Katastrophenhilfe im Libanon

Wie deutsche Hilfsorganisationen in Beirut die Not lindern

Die Grundversorgung der Menschen in der libanesischen Hauptstadt Beirut sei mittlerweile gewährleistet, heißt es. Trotzdem fehlt es an Medikamenten und Nahrungsmitteln. Auch die steigenden SARS-CoV-2-Infektionen bereiten Sorgen.

Von Pete Smith Veröffentlicht: 12.08.2020, 15:31 Uhr
Ein deutscher Zivilschutz-Helfer und sein Hund inspizieren Trümmer am Ort der massiven Explosion im Hafen von Beirut. Mehrere deutsche Hilfsorganisationen sind zur Zeit in der libanesischen Hauptstadt tätig.

Ein deutscher Zivilschutz-Helfer und sein Hund inspizieren Trümmer am Ort der massiven Explosion im Hafen von Beirut. Mehrere deutsche Hilfsorganisationen sind zur Zeit in der libanesischen Hauptstadt tätig.

© Marwan Naamani / dpa / picture alliance

Beirut. Gut eine Woche nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut ist die Lage in der libanesischen Hauptstadt weiterhin dramatisch. Viele Krankenhäuser sind beschädigt, es fehlt an Medikamenten, Trinkwasser und Nahrungsmitteln, die Zahl der SARS-CoV-2-Infektionen steigt rapide und viele Menschen, vor allem Kinder, sind traumatisiert.

Inzwischen sei die Grundversorgung der Verletzten weitgehend gewährleistet, sagt Clemens Mirbach, Länderkoordinator Libanon von Malteser International, im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“. „Das betrifft allerdings nur die physischen Wunden der Menschen, nicht ihre psychischen Verletzungen.“

Sieben von zehn Libanesen wollen auswandern

Schon vor der Katastrophe am 4. August mit mindestens 220 Toten und mehr als 6000 Verletzten hatten die Einwohner Beiruts aufgrund der instabilen politischen Lage, der hohen Inflation und Arbeitslosigkeit, der 1,5 Millionen Flüchtlinge im Land und den Einschränkungen durch SARS-CoV-2 zu leiden.

„Sieben von zehn Libanesen denken übers Auswandern nach“, sagt Clemens Mirbach, der mit seiner Familie drei Jahre lang in Beirut gelebt hat und erst drei Wochen vor der Explosion nach Deutschland zurückgekehrt ist. „Da 80 Prozent der Versorgungsgüter des Landes über den nun zerstörten Hafen importiert wurden, werden die Bedürfnisse der Menschen in nächster Zeit steigen, das betrifft sowohl die Versorgung mit Nahrungsmitteln als auch mit Medikamenten.“

Gesundheitliche Lage verschlimmert sich

Tatsächlich ist der Libanon extrem vom Import abhängig. Etwa vier Fünftel aller Güter werden aus dem Ausland eingeführt. Verschärft wird die Lage durch die Zerstörung der am Hafen befindlichen Silos, wodurch etwa 15.000 Tonnen Getreidevorräte kontaminiert wurden. Der Libanon war bereits seit vergangenem Jahr von einer schweren Nahrungsmittelkrise betroffen, die sich nun weiter verschärfen dürfte.

„Die gesundheitliche Lage verschlimmert sich zudem durch einen rapiden Anstieg der Corona-Infektionen“, sagt Clemens Mirbach, der dem Libanon eigenen Angaben nach seit mehr als 20 Jahren verbunden ist. „COVID-19 ist aus dem Horizont gerückt, da die Bedrohung in der multiplen Krise für die meisten Menschen sehr abstrakt ist.“

Das Hilfswerk Malteser International hat unmittelbar nach der Explosion im Hafen von Beirut zwei mobile Kliniken in die libanesische Hauptstadt entsandt und den Kooperationspartnern vor Ort 100.000 Euro Soforthilfe zugesagt.

Zudem sind Hunderte freiwillige Helfer der Organisation in der zerstörten Stadt unterwegs, um die Menschen mit Essen sowie Medikamenten zu versorgen und ihnen bei der Beseitigung der Trümmer zu helfen. Viele Einwohner bleiben aus Angst vor Plünderungen zuhause, andere sind aufgrund ihrer Verletzungen nicht in die Lage, eines der provisorischen Versorgungszentren aufzusuchen.

Zehn Krankenhäuser zerstört oder beschädigt

Die Zahl jener Menschen, die aufgrund der Beiruter Katastrophe ihr Obdach verloren haben, wird derzeit auf 300.000 geschätzt. Rund zehn Krankenhäuser wurden zerstört oder beschädigt, in vielen Stadtteilen brach die Strom- und Wasserversorgung zusammen.

Neben den Maltesern sind auch andere Hilfsorganisationen im Einsatz, darunter Ärzte ohne Grenzen, das Deutsche Rote Kreuz, die Diakonie Katastrophenhilfe, Humedica und Handicap International. Die Organisationen action medeor und Apotheker unterstützen mit der Spende von dringend benötigten Medikamenten und medizinischen Hilfsgütern.

Viele Kinder stehen noch unter Schock

Unicef und terres des hommes kümmern sich derzeit um die von der Katastrophe besonders betroffenen Kinder und Jugendlichen. Viele von ihnen stehen noch immer unter Schock oder sind durch den Verlust von Angehörigen und Freunden schwer traumatisiert.

Mitarbeiter der Organisationen koordinieren in speziellen Schutzcamps die psychische und soziale Betreuung der Kinder aus den besonders von der Katastrophe betroffenen Stadtbezirken Gemmayseh, Mar Mikhail und Sassine. Zudem führen die Helfer getrennte Familien zusammen, führen Impfprogramme fort und helfen beim Wiederaufbau zerstörter Schulen. Ein besonderes Augenmerk liegt auch auf der Gewährleistung von Hygienediensten, um die weitere Ausbreitung von SARS-CoV-2 zu verhindern.

Clemens Mirbach von Malteser International will sobald als möglich nach Beirut reisen, um die Menschen vor Ort zu unterstützen. „Jetzt geht es um den Schulterschluss aller.“

Mehr zum Thema

Kommentar zu „„#innovationsland Deutschland“

Europa sucht die KI-Superstars

„Hart aber fair“

KBV-Chef will Corona-“Panikmodus“ beenden

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Mitarbeiter des Städtischen Krankenhauses und der Stadtwerke Kiel streiken vor dem Krankenhaus.

Tarifverhandlungen

Erste bundesweite Warnstreiks im Öffentlichen Dienst