Sportmediziner Simon im Interview

„Wer gegen Doping vorgeht, wird bestraft“

Viel Frust, wenig Hoffnung. So ist die Gemütslage vieler Anti-Doping-Kämpfer.

Von Heidi Niemann Veröffentlicht:
Hat sich mittlerweile frustriert weitgehend aus dem Anti-Doping-Kampf verabschiedet: Perikles Simon.

Hat sich mittlerweile frustriert weitgehend aus dem Anti-Doping-Kampf verabschiedet: Perikles Simon.

© Heidi Niemann

Das Thema „Doping im Spitzensport“ beleuchtete der Sportmediziner Professor Perikles Simon von der Universität Mainz. Eigentlich wolle er sich gar nicht mehr zu diesem Thema äußern, sagte der bundesweit bekannte Doping-Experte.

Simon hat sich in seinen Forschungen intensiv mit dem Thema Doping im Spitzensport beschäftigt.und war auch mehrere Jahre Mitglied im Gene Doping Panel der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA).

Vor allem eine Studie des Doping-Experten erregte großes Aufsehen: Gemeinsam mit einer internationalen Forschergruppe hatte er im Auftrag der Weltantidopingagentur (WADA) Spitzensportler befragt, die 2011 an der Leichtathletik-WM teilgenommen hatten. Die Studie ergab, dass rund 40 Prozent der Top-Athleten gedopt waren.

Schlechtes Kontrollsystem

Simon machte in seinem Vortrag vor allem seinem Ärger Luft. Er zeigte sich frustriert über den mangelnden Willen der Sportverbände im Anti-Doping-Kampf. „Will ich Doping bekämpfen? Und wie viele Medaillen kostet das?“, fragte er.

Simon kritisierte die zwielichtige Rolle mancher Funktionäre: „Der Funktionär, der dreckige Proben beiseiteschafft, schadet sauberen Athleten.“ Der Sportmediziner prangerte zudem die Ineffektivität des Kontrollsystems an, das jede Menge falsche Ergebnisse liefere.

Das Doping-Kontrollsystem müsse neu strukturiert werden, forderte er. Es rege ihn auf, dass die Behörden nichts gegen Doping im Freizeitsport unternähmen. Jeder fünfte männliche Besucher eines Fitnessstudios nehme Anabolika, in 50 Prozent der Fälle kämen die Substanzen aus dem Gesundheitssystem. Dies sei ein Politikum.

Doping ist insbesondere deshalb im Spitzensport so verbreitet, weil es sich finanziell lohnt: Diese These vertrat der Mitbegründer der Anti-Doping-Kommission des Deutschen Sportbundes, Professor Wolfgang Maennig.

Der einstige Olympiasieger im Rudern und heutige Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Hamburg machte deutlich, dass der Entscheidung für das Dopen auch ein ökonomisches Kalkül zugrunde liege: „Doping-Persönlichkeiten“ wie etwa Jan Ullrich oder Lance Armstrong seien immer auch „pekuniär getrieben“.

Doping müsse daher mit hohen Geldstrafen geahndet werden. Maennig regte zudem ein Pensionssystem an: Sportler sollten zunächst nur die Hälfte ihrer Sieg- und Antrittsprämien erhalten. Der Rest sollte erst nach Karriereende und auch nur dann ausgezahlt werden, wenn kein Dopingvergehen festgestellt wurde.

Negative Anreizsysteme

Professor Gerhard Treutlein, der als Mitglied der Evaluierungskommission mit der Untersuchung der Doping-Verstrickungen von Sportmedizinern am Uni-Klinikum Freiburg beauftragt war, kritisierte die inkonsequente Haltung bei der Doping-Bekämpfung: „Der Wille zu einer effektiven Bekämpfung von Doping fehlt.“

Der Leiter des Zentrums für Doping-Prävention an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg monierte, dass im Leistungssport immer noch „das klassische negative Anreizsystem“ vorherrsche: „Subventionen gibt es nur, wenn Medaillen produziert werden, und nicht für den Kampf gegen Doping.“

So habe beispielsweise der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière einmal die Erwartung geäußert, dass die deutschen Sportler bei den Olympischen Spielen 2020 ein Drittel mehr Medaillen holen sollten.

Nach Ansicht des Sportpädagogen setzen Politiker damit ein falsches Signal: „Wer effektiv gegen Doping vorgeht, wird bestraft.“ Nur ein humaner und dopingfreier Sport sei förderungswürdig.

Nach Ansicht von Treutlein bringen die gängigen Präventionskonzepte nur wenig: „Abschreckung, Aufklärung und moralisierende Belehrung – das nützt alles nichts.“

Dopingprävention müsse vielmehr im persönlichen Umfeld ansetzen. Das beste Mittel, um die Entwicklung einer Dopingmentalität zu verhindern, seien positive Vorbilder und eine entsprechende mentale Unterstützung durch Eltern, Lehrer, Trainer und Spitzensportler im Verein.

Treutlein plädierte für die Ausbildung von Präventionsfachleuten, die auch darauf hinwirken, dass sich Sportler aktiv mit der Problematik auseinandersetzen: „Wenn wir mündige Sportler haben möchten, müssen sie lernen zu reflektieren und zu argumentieren: Wie reagiere ich, wenn jemand anderes dopt? Wie treffe ich sinnvolle Entscheidungen? Es muss ein Bewusstsein entstehen, dass man selbst verantwortlich für seine Entscheidung ist.“

Lesen Sie dazu auch: Jagd nach dem Körperideal: Doping nicht nur im Spitzensport

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