begabt und scheut sich noch heute, sich auch als „Künstlerin“ zu bezeichnen.

Zögerlich machte sie sich an das Studium des Alten Testaments. Statt der befürchteten Langeweile traf sie auf einen Text „spannend wie einen Kriminalroman“. Und so verfertigte sie unter diesem Eindruck ihre Entwürfe, die dann in die Fensternischen gestellt und mit den Dorfbewohnern diskutiert wurden. Nach diesen Vorlagen wurden dann die Glaselemente in einer Spezialfirma in Saint-Avold geschnitten und schließlich von ihr mit Bleilegierungen bemalt.

Hitler im Fenster

Neben dem tanzenden König David oder der schwangeren Rebecca fügte sie auch Adolf Hitler in die biblischen Szenen ein und schlug damit eine Brücke zur Zeitgeschichte. „Auf die Idee kam ich, weil mein Vater von „Götzenanbetung“ in der NS-Zeit sprach“, erinnert sich Kütemeyer.

So sieht man die Hitler-Büste unter den Idolen, die Rachel ihrem Vater stiehlt (Genesis 31) – für die Künstlerin „ein herzhaft heroischer Akt“. Zwar erscheint Hitler auch in Graz und Landshut in Kirchenbildern unter den Peinigern Jesu, doch der Bezug zum Alten Testament in Vasperviller dürfte einmalig sein.

Kütemeyer erhielt wie die meisten Mitarbeiter keine Bezahlung. Die Kirche wurde im Wesentlichen auf der Basis von ehrenamtlicher Arbeit und Spenden errichtet, zugunsten lokaler Handwerker verzichtete man auf Profi-Künstler verwendete einheimisches, teilweise gar wiederverwertetes Material. Mehr als ein Einfamilienhaus dürfe es nicht kosten, war die Devise in dem kleinen Ort.

Und noch etwas macht das Bauwerk so besonders: die ökumenische Ausrichtung, die in einer architektonischen Finesse aufgegriffen wird – dem „Turm in der Kirche“, auf den Litzenburger besonders stolz war. In Weiterentwicklung von Ronchamp bezog er eine kleine ellipsoide Kapelle organisch in das Gebäude ein.

Der Raum wächst hier dank des über fast die ganze Kirche gespannten, stark geschrägten Daches auf etwa zwölf Meter Höhe an, durch die Fenster und dem Glasbaustein eines kleinen Oculus fällt rötliches Licht und verdichtet die meditative Atmosphäre.

Neben einer Heiligenstatue und dem Tabernakel beherbergt er ein Mahnmal für drei „Heilige“ der Neuzeit: ein Stahl-Relief mit den Namen, Geburts- und Sterbedaten eines katholischen Priesters, eines Mennoniten und eines Juden aus der Gegend. Ein Beil, eine Schlinge und eine Gaskammer entreißen ihr Märtyrertum dem Vergessen.

Einmaliges Projekt in der Provinz

Viel gäbe es in der in der ungewöhnlichen Kirche noch zu entdecken. Ihr geringer Bekanntheitsgrad mag auch damit zusammenhängen, dass sich alle Beteiligten selbst nicht so wichtig nahmen und es bei dem einen Werk mitten in der Provinz beließen. Immerhin wurde sie 2017 vom Staat in die Liste bedeutender zeitgenössischer Architektur aufgenommen.

Der Architekt baute danach weiter Wohnhäuser, der Ingenieur kümmerte sich wieder um seine Firma, der damalige Bauunternehmer lebt neben der Kirche und engagiert sich noch als Vorsitzender des Verwaltungsrats um die Erhaltung, der Stahlkünstler wanderte später nach Amerika aus und die vielen Handwerker gingen wieder ihren gewohnten Tätigkeiten nach.

Gabriele Kütemeyer bildete sich in der Schweiz zur Psychotherapeutin fort. Im Rückblick bezeichnet sie das Jahr als Künstlerin als „Geschenk“. Die Erfahrungen seien ihr auch in ihrer Arbeit – etwa bei Malgruppen mit seelisch kranken Patienten – zu Gute gekommen.

Noch heute findet sie es erstaunlich, dass die arme Landbevölkerung in Vasperviller ein solches Gemeinschaftswerk zustande gebracht und den modernen Stil akzeptiert hat.

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