Pandemie-Zeiten

Wie Politiker die Empathie der Bürger steigern können

Die Bürger in Europa verhalten sich in der Corona-Pandemie mehrheitlich solidarisch und empathisch, heißt es in einer Bertelsmann-Studie. Entscheidend dafür ist auch der Ton, in dem Politiker öffentliche Debatten führen.

Von Christian BenekerChristian Beneker Veröffentlicht:
Ein neuer Umgang: Wurde in der Staatsschulden-Krise noch vielfach nach Schuldigen gesucht, so steht Europa heute für
solidarisches Handeln und für Empathie. Doch hier gibt es Unterschiede zwischen den EU-Ländern.

Ein neuer Umgang: Wurde in der Staatsschulden-Krise noch vielfach nach Schuldigen gesucht, so steht Europa heute für solidarisches Handeln und für Empathie. Doch hier gibt es Unterschiede zwischen den EU-Ländern.

© Christian Ohde /dpa

Gütersloh. Glaubt man der jüngsten Studie der Bertelsmann Stiftung zum Thema Empathie und Corona in Europa, so sind die Europäer solidarisch und empathisch, wenn es etwa darum geht, die Verhaltensregeln zur Corona-Prävention einzuhalten.

Die Initiatoren der jüngsten eupinions-Studie hatten rund 13.000 EU-Bürger befragt und sie gebeten, fünf Aussagen zu bewerten, um die eigene Empathie einzuschätzen, und zwar zwischen „1“ für „mir sehr ähnlich“ bis „5“ für „mir überhaupt nicht ähnlich.“ Die Aussagen lauteten:

1. Ich empfinde oft Mitgefühl mit Menschen, die weniger Glück haben als ich.

2. Es tut mir nicht immer leid, wenn andere Menschen Probleme haben.

3. Das Unglück anderer Leute stört mich normalerweise nicht sonderlich.

4. Ich bin oft ziemlich gerührt von Ereignissen, die um mich herum passieren.

5. Ich würde mich selbst als weichherzige Person bezeichnen.

Tatsächlich hat die Befragung ergeben, dass 55 Prozent der Teilnehmer generell hohe Empathie zeigen. In südlichen Ländern wie Spanien (65 Prozent) oder Italien (66 Prozent) ist die Empathie sogar noch deutlicher ausgeprägt als in den nördlichen Ländern, so die Studie.

Aus der Euro-Krise gelernt

Überträgt man die Ergebnisse auf die Rolle, die die EU in der Pandemie spielen soll, so zeigt sich: Die Mehrheit der Europäer ist der der Ansicht, dass kein Land für das Virus verantwortlich gemacht werden kann (72 Prozent).

Dass die EU bei künftigen Gesundheitskrisen eine größere Rolle spielen sollte (89 Prozent). Dass die europäischen Länder enger zusammenarbeiten sollten (91 Prozent) und dass kein einzelner EU-Mitgliedstaat die Pandemie allein bewältigen kann (53 Prozent).

„Der politische Umgang mit der Corona-Krise zeigt, dass man seit der Euro-Krise gelernt hat“, sagt Isabell Hoffmann, Mitautorin der Studie der „Ärzte Zeitung“. „Noch in der Euro-Krise wurden Schuldige gesucht, Stichwort: Griechenland. Schuldige, die dann darauf hingewiesen wurden, dass sie ihre „Hausaufgaben“ nicht gemacht hätten.“

Konfrontativer Showdown

Hoffmann spricht von einem „konfrontativen Showdown“, in den auch die Politik und Bevölkerung während der Euro-Krise geraten waren. „Ein Showdown, der viel Zeit, Vertrauen und Geld gekostet hat“, so Hoffmann. „Da kann man heute sagen, dass die Bereitschaft, empathisch miteinander umzugehen im Umgangston und der Problemanalyse sich deutlich geändert hat.“

Isabell Hoffmann, Mitautorin der Studie der Bertelsmann Stiftung

Isabell Hoffmann, Mitautorin der Studie der Bertelsmann Stiftung

© Gesine Born

Empathie wirkt sich offenbar auch auf mehr oder weniger rücksichtsvolles Verhalten aus. „So geben 61 Prozent der Personen mit einem hohen Maß an Empathie an, jederzeit bereit zu sein, sich an die COVID-19-Regeln ihrer Regierung zu halten, während nur 45 Prozent der Personen mit einem geringen Maß an Empathie dasselbe angeben“, heißt es in der Studie.

Politische Einstellung ist relevant

Außerdem ergab die Studie, dass Empathie nicht nur mit der Nationalität korreliert, sondern auch mit der politischen Einstellung der Befragten. Bei Parteien rechts der Mitte ist Empathie danach mit 50 Prozent geringer ausgeprägt als bei Sympathisanten von Parteien links der Mitte mit 61 Prozent.

Allerdings spielt die politische Haltung beim Corona-bezogenen Gesundheitsverhalten kaum eine Rolle. Die Anhänger von rechts- oder linkspopulistischen Parteien unterschieden sich beim Gesundheitsverhalten, wie der Verwendung von Masken, kaum von Anhängern der Mainstream-Parteien.

Für Hoffmann ist Empathie „eine Möglichkeit, die Bereitschaft der Menschen zu erklären, in ein kollektives Gut zu investieren, auch ohne einen sofortigen persönlichen Vorteil zu erreichen.“ Empathie habe einen guten Ruf. Zugleich habe sie auch eine dunkle Seite und die Tendenz, sich vor allem „auf Menschen zu richten, die uns ähnlich sind“. Je fremder der andere, umso schwerer die Empathie.

Empathisches Verhalten trainierbar

Die Forschung zeige, dass empathisches Verhalten trainiert und initiiert werden kann. „In experimentellen Situationen zeigten Testpersonen eher empathisches Verhalten, wenn sie auf eine bestimmte Art und Weise aktiviert wurden“, resümiert die Studie. „Was bedeutet das für das politische Leben? Es bedeutet, dass Worte wichtig sind, dass Sprache, dass Vorbildfunktion wichtig ist“, sagt Hoffmann.

Damit tragen Politiker „eine besondere Verantwortung. Denn sie haben die Wahl, mit ihrem Stil und ihrer Rhetorik den Ton der öffentlichen Debatte zu setzen und damit auch die Haltung der Bevölkerung maßgeblich zu beeinflussen“, erklärt die Sozialwissenschaftlerin.

Politiker haben die Wahl, mit ihrem Stil und ihrer Rhetorik den Ton der öffentlichen Debatte zu setzen und damit auch die Haltung der Bevölkerung maßgeblich zu beeinflussen.

Isabell Hoffmann, Mitautorin der Studie der Bertelsmann Stiftung

Politiker täten gut daran, Empathie-Effekte klug einzusetzen. Der Einsatz von Empathie oder eben ihr Fehlen zeige sich derzeit zum Beispiel darin, wie im Zuge der Corona-Diskussionen über vulnerable Gruppen gesprochen wird, etwa über Bewohner von Pflegeheimen.

In ihrer Regierungserklärung vom 26. November führte Bundeskanzlerin Angela Merkel den Empathie-Effekt vor. 27 Millionen Menschen in Deutschland gehörten zu den vulnerablen Gruppen, die durch das Coronavirus besonders gefährdet sind, sagte die Kanzlerin vor dem Bundestag.

Man dürfe diese Gruppe nicht einfach von anderen Menschen isolieren, um Ansteckungen zu verhindern, so Merkel: „Das wird es bei uns nicht geben, und ich halte es auch nicht für ethisch vertretbar.“

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